Madison Square Garden

25. März 2011 12:08; Akt: 25.03.2011 13:11 Print

In der «berühmtesten Arena der Welt»

von Philipp Reich, New York - Keine Fangesänge oder -choreographien. US-Sportfans gelten als zurückhaltend. An Stimmung fehlt es deshalb aber nicht, wie zwei Besuche zeigen.

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Der Madison Square Garden liegt mitten in Manhattan. Schon von aussen wirkt das alte Stadion imposant. Die New Yorks Knicks spielen gegen die Orlando Magic. Der Andrang ist gross. Der Ausblick vom obersten Rang: Der Eindruck täuscht, auch von hier hat man eine gute Sicht aufs Spielfeld. Nur ein winziger Imbiss-Stand für die vielen Fans im obersten Rang der riesigen Arena. Auch die Toiletten sind sehr klein geraten. Die Spieler machen sich warm. Knicks-Superstar Amar'e Stoudamire wirft ein paar lockere Körbe. Noch 20 Minuten, dann kann es endlich losgehen. Die Zuschauer lassen auf sich warten. Erst kurz vor Spielbeginn füllen sich die Ränge. Spielbeginn: In der Halle ist es ruhig, schliesslich müssen die Fans sich erst so richtig installieren. Die Knicks liegen zurück. Der Lautstärkepegel hält sich dementsprechend in Grenzen. Die Fans fotografieren, filmen, essen und trinken. Plötzlich kommt Stimmung auf, endlich. Die Knicks blasen zur Schlussoffensive. Vergebens: 99:111 lautet das Schlussresultat. Schon wieder eine Pleite für das Starensemble der Blau-Orangen. Die Enttäuschung ist riesig. Innert Minuten leert sich die Halle. Weniger als 24 Stunden später steht im Madison Square Garden Eishockey auf dem Programm. Fanartikel werden verkauft. Ein überdimensionaler Zeigefinger in den Vereinsfarben ist der Renner schlechthin. Servette-Trainer Chris McSorley (r.) wollte sich das Spiel der Rangers gegen die Ottawa Senators ebenfalls nicht entgehen lassen (im Bild mit 20-Minuten-Online-Redaktor Philipp Reich). Im zweitobersten Rang sind die Toiletten etwas geräumiger. Auch das Verpflegungsangebot lässt sich sehen. Sogar ein kleines Pub gibt es, wo man sich vor dem Match ein irisches Bier genehmigen kann. Aus dem Basketball-Parkett ist ein Eisfeld geworden. Nicht mehr vergebene Rückennummern, die Logen und die noch leeren Zuschauerränge. Die Rangers betreten unter tosendem Jubel das Feld und bereiten sich auf die Partie vor. Hinweis an die Fans: Wer sich nicht richtig benimmt, wird bestraft. Die Partie beginnt. Doch laut wird es in der Halle nicht, dafür fallen zu wenig Tore. Irgendwo auf der Bank der Senators sitzt auch der Ex-Klotener Roman Wick. Endlich Action: Die Zuschauer dürfen einen Boxkampf bejubeln. Der Ranger gewinnt, muss aber ebenfalls auf die Strafbank. Gebannt verfolgen die zahlreichen Rangers-Fans das Spielgeschehen. Nach 40 Minuten steht es immer noch 1:0 für die Gäste aus Ottawa. Der Ausgleich fällt. Endlich geht die Post ab. Die Fans versuchen ihre Mannschaft nun zum Sieg zu peitschen. Der entscheidende Treffer will aber nicht gelingen. Die Rangers verlieren im Penaltyschiessen und wieder ist die Arena in wenigen Sekunden leer.

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«Die berühmteste Arena der Welt»: So nennen die Betreiber den altehrwürdigen Madison Square Garden, der im Herzen von Manhattan liegt. Nicht ganz unbescheiden, doch vollkommen zu Recht. Hier verlor Muhammed Ali 1971 gegen Joe Frazier seinen ersten Profi- und den wohl grössten Boxkampf der Geschichte, hier traten und treten noch immer die grössten Rock- und Popstars auf, hier wurden Stanley Cups und NBA-Titel gewonnen und hier beendeten Sportstars wie Wayne Gretzky und Steffi Graf ihre Karrieren. Doch wie steht es um die Stimmung in der «berühmtesten Arena der Welt»? Geht die Post ab, wenn fast 20 000 Fans den Basektballern der New York Knicks oder den Eishockeyanern der New York Rangers bei einem ganz normalen Spiel der Regular Season zujubeln?

In Europa herrscht das Vorurteil, dass den Sportfans in Übersee eine Fankultur, wie sie hierzulande gepflegt wird, fehlt: keine Gesänge und keine Choreographien. Die Fans würden nur zum Essen und Trinken kommen und nur der Videowürfel könnte sie zum Anfeuern ihres Teams animieren. Stimmt das europäische Bild des trägen, Hot-Dog-essenden Nordamerika-Sportfan? Zwei Besuche im New Yorker Madison Square Garden sollten Aufschluss geben.

Knicks-Spiel endet vor halbleeren Rängen

Mittwochabend: Die New York Knicks spielen gegen die Orlando Magic. Der Hype um das Team ist nach den Transfers von Carmelo Anthony und Chauncey Billups riesig. Zusammen mit Amar'e Stoudemire, der schon ein halbes Jahr früher nach New York gekommen war, sollen sie die Knickerbockers zum ersten Mal seit 2004 wieder in die Playoffs und gleich auch zum NBA-Titel führen. Die Halle ist längst ausverkauft. 125 Dollar kostet ein Ticket unter dem Stadiondach im Zweitverkauf. Auf der Eintrittskarte steht 25 Dollar.

Die Knicks erwischen keinen guten Abend. Es fehlt die Konstanz. Die Fans bleiben ruhig. «Defense»-Sprechchöre, ein «Booh» bei gegnerischen Freiwürfen, ein «Yeah» bei einem gelungen Dunk oder Rebound und ein «Aaah» bei einem Ballverlust - vielmehr kommt von den Fans nicht, auch wenn sie von Promis auf dem Videowürfel aufgefordert werden: «Make some noise.» Dort, wo eine Kamera die Fans filmt, geht die Post ab. Ansonsten bleiben die Zuschauer auf ihren Sitzen. Übrigens: Der Jubel im Stadion ist am grössten, als Knicks-Legende Patrick Ewing eingeblendet wird.

Erst als die Knicks zum Schluss noch einmal aufkommen und das Spiel zu kippen droht, herrscht plötzlich Ausnahmezustand. Im Chor wird das Heimteam nach vorne gepeitscht. Die Stimmung verflüchtigt sich aber schnell wieder. Bald zeichnet sich ab, dass die Wende nicht gelingen wird und noch vor der Schlusssirene befindet sich die Hälfte der Zuschauer enttäuscht auf dem Heimweg. Die Spieler müssen vor halbleeren Rängen zu Ende spielen.

Nach dem Ausgleich ist die Hölle los

Der nächste Sportevent lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Einen Tag später tragen die New York Rangers ihr Heimspiel gegen die Ottawa Senators im Madison Square Garden aus. Das Prozedere vor Spielbeginn ist das gleiche. Wieder kommen die Fans, die sich erst mit Speis und Trank ausrüsten müssen, spät in die Arena. Und wieder müssen sie mitansehen, wie ihr Team einen schlechten Start erwischt. «Let's go Rangers, let's go» tönt es immer wieder durch die Halle. Den Fangesängen fehlt es aber an Wucht, denn immer nur einzelne Grüppchen singen zusammen.

Mit dem Ausgleich ändert sich dies allerdings schlagartig. Alle springen aus ihren Sitzen und singen im Chor den Torsong, dessen simpler Text auf dem Videowürfel eingeblendet wird. Die Halle bebt. In den letzten Minuten geht es hin und her - Verzweiflung und Erleichterung liegen nahe beieinander. Die Zuschauer gehen und leiden mit. Die Entscheidung fällt aber weder in der heissen Schlussphase noch in der Overtime. Das Penaltyschiessen muss entscheiden. Nach je fünf Schützen gehen die Senators als Sieger vom Eis und wieder ist die Arena innert minutenfrist menschenleer.

Keine kollektive, sondern persönliche Fankultur

Zweimal konnte die Stimmung im Madison Square Garden den europäischen Sportfan nicht vom Hocker hauen. Das hat aber weniger mit den Fans an und für sich zu tun als mit den Resultaten, dem Spielverlauf und der Fankultur, die nicht wie in Europa kollektiv, sondern sehr persönlicher Art sind. Es gibt keine Fanklubs, nur den Rangers- oder Knicks-Fan. Sportbegeisterte gehen nicht ins Stadion, um sich während eines ganzen Spiels zusammen mit den Fan-Kollegen die Seele aus dem Hals zu schreien. Sie suchen vor allem Unterhaltung, und die gibt's für sie dann, wenn die eigene Mannschaft gewinnt.

Natürlich lässt man sich gerne von Unterhaltungsformaten berieseln. Um die Leute stets bei Laune zu halten, lassen sich die Stadionbetreiber auch so einiges einfallen. Hübsche Cheerleaderinnen, kleine Pausen-Spielchen mit Zuschauern dürfen ebenso wenig fehlen wie der fast schon obligate Heiratsantrag. Die alten Orgel-Melodien gehören einfach dazu. Die ständigen «Defense»- oder «Make some noise»-Aufforderungen nerven mit der Zeit aber auch die Einheimischen. Erst recht, wenn die eigene Mannschaft zurück liegt. Läuft's aber auf dem Spielfeld rund, geht auch auf den Rängen die Post ab.

Den Nordamerikanern fehlt zwar der Einfallsreichtum und die Beharrlichkeit bezüglich Choreographien oder Sprechchören der europäischen Fans, der Enthusiasmus für den Sport ist aber gross und lässt einen Besuch eines NBA- ode NHL-Spiels zum unvergesslichen Erlebnis werden.

Stimmung im Spiel Knicks vs. Magic


Torjubel der Rangers-Fans