Verhaftungen nach Sitzblockade – 17-jähriger Aktivist erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zürcher Polizei
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Verhaftungen nach Sitzblockade17-jähriger Aktivist erhebt schwere Vorwürfe gegen die Zürcher Polizei

Nach der Sitzblockade von «Extinction Rebellion» kam es zu vielen Verhaftungen. Ein 17-jähriger Tessiner beschuldigt die Polizei, ihm gewaltsam die Unterhosen heruntergezogen zu haben.

von
Daniel Graf
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Der 17-jährige Ariele (links) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadtpolizei Zürich.

Der 17-jährige Ariele (links) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadtpolizei Zürich.

privat
Eine Sitzblockade von «Extinction Rebellion» wurde am 4. Oktober von der Polizei aufgelöst. 

Eine Sitzblockade von «Extinction Rebellion» wurde am 4. Oktober von der Polizei aufgelöst.

20min/Taddeo Cerletti
Etwa 250 Aktivistinnen und Aktivisten blockierten um die Mittagszeit die Uraniastrasse auf der Höhe Bahnhofstrasse.

Etwa 250 Aktivistinnen und Aktivisten blockierten um die Mittagszeit die Uraniastrasse auf der Höhe Bahnhofstrasse.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Aktivistinnen und Aktivisten der «Extinction Rebellion» haben am 4. Oktober in Zürich eine Sitzblockade veranstaltet. Es kam zu über 200 Verhaftungen.

  • Nun erheben die Aktivistinnen und Aktivisten schwere Vorwürfe: Die Polizei habe verhafteten Minderjährigen ihre Rechte verwehrt.

  • Der 17-jährige Ariele aus dem Tessin sagt, die Polizei habe ihm gewaltsam die Fingerabdrücke nehmen wollen und die Unterhosen ausgezogen.

  • Die Stadtpolizei Zürich nimmt von den Vorwürfen Kenntnis, handeln könne sie aber erst, wenn die Betroffenen Anzeige erstatteten.

Mehr als 200 Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion (siehe unten) wurden gemäss einer Medienmitteilung der Jungen Grünen nach einer Sitzblockade in Zürich am 4. Oktober verhaftet. Bei der Befragung danach sei es zu Menschenrechtsverstössen gekommen, beklagen die Jungen Grünen jetzt.

Einer der Betroffenen ist der 17-jährige Ariele aus dem Tessin. 20 Minuten erzählt er, wie die Verhaftung abgelaufen ist: «Vier Polizisten kamen zu mir und gaben mir auf Deutsch Anweisungen, die ich nicht verstanden habe. Also haben sie mich gepackt und zu einem Polizeiauto gebracht, wo ich und viele andere Aktivisten fotografiert und unsere Ausweise kontrolliert wurden.»

«80 Personen auf 60 Quadratmetern»

Danach ging es für Ariele auf den Polizeiposten, wo er im Verlauf des Prozederes in verschiedenen Räumen untergebracht wurde. «Zeitweise waren wir gegen 80 Personen, die meisten davon Erwachsene, in einem 60 Quadratmeter grossen Raum. Wir hatten zwar eine Maske bekommen, konnten aber die Abstände natürlich nicht einhalten, und der Raum war schlecht belüftet, es war extrem stickig», sagt Ariele. Rund viereinhalb Stunden hätten sie dort verbringen müssen.

Später sei er aufgefordert worden, seine Fingerabdrücke zu geben. «Doch ich kenne meine Rechte und habe den Polizisten zu verstehen gegeben, dass ich das nicht müsse und nicht wolle. Also haben sie versucht, mein Gesicht auf den Tisch zu drücken und die Fingerabdrücke gewaltsam zu nehmen. Das hat aber nicht geklappt», so der 17-Jährige.

Wenig später sei es erneut in einen anderen Raum gegangen, ohne Fenster und Tageslicht. Dort sei es dann auch zum schlimmsten Übergriff gekommen: «Die Polizisten verlangten, dass ich mich nackt ausziehe. Als ich mich weigerte, zogen sie mir die Unterhosen mit Gewalt herunter», sagt Ariele.

«Habe so lange nachgefragt, bis sie mich erneut in die Zelle steckten»

Nach der Befragung zur Kundgebung hätten die Polizisten Ariele gehen lassen. Doch er habe die Namen und die Dienstnummern der befragenden Polizisten wissen wollen: «Weil sie mir diese nicht geben wollten, habe ich so lange nachgefragt, bis sie mich erneut in eine Zelle gesteckt haben.»

Während des ganzen Prozederes habe die Polizei weder seine Familie noch einen Anwalt angerufen. «Ich finde das Verhalten der Polizei absolut übertrieben und unangebracht. Wir haben zivilen Ungehorsam geleistet, aber weder Gewalt verübt, noch irgendjemandem Schaden zugefügt. Viele andere Aktivistinnen und Aktivisten erzählten später ähnliche Geschichten. Eine Frau musste etwa die ganze Nacht in einer Zelle verbringen, in der es kein Bett hatte.»

Stapo Zürich: «Nehmen die Vorwürfe zur Kenntnis»

Die Stadtpolizei Zürich sagt auf Anfrage, sie nehme die Vorwürfen, welche die Jungen Grünen als Drittpartei erheben würden, zur Kenntnis. «Damit wir die konkreten Fälle abklären können, sind wir aber darauf angewiesen, dass die direkt Betroffenen sich bei uns oder bei der Strafverfolgungsbehörde melden», sagt eine Mediensprecherin. Und weiter: «Was ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann, ist, dass uns keine Hinweise auf ein Fehlverhalten vorliegen.»

Ob Ariele die Vorfälle zur Anzeige bringen will, könne er derzeit noch nicht sagen. «Möglicherweise werde ich rechtliche Schritte einleiten, noch bin ich mir aber nicht sicher.»

Extinction Rebellion

Die Extinction Rebellion ist eine Umweltschutzbewegung mit dem erklärten Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Massnahmen von Regierungen gegen das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise zu erzwingen. Sie ging im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich aus verschiedenen Vorläufergruppen hervor. Im März 2020 war sie laut Eigenaussage in 67 Ländern auf sechs Kontinenten mit 1141 Ortsgruppen vertreten, in der Schweiz waren im März 2020 über 16 aktive und in Gründung befindliche Ortsgruppen ausgewiesen.

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