Bilanz des Konflikts: 100 Tage Ukraine-Krieg – was hat Russland erreicht, was verloren?
Publiziert

Bilanz des Konflikts100 Tage Ukraine-Krieg – was hat Russland erreicht, was verloren?

Heute ist es genau 100 Tage her, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Was hat Wladimir Putin bis jetzt erreicht? Welche Verluste musste Moskau einstecken? 

von
Karin Leuthold
1 / 7
Am Freitag vor 100 Tagen marschierten Wladimir Putins Truppen in die Ukraine ein.

Am Freitag vor 100 Tagen marschierten Wladimir Putins Truppen in die Ukraine ein.

REUTERS
Auf die Invasion Russlands in die Ukraine hat der Westen mit scharfen Sanktionen reagiert. Doch Frieden ist weiter nicht in Sicht.

Auf die Invasion Russlands in die Ukraine hat der Westen mit scharfen Sanktionen reagiert. Doch Frieden ist weiter nicht in Sicht.

AFP
Die «militärische Spezial-Operation», wie Wladimir Putin den Krieg nennt, hat im Osten der Ukraine Schäden und Zerstörung hinterlassen.

Die «militärische Spezial-Operation», wie Wladimir Putin den Krieg nennt, hat im Osten der Ukraine Schäden und Zerstörung hinterlassen.

AFP

Darum gehts

100 Tage sind seit dem 24. Februar vergangen. An jenem Tag begann Russland den von Wladimir Putin befohlenen Einmarsch in die Ukraine. Der Kremlchef betrachtet den Konflikt als einen Krieg mit dem Westen zur Rettung der «russischen Welt». Erreicht hat er das Gegenteil – die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine wendet sich vom grossen Nachbarn ab. Zudem hat eine beispiellose Flut an Sanktionen des Westens die russische Wirtschaft in Turbulenzen gebracht. Eine Bilanz des Kriegsverlaufs.

Zivile Opfer

Nach UN-Schätzungen wurden seit Kriegsbeginn in der Ukraine mindestens 4149 Zivilisten getötet und 4945 verletzt. Die Opferzahlen liegen aber nach Angaben der ukrainischen Regierung viel höher: Kiew meldet 24'356 getötete Zivilisten und 14’000 Personen als vermisst.

Einer von sechs Menschen wurde aufgrund des Krieges intern vertrieben, was einer Gesamtzahl von 7,7 Millionen entspricht, sagte die Internationale Organisation für Migration der Vereinten Nationen. Über 6,8 Millionen Menschen seien in andere Länder geflohen, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk mit.

Gefallene Kämpfer

Auch was die gefallenen Soldaten angeht, gibt es grosse Diskrepanzen bei den Zahlen: So meldet der Westen zwischen 5500 und 11'000 getötete ukrainische Kämpfer, Russland behauptet, es seien 23'000.
Noch weiter auseinander gehen die Zahlen bei den gefallenen Russen: Moskau gibt 1351 Todesopfer in den eigenen Reihen an, die ukrainische Regierung sagt, es seien 29'200.

Schwindelerregende Beträge an gelieferten Waffen

Seit Kriegsbeginn stellten die USA über 4,5 Milliarden Dollar an Militärhilfe für die Ukraine bereit. Erst diese Woche kündigte Washington ein neues Waffenpaket im Wert von 700 Millionen Dollar (671 Millionen Franken) an. Grossbritannien stellte 450 Millionen Pfund (542 Millionen Franken) Militärhilfe für Kiew bereit und lieferte unter anderem 120 gepanzerte Fahrzeuge, über 5800 Panzerabwehrraketen, fünf Flugabwehrsysteme, über 1000 Raketen und 4,5 Tonnen Sprengstoff. 

Gleich dahinter folgt Deutschland: Bonn sagte der Ukraine bis anhin Waffen - von Boden-Luft-Raketen und Munition bis zu 30 Gepard-Flugabwehrpanzern - im Wert von mindestens 191,9 Millionen Euro (197 Millionen Franken) zu. Auch Frankreich schickte Waffen im Wert von mindestens 100 Millionen Euro (103 Millionen Franken). 

Der Ukraine erreichen zudem Waffenlieferungen aus Kanada, Belgien, den nordischen Ländern, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, den baltischen Staaten, Polen, Slowenien und Tschechien sowie aus der Türkei. Auf eine Gesamtzahl zu kommen, ist schwierig, da manche Regierungen ihre Militärhilfe geheim halten. Doch schon allein aus den bekannten Summen ergibt sich eine schwindelerregende Gesamtsumme von rund sieben Milliarden Franken.

Wer hat sich von Putin abgewandt?

Valentin Yumashev

Ein wichtiger Rücktritt: Kreml-Berater Valentin Yumashev kehrte Putin den Rücken.

Ein wichtiger Rücktritt: Kreml-Berater Valentin Yumashev kehrte Putin den Rücken.

Wikipedia / CC BY-SA 3.0

Der Kreml-Berater ist einer der prominentesten Rücktritte im Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin seit Beginn des Ukraine-Konflikts. Yumashev ist der Schwiegersohn des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin und leitete 1997 dessen Verwaltung, als Putin, damals noch KGB-Spion, in den Kreml aufstieg. 

Anatoli Tschubais

Nachdem seine Frau Aktivistinnen und Aktivisten gegen den Krieg unterstützte,  setzte sich Anatoli Tschubais mit ihr in der Türkei ab.

Nachdem seine Frau Aktivistinnen und Aktivisten gegen den Krieg unterstützte,  setzte sich Anatoli Tschubais mit ihr in der Türkei ab.

Wikipedia / CC BY 4.0

Der 66-Jährige kehrte Russland im März den Rücken. Berichten zufolge setzte er sich mit seiner Frau in die Türkei ab. Tschubais selbst gab keine Erklärung zu seiner Entscheidung ab, doch kurz vor dem Rücktritt hatte seine Frau, die Drehbuchautorin Awdotja Smirnowa, einen offenen Brief russischer Aktivistinnen und Aktivisten gegen den Krieg unterzeichnet.

Arkadi Dworkowitsch

Kreml-Berater Arkadi Dworkowitsch gab seinen Rücktritt im März bekannt.

Kreml-Berater Arkadi Dworkowitsch gab seinen Rücktritt im März bekannt.

Wikipedia / CC BY 4.0

Auch der ehemalige Kreml-Berater Arkadi Dworkowitsch hat im März seinen Posten bei einer angesehenen russischen Stiftung verlassen. Zuvor hatte er den Ukraine-Krieg kritisiert.

Boris Bondarew 

Boris Bondarew gab seinen Rücktritt vor den Vereinten Nationen bekannt.

Boris Bondarew gab seinen Rücktritt vor den Vereinten Nationen bekannt.

Facebook/Boris Bondarew

Es war ein Paukenschlag, als Boris Bondarew vor den Vereinten Nationen im Mai seinen Rücktritt bekanntgab. In einem Statement rechnete der russische UN-Diplomat mit der Regierung in Moskau ab. Zwar habe er in den 20 Jahren seiner diplomatischen Laufbahn schon diverse Wendungen in der russischen Aussenpolitik erlebt, aber noch nie habe er sich für sein Land so geschämt, schrieb der 41-Jährige. 

Mitte März traten zudem drei prominente Journalisten bei den staatlichen Fernsehnachrichten zurück. Die Europa-Korrespondentin von Channel One, Zhanna Agalakova, kündigte ebenso wie zwei leitende Journalisten von NTV. Lilia Gildejewa hatte seit 2006 als Moderatorin für den Sender gearbeitet, und Vadim Glusker war seit fast 30 Jahren bei NTV tätig.

Wo steht Russland mit dem Krieg?

Stand Donnerstag sind 20 Prozent der Ukraine unter Kontrolle der russischen Truppen. Fast 125'000 Quadratkilometer seien der ukrainischen Kontrolle entrissen, gab Präsident Wolodimir Selenski zu.
Auf der anderen Seite steht Russland ziemlich allein: Der Westen hat das Land auf der internationalen Bühne weitgehend isoliert. Der Westen sei nur ein Teil der Welt, heisst es dazu spöttisch aus Moskau. Und als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat sieht sich Russland noch immer auf der Weltbühne präsent.

Doch da wären noch die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts: Inzwischen gibt es 10'000 Sanktionen gegen die russische Regierung. Der Kreml verweist allerdings auf seine wichtigen Verbündeten China und Indien.

Wie wird Putin von seinem Volk wahrgenommen? 

Im Mai befürworteten nach Angaben des Levada Analytical Center, einer russischen nichtstaatlichen Forschungsorganisation, rund 83 Prozent der Russen das Handeln von Präsident Wladimir Putin. Dessen Beliebtheitsgrad hatte in den letzten Monaten vor den Kampfhandlungen zugenommen und schnellte ungeachtet der westlichen Sanktionen, der russischen Repressionen gegen die Meinungsfreiheit und der Teuerung von Lebensmitteln dann auf diesen hohen Wert.

Wie wird Wladimir Putin wahrgenommen: Rund 83 Prozent der Russen befürworteten im Mai sein Handeln.

Wie wird Wladimir Putin wahrgenommen: Rund 83 Prozent der Russen befürworteten im Mai sein Handeln.

Quelle Levada Analytical Center

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

Deine Meinung

118 Kommentare