Blasphemie in Pakistan: 11-Jährige wegen Gotteslästerung angeklagt

Aktualisiert

Blasphemie in Pakistan11-Jährige wegen Gotteslästerung angeklagt

Die 11-jährige behinderte Rimsha aus Pakistan könnte mit dem Tode bestraft werden. Sie wird beschuldigt, den Koran verbrannt zu haben. Sogar Präsident Zardari nimmt sich jetzt des Falls an.

von
kub
Pakistan hat strenge Blasphemie-Gesetze. Sogar Kinder sind davon nicht geschützt. (Symbolbild)

Pakistan hat strenge Blasphemie-Gesetze. Sogar Kinder sind davon nicht geschützt. (Symbolbild)

Rimsha ist 11 Jahre alt und leidet am Down-Syndrom. Dennoch hat die Polizei das Mädchen am vergangenen Donnerstag mit Verweis auf die umstrittenen Blasphemiegesetze Pakistans festgenommen. Das Kind gehöre der christlichen Minderheit an und stamme aus einem verarmten Vorort Islamabads, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Zeugen hätten angegeben, die 11-Jährige habe vor ihrem Haus Seiten des Koran verbrannt. Sie hätten das Mädchen zur Polizei gebracht, wo es festgenommen wurde.

Eine Untersuchung des Kindes - das Fragen nicht beantworten konnte - habe ergeben, dass es am Down-Syndrom erkrankt sei. Der Sprecher sagte, man untersuche, ob das Mädchen tatsächlich Seiten des Koran verbrannt habe und - falls sich das bewahrheiten sollte - ob das bewusst geschehen sei. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari hat eine Untersuchung angeordnet und versprochen, Minderheiten zu schützen.

Aus Angst vor Racheakten von Muslimen sind etwa 900 Christen aus dem Slum Meherabadi geflohen, um an anderen Orten in der Hauptstadt Islamabad Schutz zu suchen. Unter den Geflohenen seien auch Rimshas Eltern. «Dawn» schreibt, dass sie ebenfalls verhaftet wurden. Einer der Ratsherren der muslimischen Gemeinde habe den Christen befohlen, all ihre Sachen bis 1. September zu packen und die Gegend für immer zu verlassen. «Ich glaube nicht, dass irgendjemand nach diesem Vorfall es wagt, hierher zurückzukehren», sagte der Christ Arif gegenüber dem britischen «Guardian». «Die Gegend ist für uns nicht mehr sicher.»

Demonstrationen gegen Christen

Im Slum Meherabadi leben rund 10 Prozent Christen. Die meisten pachten Land von muslimischen Landbesitzern. Die Mehrheit der Christen verrichten hier die schmutzige Arbeit. Seit Monaten ist die Beziehung zwischen den Christen und den Muslimen im Quartier sehr angespannt. Muslime haben sich wegen des Kirchenlärms beklagt, worauf die Predigten eingestellt werden mussten, wie der «Guardian» schreibt. Der Vorfall mit der angeblichen Koranverbrennung von Rimsha hat das Fass jetzt zum Überlaufen gebracht.

Ein Mob von 600 bis 1000 Muslimen demonstrierte spontan gegen Rimsha. Über den eigentlichen Vorfall herrscht Unklarheit. Die Augenzeugen sind sich uneinig, was genau Rimsha verbrannt haben soll. Viele Nachbarn bestreiten, dass das Mädchen am Down-Syndrom leide, wie dies die Medien berichten. Es sei völlig normal.

Harte Strafen möglich

Pakistans umstrittenes Blasphemie-Gesetz ist im Strafgesetzbuch des südasiatischen Landes verankert. Es verbietet die Beleidigung jeder Religion, wird aber in der Praxis bei angeblicher Herabsetzung des Islam angewandt. Die härtesten Strafen können bei der Schändung des Koran (lebenslange Haft) und des Namens des Propheten Mohammed (Todesstrafe) verhängt werden.

Zwar ist in Pakistan nie ein Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt worden, mehrere Angeklagte wurden aber nach ihrer Freilassung gelyncht. Islamisten laufen Sturm gegen Änderungen des Gesetzes, das sie für von Gott gemacht halten. In seiner jetzigen Form wurde es 1986 von Militärdiktator Muhammad Zia ul-Haq eingeführt. Religiöse Minderheiten und liberale Muslime fordern einen besseren Schutz vor Missbrauch des Gesetzes. Minderheiten wie etwa Christen werden überproportional oft angeklagt.

Kritiker ermordet

Im vergangenen Jahr waren der Minister für Minderheiten - der einzige Christ in der Regierung - und der Gouverneur der Provinz Punjab ermordet worden. Beide hatten das Gesetz kritisiert, das oft missbraucht wird, um persönliche Gegner anzuschwärzen.

Für internationale Schlagzeilen sorgte auch der Fall der Christin Asia Bibi. Ihr wird vorgeworfen, sich nach einem Streit abfällig über den Propheten Mohammed geäussert zu haben. Die Landarbeiterin wurde im November 2010 zum Tode verurteilt und sitzt in Haft.

Viele pakistanische Christen sind der Ansicht, der Koran-Vorfall mit Ramsha sei ein Komplott. Wie auch immer; dass die religiösen Spannungen auf dem Buckel eines 11-jährigen Mädchens ausgetragen werden, dass das Mädchen als Sündenbock herhalten muss, sagt vieles über den momentanen Zustand Pakistans.

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