Aktualisiert 10.10.2005 22:15

1,5 Millionen Kinder vom Erdbeben betroffen

Nach dem verheerenden Erdbeben in Südasien kämpfen Rettungskräfte weiter verzweifelt um das Leben von Verschütteten.

In der pakistanischen Stadt Muzaffarabad wurde am Montag, 54 Stunden nach dem Beben vom Samstagmorgen, ein 20-Jähriger aus den Trümmern eines zweistöckigen Hauses geborgen. In der Ortschaft Balakot befreiten Anwohner zwei kleine Mädchen aus einer zerstörten Schule. Wegen zerstörter Strassen waren zahllose Dörfer jedoch nicht erreichbar.

Das volle Ausmass der Katastrophe war am Montag noch immer nicht absehbar. Im bergigen Norden Pakistans und in Kaschmir rechnen die Behörden mit 20.000 bis 30.000 Toten. Aus Indien wurden mindestens 865 Tote gemeldet, aus Afghanistan vier.

Zwar rollte inzwischen die internationale Hilfe an, doch die schiere Zahl von bis zu 2,5 Millionen Obdachlosen und Verletzten machte eine rasche Versorgung aller Überlebenden unmöglich. Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF sind allein 1,5 Millionen Kinder unmittelbar betroffen.

«Die Dimension dieser Tragödie ist schier überwältigend», sagte US-Botschafter Ryan Crocker. Acht amerikanische Militärhubschrauber landeten am Mittag in Islamabad und brachten erste Hilfsgüter. Die US-Regierung stellte 50 Millionen Dollar Soforthilfe bereit. Aus Deutschland trafen 15 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) in Islamabad ein, die Bundeswehr entsandte ein Team aus Ärzten, Sanitätssoldaten und Pionierkräften nach Pakistan. Das Auswärtige Amt stockte seine Katastrophenhilfe auf eine Million Euro auf.

In der Hauptstadt des pakistanisch kontrollierten Teils von Kaschmir, Muzaffarabad, kam es zu ersten Plünderungen. Geschäftseigentümer und hungrige Anwohner lieferten sich erbitterte Schlachten mit Knüppeln und Steinen, etliche Menschen wurden verletzt, wie ein AP-Reporter beobachtete. Sicherheitskräfte griffen nicht ein. Augenzeugen zufolge wurden auch leere Wohnungen und Tankstellen geplündert.

Die Wasser- und Stromversorgung der Stadt, von deren 600.000 Einwohnern mindestens 11.000 der Katastrophe zum Opfer fielen, ist zusammengebrochen. Erst zehn Prozent der Todesopfer seien geborgen, sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. «In der ganzen Stadt liegen Leichen verstreut.» Familien gruben mit den Händen im Schutt, auf der Suche nach vermissten Angehörigen. Etwa 2.000 obdachlos gewordene Menschen verbrachten die Nacht um zwei Feuer im Fussballstadion von Muzaffarabad. Verletzte wurden auf dem Sportplatz notdürftig operiert.

Pakistan nimmt indisches Hilfsangebot an

Der pakistanische Staatspräsident Pervez Musharraf sprach vom verheerendsten Erdbeben in der Geschichte seines Landes und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Besonders Transporthubschrauber würden benötigt, um Hilfsgüter in die zerstörten Dörfer zu bringen. Selbst ein Hilfsangebot des Erzrivalen Indien nahm Islamabad am Nachmittag an. Der indische Aussenminister Shyam Saran kündigte an, man werde Zelte, Nahrungsmittel und Medikamente in den Nachbarstaat entsenden.

Bereits am Sonntag waren die ersten ausländischen Rettungsteams in Pakistan eingetroffen, am Montag landeten neben Einsatzkräften aus den USA und Deutschland auch Helfer aus Grossbritannien, Russland, China, der Schweiz und anderen Ländern. Frankreich entsandte 70 Ärzte nach Pakistan. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen in Genf rief zu Spenden auf. Es würden mindestens 200.000 wintertaugliche Zelte benötigt.

UN-Generalsekretär Kofi Annan brachte in Genf seine «tiefe Trauer» über die Erdbebentragödie zum Ausdruck. Es sei aber «ermutigend, zu sehen, wie schnell die Völkergemeinschaft auf das verheerende Erdbeben reagiert hat.» Bei der Rettung von Leben zähle jede Stunde. (dapd)

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