Atlantic Row Challenge

13. Januar 2016 09:44; Akt: 13.01.2016 10:00 Print

Rudernd den Atlantik überqueren – und nackt

von Fee Riebeling, La Gomera - 63 Menschen rudern derzeit 3000 Seemeilen quer über den Atlantik, die meisten davon nackt. Und das aus gutem Grund.

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Fünf Tage später als geplant legten die Teilnehmer des härtesten Ruderwettkampfes am 20. Dezember 2015 vom Hafen von San Sebastián auf der Kanareninsel La Gomera ab. Schuld an der Verzögerung war das Wetter. Zwar schien die Sonne, aber der Wind blies falsch: Hätten die Ruderer planmässig abgelegt, wären sie Gefahr gelaufen, direkt nach dem Start an den Felsen zu zerschellen. Doch trotz des Aufschubs konnten die Starter die Insel nicht erkunden. Sie kümmerten sich lieber um ihre Boote ... ... und machten sich mit der Route sowie ... ... mit dem Leben an Bord vertraut. Schliesslich wollen sie in den nächsten Wochen 3000 Seemeilen quer über den Atlantik rudern. Und das bei Wind und Wetter, wie dieses von Lauren Morton (vom Team Row Like a Girl) auf Instagram gepostete Bild zeigt. Ausserdem müssen die Teilnehmer nicht nur mit dem Boot und den Naturgewalten klarkommen, sondern auch mit der Seekrankheit. Ungeachtet dieser Aussichten gönnten sie sich an den Abenden vor dem Start der Überfahrt jeweils eine Auszeit - in der bei Ruderern offenkundig beliebten Blue Marlin Bar im Zentrum von San Sebastián. Professionelle Sportler sind die wenigsten. Vielmehr handelt es sich um eine punkto Herkunft, Geschlecht und Erfahrung gemischte Truppe, darunter bildhübsche Mädchen (im Bild: Team Row Like a Girl) ... ... gestandene Frauen (im Bild: Team Yorkshire Rows) und ... ... beinamputierte Briten (im Bild: Team Row2Recovery mit der Autorin). Callum Gathercole (Team Persil Atlantic Waterbabies) ist mit seinen 19 Jahren der jüngste Teilnehmer und geht dazu noch ganz allein an den Start. Team Wadadli hat mit dem 74-jährigen Peter Smith den ältesten Teilnehmer an Bord. Trotzdem rechnen sie sich die Männer gute Chancen aus. Denn das Team stammt von Antigua und rudert damit nach Hause. Aber den Teams geht es nicht nur ums Siegen: Sie alle haben auch eine Botschaft. So wollen die vier Männer von Row2Recovery beispielsweise jenen Mut machen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Denn drei der vier Männer haben ein oder zwei Beine im Afghanistan-Krieg verloren, der vierte bei einem missglückten Fallschirmsprung. Zu der körperlichen Anstrengung kommt die psychische: Mehrere Wochen in einem so kleinen Boot auf hoher See ist für alle eine Herausforderung. Um die Überfahrt so angenehm wie möglich zu gestalten, haben die vier jungen Frauen von Row Like a Girl sogar an Weihnachtsdeko ... ... und Silvesteroutfits gedacht. Denn: Spass machen soll das Ganze ja auch.

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Bei der Talisker Whisky Atlantic Challenge müssen die Teilnehmer von La Gomera nach Antigua rudern: 3000 Seemeilen, quer über den Atlantik. Bei Wind, Wetter und Wellen von bis zu zwölf Metern Höhe. Draussen auf dem offenen Meer sind sie die meiste Zeit nackt. Dies aber nicht aus freien Stücken, sondern weil die Kombination von Kleidung und Salz die Haut aufreiben würde.

Schon die erste Begegnung mit den Startern überrascht: Statt der erwarteten Muskelmänner mit Ruder-Erfahrung empfängt einen eine punkto Herkunft, Geschlecht und Erfahrung gemischte Truppe, darunter gestandene Frauen, bildhübsche Mädchen und beinamputierte Briten. Der Jüngste ist 19, der Älteste 74 Jahre alt. Sie alle wollen heil ans Ziel kommen.

Kalorienverbrauch hat es in sich

Dafür haben die Teilnehmer in den letzten Wochen einiges in Kauf genommen: Sie haben trainiert, die Boote finanziert und sich mit dem Leben an Bord vertraut gemacht. «Vor allem, was Essen und Verdauung angeht», erklärt Callum Gathercole, der als jüngster Teilnehmer und ganz allein an den Start geht.

Um die Hightech-Ruderboote so leicht wie möglich zu halten, ist die Ausstattung auf das Nötigste begrenzt. Die in Beuteln abgefüllte Nahrung muss mit entsalztem Meerwasser aufgekocht werden. Dazu haben die meisten Teams Powerriegel als Snacks dabei. Das kalorienreiche Essen ist wichtig, denn die Teilnehmer verbrennen täglich bis zu 8000 Kilokalorien.

Toilettensitze und Nikolausmützen

Wer auf die Toilette muss, darf nicht scheu sein. Denn entweder hängt man sich mit dem Allerwertesten direkt über das Meer oder nimmt auf einem Kübel Platz. Was das angeht, ist bei den Frauen von Yorkshire Rows die Entscheidung schon gefallen: Sie haben auf dem Eimer einen Toilettensitz montiert.

Es scheint den Startern wichtig zu sein, sich an Bord zu Hause fühlen zu können. Während Gatherole Laptop, Musik und Hörbücher eingepackt hat, haben die vier Männer des Teams Wadadli (Antigua) aufblasbare Lounge-Sessel dabei. Die vier jungen Frauen von Row Like a Girl (UK) haben sogar an Weihnachtsdeko, Nikolausmützen und Geschenke gedacht.

Die Mitzwanzigerinnen wollen nicht unbedingt den Sieg heimfahren, sondern vor allem Teammitglied Lauren Morton nach Antigua bringen. Die 26-Jährige möchte mit der Atlantik-Überquerung den Grundstein für ihre Karriere als Extremsportlerin legen. Deshalb tritt sie zum zweiten Mal an. Beim ersten Versuch hatten sie und ihre damalige Mitstreiterin nach 96 Tagen manövrierunfähig vom offenen Meer gerettet werden müssen. «Nicht-Ankommen ist dieses Mal keine Option», sagt Morton. «Ich denke, die anderen wissen das.» Die Erwähnten nicken und berichten rasch von ihrer eigenen Motivation: Sie wollen der Welt beweisen, dass auch das vermeintlich schwache Geschlecht Grosses leisten kann.

Alles ist machbar

Eine ähnliche Botschaft hat die Crew von Row2Recovery (UK). Sie will jenen Mut machen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Und das allein mit ihrer Teilnahme. Denn drei der vier Männer haben ein oder zwei Beine im Afghanistan-Krieg verloren, der vierte bei einem missglückten Fallschirmsprung. Unversehrt ist keiner von ihnen.

Den körperlichen Nachteil denkt die Crew mit ihrer Militär-Erfahrung wettmachen zu können. «Wir wissen, wie es ist, mit anderen Menschen auf engem Raum zu Unzeiten und unter Stress zusammen zu sein», sagt Cayle Royce, der bereits im Jahr nach seiner Amputation schon einmal den Atlantik überquert hat, allerdings zusammen mit nicht-handicapierten Teamkollegen. Dieses Mal will er zeigen, dass auch «drei Beine bei vier Körpern» das schaffen können.


Trotz aller Vorfreude: Die Starter haben Respekt vor dem, was kommt. (Video: Youtube/taliskerchallenge)


An eine Ruderpause ist bei der Atlantic Challenge nicht zu denken. (Video: Youtube/taliskerchallenge)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • H. Weber am 13.01.2016 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    Freue mich mit ihnen.

    Finde ich total gut, dieses Erlebnis und ich kann es gut, mit Freude nachempfinden, Vor ca. 30 Jahren hatte ich auch mal die Gelegenheit mit Freunden den Atlantik zu überqueren, auf einem Segelboot. Die Pen Duik III, 17 m, 2 Master, Aluboot von Eric Tabarli, eine Segellegende. Dieser Bericht erfreut mich richtig gehend

  • M.L.R. am 13.01.2016 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Wow...als Ruderin habe ich riesen Respekt vor allen TeilnehmernInnen. Ich ziehe den Hut vor Ihnen und wünsche Ihnen viel Glück!!!

  • Edwin van der Saar am 13.01.2016 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch schon über den Atlantik

    Vor 17 Jahren im August brachen wir heisst, 14 Personen, in Puerto Rico zu einer 15 tägigen Schiffsreise auf, mit einem Dreimaster notabene und dem Ziel Madeira. Wir hatten nur zwei Tage etwas höheren Wellengang, sonst war alles super. Würd ich jetzt auch mit 52 ig nochmals machen, ein Traum und nicht gefährlicher als alleine durch eine grosse Stadt zu laufen. Kann ich jedem empfehlen. Rudern würde ich nie so weit, aber jedem das Seine und ziehe den Hut vor dieser Leistung, ist unändlich weit gut 5'000 km zu rudern. Gruss aus dem schönen Berner Oberland

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roman Insel am 13.01.2016 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    GPS sicher dabei

    Und das super GPS dabei, dass man in der Not per Heli abgeholt wird. Wohlstand sei Dank. Einfach nur unnötig und wichtigtuerei

    • Mario M. am 13.01.2016 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roman Insel

      Und du hockst auf dem Sofa am Abend und willst die Leistung von diesen Leuten schmälern. Warum sollten sie sich nicht für eine Notsituation ausrüsten dürfen?? Hast du keine Versicherungen für Notfälle? Keine Reiseversicherung in den Ferien?

    • Jürg am 13.01.2016 13:05 Report Diesen Beitrag melden

      Atlantik

      Ich finde es gut, habe selber bereits per Segelyacht den Atlantik überquert und möchte diese Erfahrung nicht missen. Es behauptet niemand dass dies eine ausserordendliche Leistung ist, aber sicherlich eine gute Erfahrung. Diese fehlt Ihnen sicherlich! Unternehmen Sie doch einfach auch etwas, und wenn es nur ein Spaziergang mit dem hund ist. Sie fühlen sich danach besser!

    • Stimmt Nicht am 13.01.2016 13:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mario M.

      Bloss weil der Heli angefordert werden kann im Sturm, bedeutet dass nicht dass es kein Risiko mehr gibt. Vorallem für die Helikrew und Sanitäter die wohl eigentlich nicht ihr leben für irgendwelche Hobbyruderer hergeben wollen...

    • Mario M. am 13.01.2016 13:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Stimmt Nicht

      Auch die Rettungscrew rettet sie nicht falls aufgrund schlechter Witterung oder sonstigen Umständen ein erhöhtes Risiko für die Rettungsmannschaft und Heli bestehen sollte. Ist bei der Rega dasselbe.

    • baba am 13.01.2016 13:32 Report Diesen Beitrag melden

      heli nütz nicht immer

      äm sorry, aber weisst du wie gross der Atlantik ist? Da nützt je nach dem wo du bist nix wenn du den Heli anforderst weil der gar nicht rechtzeitig da sein kann. zdem besteht das risiko von Frachtern versenkt zu werden, die sehen dich nicht und können auch nicht für dich halten. Les mal ein Buch bsp. Tosende Stille. Von einer Frau geschrieben die ganz allein über den Atlaktik ist und mehrmals fast drauf gegangen wäre...

    • Im Angesicht des Hodens am 13.01.2016 13:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roman Insel

      Es Sterben immernoch Jedes Jahr ne menge Alleinsegler. Trotz bester Ausrüstung und GPs und und und. Nur weil alles Moderner ist und mehr Möglichkeiten da sind bedeutet das nicht das es Ungefährlicher wird. Vorallem mit dem El Ninio Wetterphänomen das aus Argentienen bis hier her Wirkt. Alleine wär so ein Unterfangen immernoch Sehr Gefährlich. Selbstüberschätzung und Unterschätzung Tötet immer wider auf dem Meer als auch auf dem Berg

    • Sven Grossenbacher am 13.01.2016 13:52 Report Diesen Beitrag melden

      Begleitboot

      ... eine Segelyacht, die Mystic, begleitet die Ruderer und hilft bei Problemen...

    einklappen einklappen
  • Fritz Schmid am 13.01.2016 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Sensation

    Respekt, aber auf der Passatroute werden die Teams wohl kaum 12m Wellen erwarten - schon gar nicht um diese Jahreszeit....

  • Edwin van der Saar am 13.01.2016 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch schon über den Atlantik

    Vor 17 Jahren im August brachen wir heisst, 14 Personen, in Puerto Rico zu einer 15 tägigen Schiffsreise auf, mit einem Dreimaster notabene und dem Ziel Madeira. Wir hatten nur zwei Tage etwas höheren Wellengang, sonst war alles super. Würd ich jetzt auch mit 52 ig nochmals machen, ein Traum und nicht gefährlicher als alleine durch eine grosse Stadt zu laufen. Kann ich jedem empfehlen. Rudern würde ich nie so weit, aber jedem das Seine und ziehe den Hut vor dieser Leistung, ist unändlich weit gut 5'000 km zu rudern. Gruss aus dem schönen Berner Oberland

  • juhui am 13.01.2016 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja, bin nicht begeistert

    Stell dir vor... Kabeljau mit Zipfel im Mund.

  • M.L.R. am 13.01.2016 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Wow...als Ruderin habe ich riesen Respekt vor allen TeilnehmernInnen. Ich ziehe den Hut vor Ihnen und wünsche Ihnen viel Glück!!!