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Makabres Phänomen140 Jahre und kein bisschen verwest

«Asche zu Asche, Staub zu Staub»: Die Worte des Pfarrers treffen immer weniger zu. Weil Leichen nur noch schwer verwesen, werden Schweizer Friedhöfe nicht selten zu regelrechten Gruselkabinetten.

von
kub

Mumien auf Schweizer Friedhöfen (Keystone)

Offiziell existiert das Problem nicht, denn die Totenruhe soll nicht gestört werden. Doch das makabre Phänomen ist weitverbreitet: Die Böden auf Schweizer Friedhöfen sind «verwesungsmüde», sprich: Sie zersetzen die Leichen nicht so, wie sie sollten. Nach vielen Jahren dürfen auf der Grabsohle eigentlich nur noch Humus und ein paar Skelett-Teile liegen. Doch die Realität sieht anders aus – gruseliger. Unverweste Tote liegen oft da.

Manchmal dringt das Problem an die Oberfläche. Zum Beispiel wenn eine Strasse gebaut wird. So geschehen in Cham 1994, als ein Bahntrassee durch einen geschlossenen Friedhof gebaut wurde. Bagger schaufelten 257 gruselige Wachsleichen heraus. 50 Jahre hatten sie im Boden gelegen. Die Bevölkerung war schockiert.

Fett wird zu einer Art Wachs

Fettwachsleichen auf Schweizer Friedhöfen werden konserviert wie die Ausstellungsmumie aus Ägypten in der Ausstellung Mumien, Mensch, Medizin, Magie an der Universität Irchel. Das seien auch Mumien, stellt der Mumienforscher der Universität Zürich, Frank Rühli, fest. Auch auf dem Friedhof, unter der Erde findet eine Umwandlung statt, wenn die Temperatur tief ist und es wenig Sauerstoff hat. «Das Fett verändert sich und wird zu einer Art Wachs. Die Folge ist, dass der Körper erhalten bleibt. Das ist eine Form von natürlicher Mumifizierung.»

Was in Ägypten zu Pharaos Zeiten üblich war, ist in der Schweiz nicht erwünscht. Rund 30 Prozent der Schweizer Friedhöfe haben Probleme mit der Erde. Noch andere Faktoren erschweren den Verwesungsprozess. So zum Beispiel Medikamente. Dies sei laut Erich Aeschlimann, Exhumationsspezialist, nicht restlos zu beweisen, doch «wir sehen, dass gewisse Krankheiten den Verwesungsprozess verzögern». Auch die Verfettung der Menschheit sei ein Problem. Fett baue sich viel schlechter ab als Muskelmasse.

Mumien-Ausstellung

Einblicke in Methoden und Ergebnisse der medizinischen Mumienforschung gibt die Ausstellung «Mumien: Mensch, Medizin, Magie». Dort erfahren Besucher auch, wie Mumien entstehen, wie und wieso die alten Ägypter ihre Toten einbalsamierten – und nicht zuletzt können sie vier echte Mumien anschauen.

Bis 8. Januar 2012, Uni Zürich Irchel, Winterthurerstrasse 190.

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