Transfers in der NFL

24. März 2020 15:50; Akt: 24.03.2020 15:50 Print

Wo Sportler wie Leibeigene behandelt werden

von Etienne Sticher - Wer als Football-Profi in der NFL spielt, verdient gutes Geld. Aber er hat kaum Rechte.

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Erst kürzlich stand Buckner (99) noch in der Superbowl. Trotzdem transferierten ihn die San Francisco 49ers. (Bild: David Santiago)

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Es kam überraschend, für die Öffentlichkeit und ihn selber: Als DeForest Buckner, Footballer der San Francisco 49ers, vor ein paar Tagen von seinem Club nach Indianapolis transferiert wurde, da sagte der Verteidiger: «Es schmerzt.» Buckner war ein Schlüsselspieler und stand mit seinem Team in der Superbowl, trotzdem muss nun er gehen. Er habe für das Team gekämpft und in San Francisco Freundschaften fürs Leben geschlossen. Gegen seinen Wechsel tun kann er aber nichts.

In der National Football League (NFL) wird auf persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht genommen. Noch viel weniger als in Sportarten wie dem Fussball, wo die Spieler deutlich mehr Rechte haben. In der NFL tauschen Vereine die Spieler untereinander aus. Die Verträge bleiben bestehen und laufen beim neuen Team weiter – und können dort angepasst oder einfach gekündigt werden.

Ob oder wohin die Spieler transferiert werden, können sie sich nicht aussuchen. Buckner wäre gerne in San Francisco geblieben, aber: Mit der Unterzeichnung seines Vertrags bei den 49ers vor vier Jahren trat er das Recht ab, selbst zu bestimmen, wo er spielt. Diese Entscheidung obliegt seither dem Teambesitzer – und dazu dient die Transferphase, die in der NFL derzeit trotz Corona läuft. In den ersten zehn Tagen wurden 15 Spieler transferiert, über 50 entlassen, und weit mehr als 100 vertragslose Spieler fanden einen neuen Arbeitgeber. Mit all diesen Wechseln kommt es durchaus vor, dass die Hälfte eines Teams während einer Transferphase ausgewechselt wird.

Vor dem Beginn seiner NFL-Karriere nahm DeForest Buckner an der NFL-Combine teil. An diese Leistungsschau werden die vielversprechendsten College-Spieler eingeladen, damit die Teambesitzer und Trainer sie unter die Lupe nehmen können. Die Spieler werden ausgefragt, gemessen und gewogen und müssen sich medizinischen und sportlichen Tests unterziehen. Der ehemalige deutsche NFL-Spieler Markus Kuhn sagte einmal, dass er sich dabei wie beim Menschenhandel vorgekommen sei.

Bei der Combine müssen die Spieler Übungen absolvieren und werden dabei genau beobachtet. (Bild: Ezra Shaw/AP)

Auswege gibt es kaum

So zieht sich das weiter, denn der Vergleich mit dem Menschenhandel lässt sich auch auf den Schritt vom College in die NFL anwenden: den NFL-Draft. In sieben Runden sichern sich die Teambesitzer die Rechte an den jungen Spielern, wobei das schlechteste Team der Vorsaison in jeder Runde zuerst auswählen darf, das beste zuletzt. Wird ein Spieler gezogen, kann er entweder bei diesem Team einen Vierjahresvertrag unterschreiben oder der NFL für immer den Rücken kehren. Nach der Unterzeichnung des Vertrags hat der Teambesitzer das Recht, den Spieler zu jedem anderen Team zu transferieren. Auflagen gibt es keine. So kann es sein, dass ein Spieler wenige Tage nach einem Transfer bereits wieder zu einem anderen Team abgeschoben wird.

Nur wenige Spieler besitzen in ihren Verträgen etwa eine «no-trade clause», die besagt, dass sie nur mit ihrem Einverständnis transferiert werden können. Der Grossteil der Spieler kann so nur dann frei entscheiden, für welches Team er spielen möchte, wenn er entlassen wurde oder der Vertrag auslief.

Doch nicht einmal das ist sicher. Möchte ein Verein einen Spieler unbedingt behalten, kann er ihn mit der sogenannten Franchise Tag belegen und ihm so einen gut dotierten Einjahresvertrag aufzwingen. Diesen muss der Spieler unterzeichnen, wenn er in der folgenden Saison in der NFL spielen will. Einen Ausweg aus dieser modernen Leibeigenschaft gibt es fast nicht.

Streik, Millionenverlust und Imageschaden

Le'Veon Bell fand einen. Er wurde 2013 von den Pittsburgh Steelers im Draft gezogen und unterschrieb den Vertrag über vier Jahre. Nach dessen Ablauf strebte der sehr erfolgreiche Runningback einen langjährigen Vertrag an. Doch er konnte sich nicht mit seinem Arbeitgeber einigen, weshalb ihm dieser mit dem Franchise Tag einen Einjahresvertrag aufzwang. Als im Jahr darauf dasselbe nochmals geschah, entschied sich Bell, zu streiken. Er blieb allen Trainings und Spielen fern und verweigerte jeglichen Kontakt mit Teamvertretern. Nach dem Ende der Saison liessen die Steelers Bell ziehen.

Dieser Weg aus dem Besitz eines NFL-Teams kostete Bell aber mehrere Millionen Dollar, und seine Beliebtheit litt stark darunter. Ein zweiter Weg wäre der komplette Ausstieg aus der NFL. Doch das ist eigentlich keine Option. Denn: Weltweit gibt es nur noch in Kanada eine Football-Profiliga – die genügt den Qualitätsansprüchen von gestandenen NFL-Spielern aber nicht und ist bestenfalls ein Ausweg.

Auch für DeForest Buckner kam ein Ligawechsel nicht infrage. Er unterschrieb kurz nach seinem Transfer eine Vertragsverlängerung mit den Indianapolis Colts über vier Jahre. Ob mit oder ohne «no-trade clause», ist nicht bekannt. Vielleicht erfahren wir das noch in dieser Transferphase.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Prof.B.Diggus am 24.03.2020 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trotz allem...

    aufgrund der Capspace Auflagen viel interessanter und ausgeglichener als fast jede Sportart in Europa. Ich wünschte mir, Fussball bekäme die gleichen Auflagen im Sport wie dies in den USA gehandhabt wird. Zuerst ein Schulabschluss, dann der Draft und erst danach die Profikarriere

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  • yves am 24.03.2020 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    nana

    Der Artikel lässt vieles einfacher erscheinen als es ist. Es gibt eine Gehaltsobergrenze und diese kann nicht überschritten werden. Dazu können Spieler nicht so leicht entlassen werden, je nach Vertragssituation kann das Entlassen teurer werden als den Spieler einfach zu behalten (dead money). Bell ist auch mehrfach positiv auf Marihuana getestet worden. Da ist eine gewisse Vorsicht auch angebracht. Die 49ers hätten Buckner in einem Jahr wahrscheinlich nicht halten können und entschieden sich lieber einen sicheren Gegenwert zu bekommen, als ihn ziehen zu lassen (comp picks sind nicht planbar)

  • Niners for Life am 24.03.2020 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Sportart entdeckt?

    Geschätzter Verfasser Wenn ich Ihren Artikel lese, werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie neu über diesen Sport berichten wollen/dürfen/müssen. Der Grundtenor ist durchwegs negativ ausgerichtet. Weiter wird, wie von vielen in den Kommentarspalten erwähnt, der Salary Cap im Text nicht angesprochen. DeFo Buckner hat bei den Colts einen Vertrag über 21 Mio. pro Jahr für die nächsten zwei Jahre unterschrieben. Die 49ers hatten lediglich ein Cap Space von 15 Mio. Solche Situationen passieren jedes Jahr und gehören zum System als ganzes (Ausgeglichenheit bewahren).

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt / USA am 25.03.2020 04:36 Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Sklaven Lohn!

    Was diese Spieler in (20) Spielen pro Jahr verdienen, musste ich mich (48) Jahre lang in der Industrie bestätigen .

    • Panthers Geek am 25.03.2020 14:18 Report Diesen Beitrag melden

      nicht ganz so einfach...

      naja, wenn du ein 6-7 Runden Pick bist ist dein Einkommen nach Steuer eher so bei 200'000-250'000...ich denke mal sie verdienen mehr in ihrem Leben als ein 4-7 Runden Pick pro Jahr verdient ;) erst wenn dann nach 3 Jahren der Rookie Deal durch ist, du dich gut präsentiert hast und nicht verletzt bist kriegst du dann den "Rentenvertrag"... Oder eben du bist ein 1-2 Runden Pick, dann kriegst du sofort Millionen, dahinter aber sieht es anders aus.

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  • KMFo am 24.03.2020 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Berichterstattung

    Der Beitrag ist zwar gut recherchiert, zeigt nur eine Perspektive. Von Capspace (Gehaltssumme aller Spieler zusammen) die bei allen Teams gleich ist und somit die Liga ausgeglichener macht oder von Rookieverträgen oder Franchisetags ist kaum die Rede. Buckner musste gehn, weil er zu teuer wurde. Die 49ers haben letzte Saison alles auf eine Karte gesetzt, um in den Superbowl zu kommen. Nun können sie das Team aber aufgrund der Obergrenze nicht mehr halten und müssen deshalb traden. Ps: Bell wurde gierig, Franchise-Tag = Durchschnitt der fünf besten Gehälter. Bei einem RB gut 15Mio. Not bad

    • Panthers Geek am 25.03.2020 11:42 Report Diesen Beitrag melden

      Armstead oder Buckner...

      naja, nicht vergessen SF hat gleichzeitig Armstead einen Mega Deal angeboten...heute weiss man beide halten ging einfach nicht wegen dem Salary Cap und SF hat sich halt für Armstead entschieden und Buckner getraded. Ich fand den Entscheid sehr klug, denn so haben sie den 13 Pick im diesjährigen Draft erhalten, Armsteads Vertrag lief aus und wäre ohne verlängerung ein Free Agent, also hätte man hier erst 2021 einen compenstory Draftpick erhalten... Eigentlich Win - Win für beide Teams, auch wenn das der Spieler wohl anders sehen wird.

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  • humpty am 24.03.2020 20:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nhl auch

    ist ja in der nhl auch nicht gross anders. da kann es passieren dass du direkt nach einem spiel deine sachen packen musst und wenige stunden später in einer ganz anderen stadt bei einem andern team spielst. amiland halt. total verrückt, aber nicht auf positive art und weise..

    • Gabriel am 25.03.2020 11:44 Report Diesen Beitrag melden

      @ humpty

      Aber es gibt auch positives, ich denke Nino Niederreiter und Fiala hatten wohl zuerst keine Freude an ihren Trade! Da nun aber beide bei ihren neuen Teams aufgeblüht sind und gute Scoring werte haben (was ihre Position für zukünftige Vertragsverhandlungen stärkt) werden sie den Trade wohl heute sogar positiv sehen...ist jetzt einfach meine Spekulation!

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  • Tschugii am 24.03.2020 18:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spieler kennen die Regeln

    Die Spieler wissen ja auf was sie sich einlassen...schon vor der Karriere ist es klar das sie jederzeit getradet werden können

  • Niners for Life am 24.03.2020 17:56 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Sportart entdeckt?

    Geschätzter Verfasser Wenn ich Ihren Artikel lese, werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie neu über diesen Sport berichten wollen/dürfen/müssen. Der Grundtenor ist durchwegs negativ ausgerichtet. Weiter wird, wie von vielen in den Kommentarspalten erwähnt, der Salary Cap im Text nicht angesprochen. DeFo Buckner hat bei den Colts einen Vertrag über 21 Mio. pro Jahr für die nächsten zwei Jahre unterschrieben. Die 49ers hatten lediglich ein Cap Space von 15 Mio. Solche Situationen passieren jedes Jahr und gehören zum System als ganzes (Ausgeglichenheit bewahren).