Wehrpflicht-Ersatz: «1000 Franken – das ist ein Monatslohn für mich»
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Wehrpflicht-Ersatz«1000 Franken – das ist ein Monatslohn für mich»

Wer weder Militär- noch Zivildienst leistet, soll künftig mehr zahlen. Betroffene machen ihrem Ärger Luft.

von
jbu
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Wer bei der Rekrutierung als untauglich eingestuft wird, muss eine Entschädigung zahlen. Heute beträgt diese minimal 400 Franken pro Jahr oder drei Prozent des Einkommens. Nur steht eine Erhöhung auf 1000 Franken und fünf Prozent des Einkommens zur Debatte.

Wer bei der Rekrutierung als untauglich eingestuft wird, muss eine Entschädigung zahlen. Heute beträgt diese minimal 400 Franken pro Jahr oder drei Prozent des Einkommens. Nur steht eine Erhöhung auf 1000 Franken und fünf Prozent des Einkommens zur Debatte.

Keystone/Gaetan Bally
Leser Jan Baumann, der an einem Geburtsgebrechen leidet, zahlt jährlich rund 2500 Franken Ersatzzahlungen. Er sagt:  «Das ist happig. Für mich ist es schlicht unverständlich, dass Kranke auf diese Weise bestraft werden.»

Leser Jan Baumann, der an einem Geburtsgebrechen leidet, zahlt jährlich rund 2500 Franken Ersatzzahlungen. Er sagt: «Das ist happig. Für mich ist es schlicht unverständlich, dass Kranke auf diese Weise bestraft werden.»

ZVG
Auch Damian Allenspach kritisiert den Vorschlag. Der 24-Jährige Verkäufer aus dem Bündnerland wollte Verkehrssoldat werden. Bei der Rekrutierung diagnostizierten die Ärzte jedoch Knieprobleme und erklärten ihn für untauglich. «Ich werde Anfang nächstes Jahr Vater. Eine höhere Abgabe von fünf Prozent würde das Familienbudget zusätzlich strapazieren.»

Auch Damian Allenspach kritisiert den Vorschlag. Der 24-Jährige Verkäufer aus dem Bündnerland wollte Verkehrssoldat werden. Bei der Rekrutierung diagnostizierten die Ärzte jedoch Knieprobleme und erklärten ihn für untauglich. «Ich werde Anfang nächstes Jahr Vater. Eine höhere Abgabe von fünf Prozent würde das Familienbudget zusätzlich strapazieren.»

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«Unverschämtheit», «Wucher», «Schweinerei»: Nachdem Pläne publik wurden, wonach die Ersatzabgabe für Untaugliche erhöht werden soll, gehen die Emotionen hoch. Der entsprechende Artikel wurde rund tausend Mal kommentiert, zahlreiche Betroffene haben sich auf der Redaktion gemeldet.

So etwa Leser Jan Baumann (27), der am ersten Tag der Aushebung wieder nach Hause geschickt wurde. Befund: Wegen eines Geburtsgebrechens sei er doppelt untauglich (UT) – also weder fürs Militär noch für den Zivilschutz geeignet. «Seither muss ich neben Steuern und Prämien jährlich auch noch Tausende Franken an Wehrpflichtersatzzahlungen leisten», kritisiert er. 2500 Franken überweise er jährlich, obwohl er eigentlich gern ins Militär gegangen wäre. «Das ist happig. Für mich ist es schlicht unverständlich, dass Kranke auf diese Weise bestraft werden.»

«Würde mein Budget sprengen»

Student Simon L.* wurde nach einer Operation für untauglich befunden, er zahlt die Minimalabgabe von 400 Franken jährlich. «Eine Erhöhung auf tausend Franken würde mein Budget definitiv sprengen», sagt er. «Das ist für mich ein Monatslohn, den ich ohne Gegenleistung überweisen müsste.» In einem solchen Fall bliebe ihm nur eines: Das Arbeitspensum zu erhöhen und die Studienzeit entsprechend zu verlängern.

Dieses Szenario drohte auch den Söhnen von Béatrice M.*. Sie sprang deshalb für die Studenten in die Bresche: «Ich zahle für beide zusammen jährlich 800 Franken an Ersatzabgaben», so die 57-Jährige. Einer ihrer Söhne habe Probleme mit den Füssen, der andere leide unter anderem unter Asthma. Die «Strafzahlungen» ärgerten sie besonders, weil sie selber freiwillig Militärdienst geleistet habe, sagt sie. «Die Armee hatte in unserer Familie stets einen hohen Stellenwert – nun aber fühle ich mich abgezockt.» Wenn überhaupt, dann müssten Frauen genauso zur Kasse gebeten werden wie Männer, fordert sie.

«Lieber chillen als dem Vaterland dienen»

Auch in einer Kurzumfrage von 20 Minuten mit über 20'000 Teilnehmern fragen sich 18 Prozent, warum Frauen nichts zahlen müssen. Rund die Hälfte der Teilnehmer ist gegen eine Erhöhung der Beiträge – ein Drittel findet den Vorschlag richtig.

Zu Letzteren zählt auch Leser Ivo Duttweiler (22). «Ich bin bei der Aushebung ziemlich auf die Welt gekommen, weil viele Leute geradeheraus gesagt haben: Ich mache das hier sowieso nicht», erzählt er. Sie hätten sich problemlos davonstehlen können, indem sie etwa einen angeblichen Drogenkonsum vorgeschoben hätten. «Die Ersatzzahlungen nehmen diese Leute mit einem Schulterzucken hin: Das sei ja eh nicht viel Geld.»

Eine Erhöhung der Abgabe ist für den Unteroffizier deshalb dringend angezeigt. «Wenn Junge lieber zu Hause chillen als dem Vaterland zu dienen, darf sie das nicht billig zu stehen kommen.» Zwar sei es unschön, wenn auch Personen mit ernsthaften Erkrankungen die Abgabe zahlen müssten. «Sie können sich bei all denen bedanken, die falsche Tatsachen vorgaukeln und so zu ihrem UT-Stempel kommen.» Er vertraue darauf, dass die Politik diese Personen, falls nötig, schütze.

*Name von der Redaktion geändert

Büroarbeiten trotz UT möglich

Als Reaktion auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte hat die Schweiz vor rund fünf Jahren bereits die Möglichkeit geschaffen, dass auf Wunsch auch Militär- und Zivilschutz-Untaugliche Dienst leisten können. Diese Personen würden im Verteidigungsdepartement für Büroarbeiten oder bei den Logistikbetrieben eingesetzt, heisst es bei der zuständigen Steuerverwaltung auf Anfrage. Bisher hätten sich allerdings erst rund 500 Personen dafür gemeldet – von insgesamt 174'000 Ersatzpflichtigen, die für den neuen Dienst geeignet wären.

Von der Ersatzpflicht befreit sind Personen, die so erheblich behindert sind, dass sie beispielsweise eine Rente oder Hilflosenentschädigung der IV oder der Suva beziehen.

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