Multimillionär oder Auslaufmodell?: 16 Millionen Dollar für Jonas Hiller?

Aktualisiert

Multimillionär oder Auslaufmodell?16 Millionen Dollar für Jonas Hiller?

Ein Millionen-Vertrag oder gar nichts? Die Krise in Anaheim bringt NHL-Stargoalie Jonas Hiller in eine heikle Lage. Selbst den Status als Nummer 1 im Tor der Schweizer Nationalmannschaft beim Olympischen Turnier in Vancouver hat er nicht auf sicher.

von
Klaus Zaugg
USA

Die Suche nach einem Sündenbock ist im Gange: Wer ist schuld an der Krise der Anaheim Ducks? Die Enten segeln im Blindflug durch die NHL. Sie müssten, wie Lugano in der NLA, ein Spitzenteam sein. Doch wenn es so weiter geht, wird der Stanley-Cup-Sieger von 2007 die Playoffs verpassen.

Noch vor einem Monat war die Stimmung recht locker. Jeder ging davon aus, dass diese Mannschaft einfach zu gut ist, um nicht aus der Krise herauszukommen. Automatisch sozusagen. Um nach aussen ein Zeichen zu setzen, wurden kosmetische Massnahmen ergriffen. Der Schweizer Luca Sbisa wurde beispielsweise wieder zu den Junioren nach Lethbridge in die kanadische Prärie zurückgeschickt. Sbisa, ein unschuldiges Opfer der Krise.

Trainer, General Manager oder Torhüter?

Doch nichts hat sich gebessert. So wie es tiefen Winter, tiefen Schlaf oder tiefe Nacht gibt, so gibt es nun in Anaheim eine tiefe Krise. Die nächsten Schritte werden ans Eingemachte gehen. Wird Trainer Randy Carlyle gefeuert? Erwischt es gar General Manager Bob Murray? Oder kommt es vorher zu einem grossen Spielertausch, zu einem Goalie-Transfer von Stanley-Cup-Held Sébastien Giguere (32) oder Jonas Hiller (27)?

Vieles dreht sich in Anaheim um die Goaliefrage. Das Problem: Gigueres Vertrag läuft noch ein weiteres Jahr. Wer ihn jetzt holt, muss auch das Salär von 7 Millionen für nächste Saison übernehmen. Ein Wahnsinn. Hillers Vertrag, dotiert mit 1,3 Millionen Dollar, ist im Frühjahr zu Ende. Wenn es Anaheim gelingt, Giguere irgendwo einzutauschen, muss Manager Murray sicherstellen, dass ihm Hiller erhalten bleibt. Sonst steht Anaheim im nächsten Sommer ohne Goalie da.

Hoch dotiertes Angebot - mit einem Haken

Murray hat deshalb bei Hillers Agent Allain Roy in St. Louis über eine mögliche vorzeitige Vertragsverlängerung angefragt. Direkt mit dem Spieler darf er nach NHL-Regeln jetzt nicht verhandeln. Murrays Angebot für die Dienste des Schweizers: 16 Millionen Dollar für eine vorzeitige Verlängerung um vier Jahre - falls es gelingt, Giguere loszuwerden. Hiller bestätigt auf Anfrage: «Ja, mein Agent hat mich in diesem Sinne informiert. Es sind Gespräche in diese Richtung gelaufen.» Er würde eine solche Offerte annehmen. Es wäre nach Mark Streits Fünfjahresvertrag für rund 20 Millionen Dollar der höchstdotierte Vertrag, der je einem Schweizer Mannschaftssportler unterbreitet worden ist.

16 Millionen Dollar. Falls Giguere diese Saison wegtransferiert werden kann. Wenn nicht, hat Hiller Ende Saison einfach mal einen auslaufenden Vertrag. Und sonst gar nichts. 16 Millionen Dollar. Ob dieser Summe müsste es einem Spieler eigentlich schwindlig werden. In der NLA sind die Jungs schon nervös, wenn sie im Dezember noch nicht wissen, wo sie in der nächsten Saison für 200 000 Franken einen Vertrag kriegen.

Hiller nimmts gelassen

Hiller spricht gegenüber 20 Minuten Online jedoch ohne Aufregung über seine NHL-Zukunft und rührt im Restaurant «Edelweiss» am Sepulveda Boulevard in Los Angeles gelassen in seinem Käse-Fondue. Diese Coolness ist eine seiner grossen Stärken. «Alles, was ich in meinem Einflussbereich liegt, ist meine Leistung. Es bringt gar nichts, wenn ich mir den Kopf zerbreche, was sein könnte. Ich konzentriere mich darauf, mein bestes Eishockey zu spielen.»

Das ist gar nicht so einfach. In der Krise gibt es keine Nummer 1 mehr in Anaheim. Diese Rolle hatte Hiller am Anfang der Saison. Aber Giguere wird forciert, weil man den Kanadier ja wegtransferieren möchte. Und das geht nicht, wenn er nicht eingesetzt wird. «Die Situation ist nicht einfach», sagt Hiller. «Eine gute Leistung garantiert noch lange nicht einen Einsatz im nächsten Spiel.»

Goalierochaden sind bei NHL-Teams in der Krise typisch. So ist bereits Martin Gerbers NHL-Karriere letzte Saison in Ottawa geknickt worden. Doch Hiller hat einen ganz grossen Vorteil: Gerber war in Ottawa auf sich alleine gestellt. Hiller hat in Anaheim die Unterstützung seines Konkurrenten. Das mag ungewöhnlich sein. Doch der Schweizer bestätigt: «Ich habe mich von allem Anfang an mit Giguere sehr gut verstanden. Das ist auch jetzt, in dieser schwierigen Situation, nicht anders geworden. Es ist ganz einfach die Einsicht, dass wir beide profitieren, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.»

Was, wenn Guigere nicht ...

16 Millionen Dollar. 4 Millionen pro Saison. Hillers Marktwert ist erst einmal definiert. So viel kann ihm Anaheim aber für einen neuen Vertrag nicht bezahlen, wenn Giguere bleibt. Aber ist ein anderes Team bereit, im nächsten Sommer so viel Geld für Hiller auszugeben? Obwohl der Schweizer längst auf Augenhöhe mit Stanley-Cup-Held Giguere spielt, muss diese Frage offen bleiben. Vertragsverhandlungen können, je nach Konstellation, in der NHL die Berechenbarkeit einer Lotterie haben.

Hiller die Nr. 1 im Schweizer Tor?

Zur Lotterie kann sogar die Torhüterwahl von Ralph Krueger fürs Olympische Turnier in Vancouver werden. Krueger hat Hiller in dieser Saison nur kurz nach einem Auswärtsspiel Boston gesprochen. Sein wichtigster Einzelspieler war ihm keine Reise nach Kalifornien wert. «Ich gehe davon aus, dass ich in Vancouver dabei bin», sagt Hiller. «Ob ich die Nummer 1 sein werde, weiss ich nicht.»

Von der Leistung her ist es keine Frage: Hiller ist, mit Abstand, der beste Schweizer Goalie. Aber er spielt in der NHL. Hinter einer NHL-Verteidigung. Anaheim spielt am 14. Februar in Edmonton die letzte Partie vor der Olympiapause. Die Schweiz startet in Vancouver am 16. Februar mit dem Mittagspiel (12 Uhr Ortszeit) gegen die USA. Es wird Hiller nicht mehr für ein ordentliches Training mit den Schweizern reichen, wenn er gegen die USA spielen soll. Wäre es dann nicht besser, das Turnier mit einem Torhüter zu beginnen, der das Olympia-Vorbereitungslager in Winnipeg mit den beiden Spielen gegen Weissrussland (9. und 11.Februar) bestritten hat?

2002 geriet das Olympische Turnier in Salt Lake City für die Schweiz zum Desaster, weil Krueger auf David Aebischer als Nummer 1 setzte. Aebischer kam direkt aus der NHL ins Team und versagte. Unsere Nationalmannschaft steht und fällt auch in Vancouver mit der Leistung der Torhüter. Für Jonas Hiller ist in den nächsten Monaten alles möglich: Er kann den «Vertrags-Jackpot» mit den 16 Millionen knacken und ein Olympiaheld werden. Oder beides verpassen.

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