Amok-Rentner: 1057 Polizisten jagten Kneubühl
Aktualisiert

Amok-Rentner1057 Polizisten jagten Kneubühl

Im September 2010 hielt der Amok-Rentner die Schweiz in Atem. Eine Untersuchung zeigt nun Mängel auf: Funkgeräte funktionierten nicht. Zudem unterlief der Polizei eine gravierende Fehleinschätzung.

von
am

Fast ein Jahr ist seit dem Drama von Biel vergangen; nun hat Gutachter Hanspeter Uster den 83 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht veröffentlicht. Fazit: Die Kantonspolizei Bern hat vor dem Einsatz gegen Peter Hans Kneubühl zu wenig Informationen über den Bieler Rentner eingeholt und zu lange geglaubt, der Mann wolle sich erschiessen lassen. Der Bericht fördert zudem bislang noch nicht bekannte Details zu den Pleiten, Pech und Pannen beim Einsatz auf.

Auf der Flucht

Diese Fehleinschätzung nutzte Kneubühl zur Flucht. In der Nacht zum 9. September beobachteten Spezialeinheiten, wie der Amok-Rentner aus dem Fenster seines Hauses stieg und flüchtete. Sie baten gemäss Untersuchungsbericht sofort um Schussfreigabe, was aber die Einsatzleitung verweigerte. Augenblicke später schoss Kneubühl mit einem Gewehr einem Polizisten in den Kopf und nutzte die anschliessende Verwirrung, um durch das Gebüsch zu verschwinden.

In den folgenden acht Tagen fahndeten insgesamt 1057 Polizisten nach dem Amok-Rentner. Dazu kamen Spezialeinheiten aus verschiedenen Kantonen. Unterstützt wurden sie von einem Super-Puma-Heli, 150 Nachtsichtgeräten, 89 Panzerschutzhelmen sowie einem Radschützenpanzer der Armee.

Mysteriöser Telefonanruf

Eine Woche nach der Flucht reagierte Kneubühl auf den Appell «Bitte melde dich!» seines Cousins. Um 20.25 Uhr telefonierte er während knapp zehn Minuten mit einem Mitglied der Verhandlungsgruppe. Wegen Serverproblemen konnte die Nummer aber nicht zurückverfolgt werden. Diese Nummerrückverfolgung wurde zusätzlich erschwert, weil der für den Empfang des Anrufes verantwortliche Mitarbeiter zum Zeitpunkt des Gespräches beim Nachtessen war.

Polizei hatte zu wenig Infos

Bei den meisten überprüften Einsatzhandlungen habe die Polizei sehr gute Arbeit geleistet, schreibt Uster. In zwei Bereichen wäre aber ein anderes Vorgehen angezeigt gewesen.

Zum einen hätte die Polizei vor dem Einsatz mehr Informationen über Kneubühl einholen können. Ein aktenkundiger Vorfall von 2001 hätte der Polizei zum Beispiel verdeutlicht, dass Kneubühl zu Gewalt gegen Behörden und Beamte fähig ist.

Zum anderen sei die Einsatzleitung viel zu lange davon ausgegangen, dass Kneubühl die Polizei dazu bringen wolle, ihn zu erschiessen. Die Möglichkeit einer Flucht habe man gar nicht bedacht. Diesen Umstand konnte Kneubühl ausnutzen und das Weite suchen.

Funkgerät im dümmsten Moment defekt

Während der mehrtägigen Flucht konnte der Rentner noch kurz in sein Haus zurückkehren, ohne dass er festgenommen worden wäre. Das geht laut Uster auf eine technische Panne zurück. Die Polizei hatte das Haus zwar verdeckt überwacht. Doch als ein Polizist den Rentner auftauchen sah und die Kollegen verständigen wollte, versagte sein Funkgerät.

Grundsätzlich sieht Uster für die Kantonspolizei Bern keinen dringenden Handlungsbedarf. Die Hauptprobleme des Einsatzes - Informationsbeschaffung und Einsatzhypothese - seien von der Polizei bereits aufgearbeitet worden, stellt der Gutachter fest. Die notwendigen Massnahmen seien in die Wege geleitet worden.

Angeschossener Polizist arbeitet wieder

Der Berner Polizeikommandant Stefan Blättler teilt die Kritik des Gutachters. Man werde die Lehren daraus ziehen. Er sei dankbar, dass der von Kneubühl angeschossene Polizist wieder in einem Teilzeitpensum arbeiten könne. Die Folgen der schweren Verletzungen «beeinträchtigen ihn allerdings nach wie vor stark».

Die Staatsanwaltschaft Seeland-Berner Jura führt gegen den 68-jährigen Kneubühl eine Strafuntersuchung. Ihm werden mehrfach versuchte vorsätzliche Tötung und Gefährdung des Lebens vorgeworfen. Allerdings ist offen, ob der psychisch angeschlagene Mann überhaupt schuldfähig ist.

(am/sda)

Deine Meinung