«Renovate Switzerland»: 15 Frauen und Männer wollen mit Autobahnblockaden die Welt retten
Publiziert

«Renovate Switzerland»15 Frauen und Männer wollen mit Autobahnblockaden die Welt retten

Eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten will in den nächsten Wochen und Monaten verschiedene Verkehrsknotenpunkte blockieren, um auf den Klimanotstand hinzuweisen. Der Bundesrat gesteht ein, dass Handlungsbedarf besteht.

von
Daniel Krähenbühl
1 / 10
Mehrere Personen haben sich am Montag auf die A9 gesetzt und den Verkehr blockiert.

Mehrere Personen haben sich am Montag auf die A9 gesetzt und den Verkehr blockiert.

FLORIAN CELLA
Mit ihrer Aktion will die Gruppe «Renovate Switzerland» den Bundesrat dazu bewegen, innert vier Monaten einen Aktionsplan zu erstellen, um bis 2040 eine Million schlecht isolierte Häuser energetisch sanieren zu lassen.

Mit ihrer Aktion will die Gruppe «Renovate Switzerland» den Bundesrat dazu bewegen, innert vier Monaten einen Aktionsplan zu erstellen, um bis 2040 eine Million schlecht isolierte Häuser energetisch sanieren zu lassen.

AFP
Damit sollen CO2-Emissionen und die Energieabhängigkeit der Schweiz reduziert werden. 

Damit sollen CO2-Emissionen und die Energieabhängigkeit der Schweiz reduziert werden. 

20min/Sébastien Anex

Darum gehts

  • Aktivistinnen und Aktivisten von «Renovate Switzerland» haben am Montagmorgen die Autobahn bei Lausanne blockiert.

  • Die Gruppe kündigt an, so lange Aktionen zivilen Ungehorsams durchzuführen, bis der Bundesrat ihrer Forderung nachgibt. 

  • Die Forderung, dass der Bundesrat innert vier Monaten einen Aktionsplan zur massiven Gebäuderenovierung präsentiert, sei aber «schlicht unrealistisch», sagt Hans-Rudolf Schalcher, Präsident der Leitungsgruppe im Nationalen Forschungsprogramm «Energiewende».

  • Der Bund weist darauf hin, dass sich ein neues CO2-Gesetz in der Vernehmlassung befindet. 

Fünf Personen rennen am Montagmorgen über die A9 in Lausanne, spannen Transparente mit der Aufschrift «Renovate Switzerland» über die Autobahn und blockieren den Verkehr. Mit ihrer Aktion will die Gruppierung den Bundesrat dazu bewegen, innert vier Monaten einen Aktionsplan zu erstellen, um bis 2040 eine Million schlecht isolierte Häuser energetisch sanieren zu lassen. Damit sollen CO2-Emissionen und die Energieabhängigkeit der Schweiz reduziert werden. Gleichzeitig sollen Massnahmen zum Schutz der Mieterinnen und Mieter vor steigenden Mieten eingeführt werden.

Am Donnerstag blockierten sie schliesslich die Fahrbahn der Mont-Blanc-Brücke in Genf, auf ihrer Website kündigt die Gruppe bereits weitere Aktionen an: «Dies ist der Schweizer Startschuss einer internationalen Bewegung des zivilen Widerstands, die in den nächsten Monaten an Umfang zunehmen wird.» Angesichts der «unbestreitbaren Untätigkeit» der Regierungen und des Klimanotstands seien sie bis zum Äussersten bereit: «Stören, sich verhaften lassen, ins Gefängnis gehen.»

«Wir gehen soweit wie nötig»

«Wir befinden uns in einer absoluten Notsituation», sagt Cécile Bessire von «Renovate Switzerland». «Handelt die Politik nicht jetzt, ist mit einem Klimakollaps, mit Kriegen und Hungersnöten zu rechnen.» Die letzten 30 Jahre Klima-Aktivismus hätten gezeigt, dass es nicht reiche, in «normalen» Demos mit zu marschieren. Deshalb lasse man die Situation jetzt – gewaltfrei – eskalieren, deshalb wolle man weiter wichtige Verkehrsknotenpunkte blockieren. «Wir gehen so weit wie nötig, damit der Bundesrat seine Verantwortung übernimmt und die Bevölkerung schützt.»

Dass ihnen damit der Zorn vieler Verkehrsteilnehmender sicher ist, sei ihnen bewusst, sagt Bessire. «Es ist unangenehm und wir verstehen das. Allerdings sehen wir es als unsere Pflicht an, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger auf den Klimanotstand aufmerksam zu machen.» Der neueste Klimabericht hätte gezeigt, dass die Welt vor einer beispiellosen Notsituation stehe und die nächsten drei Jahre richtungsweisend seien, so Bessire. «Wir alle müssen handeln – so schnell und so gut wir können.»

Substanzieller Beitrag zum Klimaschutz

Zwar stimme es, dass die energetische Sanierung des Gebäudeparks noch viel zu langsam erfolge, sagt Hans-Rudolf Schalcher, emeritierter ETH-Professor und Präsident der Leitungsgruppe im Nationalen Forschungsprogramm «Energiewende». «Bei der aktuellen Sanierungsrate bei Wohn- und Bürobauten von lediglich rund 1,5 Prozent pro Jahr dauert die Erneuerung der Altbauten bis gegen Ende dieses Jahrhunderts.» Die Forderung, dass der Bundesrat innert vier Monaten einen Aktionsplan zur massiven Gebäuderenovierung präsentiert, sei aber «schlicht unrealistisch».

Zudem sei offen, wer für ein solches Programm zahle: «Bei einem Einfamilienhaus muss man für eine umfassende energetische Sanierung mit Kosten von 200’000 bis 300’000 Franken rechnen, bei Mehrfamilienhäusern mit bis zu 100’000 Franken pro Wohnung.» Wolle man diese Kosten nicht der Mieterschaft oder dem Eigentümer auferlegen, müsse der Steuerzahler ins Portemonnaie langen. Die Isolierung der Gebäude würde einen «substanziellen Beitrag» zum Klimaschutz leisten. Was es aber brauche, sei eine totale Loslösung von fossilen Brennstoffen. «Doch dazu braucht es eine politische Lösung, keine Blockierung von Verkehrsknotenpunkten», sagt Schalcher. «Solche Aktionen sind spektakulär, aber wenig zielführend.»

Neues CO2-Gesetz in Arbeit

Für den Bundesrat sei unbestritten, dass Handlungsbedarf besteht und dass die Schweiz beim Klimaschutz vorwärts machen müsse, sagt Harald Hammel vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). «Er hat deshalb ein neues CO2-Gesetz in die Vernehmlassung gegeben. Damit will er rasch vom klimaschädlichen Öl und Gas wegkommen.»

Mit dem neuen Gesetz stelle der Bund bis 2030 rund vier Milliarden Franken bereit, um alte Öl- und Gasheizungen zu ersetzen und die Gebäude zu sanieren. «Das Gesetz will der Bundesrat rasch verabschieden», sagt Hammel. Ferner wolle der Bundesrat 11,7 Milliarden Franken in den Ausbau der einheimischen erneuerbaren Stromproduktion investieren. «Mit diesen Massnahmen stärkt der Bundesrat den Klimaschutz in der Schweiz.»

«Freedom Rides» als Vorbild

Laut eigenen Angaben orientiert sich die Gruppe am Vorgehen der «Freedom Riders», Vorkämpfern gegen die Rassentrennung in den USA. Die Freedom Riders – 13 weisse und schwarze Frauen und Männer – setzten sich gemeinsam in Busse und fuhren durch Südstaaten, wo die Rassentrennung trotz höchstrichterlichem Verbot immer noch durchgesetzt wurde. Wie Cécile Bessire von «Renovate Switzerland» sagt, habe die kleine und gewaltlose Gruppe trotz allen Widrigkeiten eine Änderung herbeigeführt und sei damit ein grosses Vorbild. «Auch wir können es uns nicht leisten, kein Risiko einzugehen. Wir müssen alles tun, was wir können, um die Zerstörung dieses Landes und all dessen, was uns lieb und teuer ist, abzuwehren.»

Deine Meinung

94 Kommentare