Aktualisiert 27.06.2014 14:02

Ausgaben explodieren100 Prozent Leistung – oder Sozialhilfe droht

Die Sozialhilfekosten in der Schweiz explodieren. Mit ein Grund dafür dürfte sein, dass den Chefs oft nur noch Super-Mitarbeiter gut genug sind.

von
J. Büchi
Nur wer noch über längere Zeit leistungsfähig ist, ist für Firmen attraktiv.

Nur wer noch über längere Zeit leistungsfähig ist, ist für Firmen attraktiv.

Die Sozialhilfekosten in der Schweiz steigen weiter – und zwar massiv. Im Jahr 2012 kletterten die Ausgaben um über 14 Prozent oder 298 Millionen Franken. Im Jahr davor wurde ein Anstieg von 6,3 Prozent verzeichnet. Was ist der Grund für die Kostenexplosion?

Laut dem Bundesamt für Statistik sind sowohl die Ausgaben pro Person als auch die Zahl der Sozialhilfeempfänger gestiegen. Zudem gibt es mehr Menschen, die zu 100 Prozent von Sozialhilfe leben – also gar keiner Arbeit nachgehen. Auch die Zahl der Fälle mit langer Bezugsdauer hat zugenommen. Der stärkste Anstieg ist bei den Altersgruppen von 46 Jahren bis zur Pensionierung zu verzeichnen.

Nur noch Super-Mitarbeiter gefragt

Für Dorothee Guggisberg, die Geschäftsführerin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, ist das keine Überraschung: «Wir stellen fest, dass die Reintegration von Sozialhilfebezügern in den Arbeitsmarkt zunehmend schwieriger wird.» Wer seine Stelle einmal verliere, finde nur schwierig eine neue. Betroffen sind insbesondere ältere Arbeitnehmer, aber auch solche mit gesundheitlichen und psychischen Problemen oder geringer Bildung.

«Wir betrachten es mit Sorge, dass leistungsschwächere Arbeitnehmer zunehmend keinen Platz mehr haben auf dem Arbeitsmarkt», so Guggisberg. Sie sieht die Wirtschaft in der Pflicht: Nur wenn diese bereit sei, ältere und schwächere Arbeitnehmer zu integrieren, könne der Trend gestoppt werden. «Es darf nicht sein, dass nur noch leistungsstarke Arbeitnehmer beschäftigt werden.»

«Alle tragen zu unserem Reichtum bei»

Volkswirtschafts-Experte Rainer Eichenberger von der Universität Freiburg weiss, weshalb es sich für Firmen immer weniger lohnt, in leistungsschwache Mitarbeiter zu investieren: «Die Weiterbildung wird in fast allen Branchen wichtiger, die internationale Konkurrenz steigt, die Arbeitgeber haben immer höhere versicherungstechnische Auflagen zu erfüllen.» Dies führe dazu, dass die Fixkosten pro Mitarbeiter steigen. «Somit lohnt es sich nur, in Fachkräfte zu investieren, die noch über längere Zeit voll leistungsfähig sind.»

Diese Entwicklung sei problematisch: «In einer funktionierenden Volkswirtschaft müssen auch ältere und schwächere Personen ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend eingesetzt werden – auch sie tragen etwas zu unserem Reichtum bei.» Ohne sie stiegen nicht nur die Sozialhilfeausgaben – auch der Beitrag dieser Personen ans Bruttoinlandprodukt falle weg.

Eichenberger warnt aber davor, die Verantwortung dafür auf die Chefs abzuwälzen: «Niemand kann verlangen, dass Firmen Leute anstellen, die ihnen Verluste verursachen.» Vielmehr gelte es nun, die Gründe für diese Probleme genau zu identifizieren, und die Wirtschaft, wo nötig, durch den Staat zu entlasten.

(Grafik: 20 Minuten, Quelle: BFS)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.