Aktualisiert 23.06.2015 09:21

Neue Bundesprognose10-Millionen-Schweiz als Energiewende-Killer?

Die neuen Einwohner-Prognosen befeuern den Streit um die Realisierbarkeit der Energiewende.

von
Stefan Häne
Der Bund rechnet mit mehr neuen Einwohnern als bisher gedacht: Viele Menschen geniessen die Sonne am Zürichsee. (8. März 2014)

Der Bund rechnet mit mehr neuen Einwohnern als bisher gedacht: Viele Menschen geniessen die Sonne am Zürichsee. (8. März 2014)

Die Differenz ist markant. Ursprünglich rechneten die Bundesstatistiker damit, dass hierzulande ums Jahr 2060 rund 9 Millionen Menschen leben werden. Doch nun haben sie ihre Prognosen neu justiert. Demnach zählt die Schweiz bereits 2040 zwischen 9,3 und 10,8 Millionen Einwohner, also 1,1 bis 2,6 Millionen mehr als Ende 2014. Dies zeigen die neuen Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung, die das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern publiziert hat. Gegenüber seinen bisherigen Berechnungen hat das BFS die Werte allesamt nach oben korrigiert. Politisch bedeutsam ist der Schluss, den das Amt zieht: Wie hoch das Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahrzehnten ausfalle, hänge fast ausschliesslich vom Ausmass der Zu- und Abwanderung ab. Der Geburtenüberschuss wirke sich hingegen kaum auf die Bevölkerungszahlen aus.

Das sogenannt mittlere Szenario rechnet mit einem Anstieg von 8,3 Millionen (Ende 2015) auf 10 Millionen (2040). Das sind 1,1 Millionen Einwohner mehr als bislang prognostiziert. Gemäss dem vom Bund als hoch bezeichneten Szenario haben wir im Jahr 2045 eine 11-Millionen-Schweiz und schon 2030 eine Einwohnerzahl von 10Millionen. Neu rechnet der Bund auch beim tiefen Szenario mit einem Anstieg, bislang ging er dort von einem Rückgang aus.

Unabhängig vom gewählten Szenario werde die Bevölkerung markant und rasch altern, konstatiert zudem das BFS. Beim mittleren Szenario würden demnach 2045 in der Schweiz 2,7 Millionen über 65-Jährige leben – das sind 1,2 Millionen mehr als heute.

BFE macht «keine Aussage»

Die Szenarien sind politisch relevant, bilden sie doch eine Grundlage für wichtige Weichenstellungen wie die Energiestrategie 2050, die der Bundesrat und das Parlament anstreben. Der Bund hat sich bislang auf das mittlere Szenario gestützt. Und dieses sieht für das Jahr 2040 nun 1,1Millionen mehr Einwohner vor als bislang. Ob es mit mehr Menschen im Land schwieriger wird, die Energiewende zu vollziehen, lässt das federführende Bundesamt für Energie (BFE) jedoch offen. «Dazu können wir auf Basis der aktuellen Energieperspektiven keine Aussage machen», sagt Sprecherin Marianne Zünd. Zwar sei klar: Steige die Bevölkerungszahl, wachse der absolute Stromverbrauch.

Wie stark diese Zunahme tatsächlich ausfällt, hängt laut BFE jedoch wesentlich von weiteren Treibern des Energieverbrauchs ab, etwa dem Bruttoinlandprodukt oder der Beschäftigung. Solche Faktoren flössen in die Energiesystem-Modelle ein, mit denen das BFE die Energieperspektiven berechne. Basierend auf den neuen BFS-Zahlen sowie den Verkehrsszenarien, die das Bundesamt für Raumentwicklung 2016 vorlegt, startet das BFE die Arbeiten zu den neuen Energieperspektiven 2017. Ergebnisse seien gegen 2020 zu erwarten.

Doch die neuen Wachstumsprognosen befeuern im Parlament bereits jetzt die Debatte um die Realisierbarkeit des energiepolitischen Jahrhundertprojekts. «Mit einer verstärkten Bevölkerungszunahme verkommen die Ziele der Energiestrategie endgültig zur Utopie», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Die anvisierten Produktionsmengen von Wasserkraft und anderen erneuerbaren Energien liessen sich bereits mit einem mässigen Bevölkerungswachstum nicht erreichen, zeigt er sich überzeugt. Politiker aus dem ökologischen Lager dagegen sehen die Energiewende durch das Bevölkerungswachstum nicht gefährdet. Das Potenzial der Erneuerbaren und der Effizienz sei viel höher als geplant, sagt Bastien Girod. Der grüne Nationalrat ortet das Problem vielmehr im «fehlenden politischen Willen in Bern».

Ecopop kritisiert Statistiker

Trotz der Korrektur nach oben: Das BFS wird – wie schon in der Vergangenheit – kritisiert, konservativ zu kalkulieren. Der Umweltverein Ecopop spricht gar von «politischem Tiefstapeln». Das BFS geht von einem Wachstum von durchschnittlich 0,7Prozent pro Jahr bis 2045 aus. Doch seit der Einführung der vollen Personenfreizügigkeit 2007, so rechnet Ecopop vor, seien es im Durchschnitt fast 1,2Prozent gewesen. Ecopop fordert den Bundesrat auf, «dringende Massnahmen zu ergreifen, um dieses masslose Bevölkerungswachstum zu stoppen». Nicht stoppen, aber allenfalls bremsen liesse sich der Anstieg mit der Zuwanderungs­initiative der SVP. Doch deren Umsetzung ist noch immer in der Schwebe.

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