Riesengeschäft - 12’000 Dollar pro Woche – der Haken am Traumlohn für US-Pflegepersonal
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Riesengeschäft 12’000 Dollar pro Woche – der Haken am Traumlohn für US-Pflegepersonal

Es klingt zu schön, um wahr zu sein und das ist es auch: In den USA werden Pflegerinnen und Pfleger fünfstellige Wochenlöhne angeboten. Doch wer das Angebot annimmt, steht nach dem Engagement möglicherweise mit Nichts da.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Pflegekräfte sind derzeit heiss begehrt – auch in den USA. 

Pflegekräfte sind derzeit heiss begehrt – auch in den USA.

AFP
Denn die Covid-19-Pandemie hat das Land wieder fest im Griff.

Denn die Covid-19-Pandemie hat das Land wieder fest im Griff.

Unsplash
Besonders hoch sind die Zahlen in den Bundesstaaten Kalifornien, Texas und Florida.

Besonders hoch sind die Zahlen in den Bundesstaaten Kalifornien, Texas und Florida.

Screenshot Google Maps

Darum gehts

  • Das Konzept der reisenden Pflegekräfte ist in den USA ein Riesengeschäft – besonders aktuell.

  • Sie stellen eine grosse Hilfe für Spitäler dar, die aufgrund von Corona am Anschlag sind.

  • Die sogenannten «travel nurses» können derzeit Unsummen verdienen.

  • Doch die Medaille hat zwei Seiten.

Kalifornien, Texas, Florida – in diesen US-Bundesstaaten grassiert die Corona-Pandemie derzeit besonders stark. Das macht sich auch in den Spitälern der Region bemerkbar: Sie sind grösstenteils voll ausgelastet. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort in den letzten Monaten ob der monatelangen Belastung entkräftet und entnervt ihren Job an den Nagel gehängt haben. Die Folge: Es treffen zu viele Patientinnen und Patienten auf zu wenige Pflegekräfte.

Um das Problem zu lösen setzen in den USA viele Spitäler auf sogenannte «travel nurses»: Pflegepersonen, die ähnlich wie Söldnerinnen und Söldner immer dorthin ziehen, wo sie gebraucht, und so lange bleiben, wie sie benötigt werden (siehe Box). Angeheuert werden sie von speziellen Agenturen, die sich auf diese Art der Leiharbeit spezialisiert haben.

«Travel nurses» – keine neue Erfindung

Der Einsatz von reisendem medizinischem Personal begann in den 1980er-Jahren als Reaktion auf den Mangel an Spitalpflegekräften etwa aufgrund von Streiks. Ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten sie jedoch erst mit der aktuellen Covid-19-Pandemie. Die Löhne für die «travel nurses» fallen auch in normalen Zeiten höher aus als für festangestellte Pflegende, allerdings liegen sie mit im Schnitt 2500 bis 3000 Dollar weit unter den derzeit angebotenen Summen. Nach Schätzungen der Branche gibt es heute rund 50’000 reisende Pflegekräfte, im Jahr 2018 waren es noch etwa 30’000. Einige sind selbständige Krankenschwestern und -pfleger, in der Regel jung, ungebunden und reisefreudig. Doch angesichts der Pandemie werden einige auch direkt von Spitälern abgeworben.

Die Löhne, die ihnen für die befristeten Stellen während der Pandemie gezahlt werden, sind gigantisch. Bis zu 10’000, mancherorts sogar 12’000 Dollar liegen da laut US-Medien pro Woche drin. Dass die Pflegepersonen von der Summe Kost und Logis zahlen müssen – geschenkt. Trotzdem: So paradiesisch wie der Traumlohn auf den ersten Blick erscheint, ist er dennoch nicht.

Gut für die einen, schlecht für die anderen

Zwar kommen die «travel nurses» ganz schön herum. Davon haben sie ausser einem guten Lohn jedoch wenig. Denn die Arbeit in den Spitälern ist fordernd, schliesslich müssen zum Teil schwer kranke oder sogar intensivpflichtige Patientinnen und Patienten versorgt werden – und das in «Krisengebieten», wie das Branchenportal Nurse.org laut Tagesanzeiger.ch schreibt. Sie setzen mitunter sogar ihr eigenes Leben aufs Spiel, so Kathryn Tart vom College of Nursing an der University of Houston.

Hinzu kommt, dass sich die reisenden Pflegepersonen in den Spitälern, wo sie bis dato fest angestellt waren, keine Freunde machen. Denn dort fehlen sie. Krankenhausverbände im ganzen Land berichteten, dass sie viele Beschwerden von ihren Mitgliedern darüber erhalten, dass Agenturen ihr Personal mit gigantischen Summen «abwerben», so Houstonchronicle.com. Und nicht nur das: Weil viele Vermittlungsagenturen einen sofortigen Arbeitsbeginn verlangen, hielten viele «travel nurses» die Kündigungsfristen nicht ein. Während anderswo eine Lücke geschlossen wird, entsteht sie abrupt am alten Arbeitsort.

Folgeanstellungen?

Was viele der reisenden Pflegekräfte bei der Entscheidung ausser Acht lassen, ist, dass die hohen Summen nur vorübergehend angeboten werden. Zudem ist die Pandemie endlich. Das heisst: Die Nachfrage nach reisenden Pflegepersonen wird einmal deutlich nachlassen. Wie es dann mit den «travel nurses» weitergeht, ist offen. Denn nach einem solchen temporären Engagement, stehen sie meist ohne Vertrag da.

Einige Spitäler, die angesichts der verlockenden Löhne «sitzen gelassen worden sind», haben bereits durchblicken lassen, die Pflegepersonen, die sich von den hohen Summen haben weglocken lassen, nicht oder zumindest nicht sofort wieder einstellen zu wollen – auch um jene nicht zu demoralisieren, die für weitaus weniger Gehalt ihrem Spital treu geblieben sind.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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