11. April 2007 16:35; Akt: 11.04.2007 17:20 Print

Turnen: Nächster Eklat - Frauenteam suspendiert

Wieder Eklat im Schweizer Turnverband (STV): Zwei Wochen nach dem Rausschmiss von Patrick Dominguez aus dem Nationalkader suspendierte die Verbandsleitung das komplette Frauen-Team um die Top-Athletin Ariella Kaeslin von der EM in Amsterdam.

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Damit hat eine von Reibereien und Spannungen geprägte Entwicklung zwischen Nationaltrainer Eric Demay und den Turnerinnen einen negativen Höhepunkt gefunden. «Das ist eine sehr ungefreute Sache», bestätigt Ruedi Hediger, der Chef Leistungssport im STV, «eine absolute Krisensituation, die über Ostern eskaliert ist».


Mini-Streik und passiver Widerstand

Die Athletinnen leisteten im Training passiven Widerstand - Hediger spricht von einem «Quasi-Sitzstreik» - und verlangten die Ersetzung von Demay als Cheftrainer für die Europameisterschaften Ende April. Hediger und STV-Präsident Hanspeter Tschopp drehten darauf den Spiess um und strichen kurzerhand Ariella Kaeslin, Danielle Englert, Linda Stämpfli und Carina Fürst aus dem EM-Aufgebot. «Das ist ein Entscheid, an dem es nichts zu rütteln gibt», sagt Hediger.

Damit ist von jenen Turnerinnen und Turnern, die an der EM 2005 in Debrecen sensationell drei Finalplätze erkämpft hatten, in Amsterdam niemand mehr dabei. Patrick Dominguez' Karriere ist wohl zu Ende, wenn er nicht im spanischen Team Unterschlupf findet; Ariella Kaeslins Höhenflug erlebt eine abrupte (Zwischen-)Landung. Die Luzernerin hatte sich in Debrecen als erste Turnerin seit Romi Kessler im Jahr 1979 für einen EM-Final qualifiziert und mit einem 4. Rang, nur 35/1000 hinter einem Medaillenplatz, ein Allzeit- Bestresultat aufgestellt. An der WM in Aarhus turnte sie am Schwebebalken die Übung mit dem weltweit höchsten Ausgangswert.

Diese erfreuliche Leistungsentwicklung hatte aber auch eine Kehrseite. Sie übertünchte Spannungen und zwischenmenschliche Probleme zwischen den Turnerinnen und dem Trainer. Eric Demay, der mit seiner Frau Cécile als Assistenztrainerin im Jahr 2000 in die Schweiz gekommen war, hatte unbestritten grossen Anteil am Aufschwung im Frauen-Turnen.


Harte Kritik an Demay

Mit seiner forschen Art und dem barschen Ton eckte Demey aber immer wieder an. Genau das machen ihm die Athletinnen nun zum Vorwurf. Er sei beleidigend, spiele sie gegeneinander aus und stelle sie bloss, kritisierten die vier ausgebooteten Turnerinnen und bestätigten ihre Aussagen in einer schriftlichen Stellungnahme. «Vorläufig möchte ich mich dazu öffentlich nicht äussern», sagt Ariella Kaeslin, die nicht noch mehr Öl ins Feuer giessen will und insgeheim immer noch auf eine EM-Teilnahme hofft. Demay war ebenfalls für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Leistungssportchef Hediger waren die latenten Probleme bekannt. «Man kann uns», so Hediger, «den Vorwurf machen, zu spät gehandelt zu haben. Wir haben versucht, mit einer Mediation und dem Beizug einer Psychologin die Probleme unter Kontrolle zu bringen. Wir strebten eine 'sanfte Lösung' an.» Ein simples Missverständnis wegen einer geschlossenen Halle hat nun offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht.


Zukunft des Frauen-Turnens gefährdet?

Hediger ist es offensichtlich nicht wohl bei seinem Entscheid: «Was hätten wir denn machen sollen? Damit haben wir die Zukunft des Schweizer Frauen-Turnens gerettet. Im September stehen Weltmeisterschaften mit Olympia-Qualifikation an. Wir haben neben den vier 'Senioren'-Turnerinnen noch acht Nachwuchsturnerinnen im Kader, deren Zukunft bei einer Entlassung von Demay gefährdet wäre.»

Hediger gibt unumwunden zu, dass auch die Freistellung von Demay eine in der Verbandsleitung diskutierte Option war: «Das haben wir intensiv geprüft. Aber im Turnen ist es nicht so wie im Fussball, wo man einfach einen Schällibaum holen kann. Unter den qualifizierten Kunstturnerinnen-Trainern gibt es keinen Markt.»

Da auch die beiden Nachwuchstrainer zur Demay-Fraktion gehören, musste der STV damit rechnen, dass bei einer Entlassung von Demay neben dessen Frau Cécile aus Solidarität auch diese gehen und damit der Verband auf einen Schlag gleich vier Fachkräfte verliert -eine sehr delikate Situation.

Die Athletinnen bekamen nun zur Auflage, sich bis am Freitag zu überlegen, ob sie weitermachen wollen und sich dann am Montag, 16. April, wieder in Magglingen einzufinden. Demay selber wurde zur Selbstfindung und Erholung für 14 Tage beurlaubt. Dann soll er die Tätigkeit wieder aufnehmen, aber zu klar fixierten Konditionen und mit moderateren Umgangsformen - aber dann vielleicht ohne Turnerinnen?

(sda)