Aktualisiert 21.05.2020 13:44

Petition

17-Jähriger fordert Schulfach Depression

Raymond Krbavac wurde so stark gemobbt, bis er depressiv wurde und sich mit 15 Jahren das Leben nehmen wollte. Mit einer Petition und der Unterstützung eines Nationalrats will er nun erreichen, dass Schüler und Lehrer besser über psychische Krankheiten aufgeklärt werden.

von
Remo Schraner
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Der 17-jährige Raymond Krbavac fordert in einer Petition, dass die Aufklärung und Prävention von psychischen Krankheiten schweizweit in den schulischen Lehrplan aufgenommen werden soll.

Der 17-jährige Raymond Krbavac fordert in einer Petition, dass die Aufklärung und Prävention von psychischen Krankheiten schweizweit in den schulischen Lehrplan aufgenommen werden soll.

zVg
Die Petition ist an Bundesrat Guy Parmelin gerichtet, der dem Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) vorsteht.

Die Petition ist an Bundesrat Guy Parmelin gerichtet, der dem Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) vorsteht.

BZ/Raphael Moser
Die Verantwortlichen des «Lehrplan 21», welche die Ziele für den Unterricht aller Stufen der Volksschule in der Deutschschweiz festlegen, sind der Meinung, dass das Thema psychische Gesundheit in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen sowie im «Lehrplan 21» bereits ausreichend verankert sei.

Die Verantwortlichen des «Lehrplan 21», welche die Ziele für den Unterricht aller Stufen der Volksschule in der Deutschschweiz festlegen, sind der Meinung, dass das Thema psychische Gesundheit in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen sowie im «Lehrplan 21» bereits ausreichend verankert sei.

Leo Wyden

Darum gehts

  • Mit einer Petition fordert ein 17-Jähriger mehr Aufklärung und Prävention von psychischen Krankheiten an den Schulen.
  • Prominente Unterstützung erhält er nun von SP-Nationalrat Angelo Barrile.
  • Die Verantwortlichen des Lehrplans 21 hingegen sehen keinen Bedarf für mehr Prävention.

«Während meiner ganzen Schulzeit wurde ich geschlagen, bespuckt, manchmal sogar mit Steinen beworfen», sagt der 17-jährige Aargauer Raymond Krbavac. Er sei schon immer ein Aussenseiter gewesen und Opfer von Gleichaltrigen, die «den Chef markieren» wollten.

Im September 2018 hielt der damals 15-Jährige das Mobbing nicht mehr aus. «Ich sah keinen Ausweg mehr», sagt Krbavac. Im Wald wollte er sich das Leben nehmen. Auf Whatsapp schrieb er seiner Kollegin eine Abschiedsnachricht – das rettete Raymond Krbavac das Leben: «Weil ich auf Snapchat die «Snap Map» aktiviert hatte, konnte meine Kollegin sehen, wo im Wald ich war. Sie fand mich und brachte mich nach Hause, bevor ich mir etwas antun konnte. Dafür bin ich ihr heute sehr dankbar», erzählt Krbavac.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand: Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)


Anlaufstellen für Suizidbetroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

«Zum ersten Mal habe ich meinem Vater gesagt, wie es mir geht»

Zu Hause warteten bereits Krbavacs Mutter und der Schulleiter auf ihn. «Meine Mutter war schockiert und der Schulleiter überfordert. Er meinte nur, ich solle am nächsten Tag zur Schulsozialarbeiterin gehen. Dann hat er sich verabschiedet», erinnert sich Raymond Krbavac. Am Abend redete er mit seinem Vater zum ersten Mal über das jahrelange Mobbing und seine fehlende Lebenslust. «Er war schockiert und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Dass ich aber endlich darüber reden konnte, tat mir gut.»

Am Tag darauf ging Raymond Krbavac wieder zur Schule: «Eigentlich hätte ich gerne mit meinem Klassenlehrer geredet. Aber ich wurde zur Schulsozialarbeiterin geschickt, die ich bis anhin kaum kannte.» Einen Monat lang ging er zweimal wöchentlich zu ihr. «Einmal kam die Sozialarbeiterin auch in meiner Klasse vorbei und redete über Mobbing. Geholfen hat es nur für ein paar Tage. Danach war alles wieder beim Alten.»

Im Dezember 2018 begann Krbavac eine Therapie. Dort wurden bei ihm Depressionen diagnostiziert. Seine Familie unterstützte ihn bei der Bewältigung seiner Krankheit viele Freunde aber wandten sich von ihm ab. Die Situation überfordere sie. Der Alltag bis zu seinem Schulabschluss im Sommer 2019 war schwierig. «Statt dass meine Lehrer Verständnis für meine Situation aufgebracht hätten, hielten sie mir vor, wie viel Schulstoff ich durch die intensive Therapie verpassen würde. Das half mir nicht weiter.»

Sein Lebensmut ist zurück

Nach der obligatorischen Schule begann Raymond Krbavac das 10. Schuljahr. Aber auch in der neuen Klasse wurde er gemobbt. Einmal sei er von einem Schulkameraden mit einem Messer bedroht worden. Krbavac brach das Schuljahr ab und begann ein vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) organisiertes Motivationssemester: Drei Tage in der Woche arbeitet er als Logistiker, einen Tag verbringt er in der Berufsschule, und am fünften besucht er Bewerbungskurse. «Ich möchte unbedingt nächstes Jahr eine Lehre als Logistiker anfangen.»

Die Arbeit tut Raymond Krbavac gut, sein Lebensmut ist zurück. Die neu gewonnene Energie will er auch für andere einsetzen: Mit einer Petition auf «openpetition.eu» fordert der 17-Jährige, dass die Aufklärung und Prävention von psychischen Krankheiten schweizweit in den schulischen Lehrplan aufgenommen werden soll. Zudem sollen Lehrkräfte besser für den Umgang mit depressiven Schülern geschult werden.

So funktioniert eine Petition

Petitionen sind schriftliche Bitten oder Anregungen, die sich an Behörden richten. Dabei gibt es keine Mindestanzahl von Unterschriften oder zeitliche Begrenzung, die eine Petition vor der Einreichung erfüllen müsste. Wird die Petition der entsprechenden Behörde vorgelegt, muss diese die Forderungen zur Kenntnis nehmen. Sie ist aber nicht dazu verpflichtet, eine Antwort zu formulieren. In den meisten Fällen nehmen die Behörden aber zu Petitionen Stellung. Jede in der Schweiz lebende Person kann eine Petition starten, unabhängig von Alter und Nationalität.

Nationalrat unterstützt seine Anliegen

Prominente Unterstützung erhält Krbavac nun von SP-Nationalrat Angelo Barrile. Der Präsident der parlamentarischen Gruppe «Psychische Gesundheit» hat mehrere Jahre als Arzt in der Psychiatrie gearbeitet: «Es tut mir leid, was Herr Krbavac erleben musste. Ich bewundere seinen Mut, dass er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit geht und mit der Petition aktiv nach Lösungen sucht, die Schweizer Bevölkerung besser über psychische Krankheiten aufzuklären. Tatsächlich besteht da Handlungsbedarf.»

Auch Sabine Basler, Geschäftsführerin des Verbands «Tel. 143 – Die Dargebotene Hand» begrüsst Krbavacs Forderung nach einer schweizweiten Regelung bezüglich des Unterrichts zur psychischen Gesundheit an den Schulen: «Ich würde mir wünschen, dass der Bund im Bereich der psychischen Gesundheit mehr Verantwortung übernimmt.» Zwar gäbe es kantonale Projekte und lokale Initiativen, die von der Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz» finanziert werden, aber: «Das ist ein kantonaler Flickenteppich. Es besteht das Risiko, dass die Projekte nach ein paar Jahren wieder einschlafen, da die Finanzierung nicht nachhaltig gesichert ist. Ich sehe nicht ein, weshalb der Bund Kampagnen, Plattformen und Studien im Bereich Alkohol, Tabak und sexuelle Gesundheit führt, die psychische Gesundheit und die Suizidprävention jedoch an die Kantone delegiert.»

Die Verantwortlichen des Lehrplans 21, welche die Ziele für den Unterricht aller Stufen der Volksschule in der Deutschschweiz festlegen, sind jedoch der Meinung, dass das Thema psychische Gesundheit in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen sowie im Lehrplan 21 bereits ausreichend verankert sei.

Einladung ins Bundeshaus

Die Petition «Aufklärung von Depression in den Lehrplan» an Bundesrat Guy Parmelin, der dem Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) vorsteht, muss noch einige Hürden nehmen. «Die Petition enthält verschiedene Forderungen, die wiederum auf verschiedenen Ebenen und Behörden angegangen werden müssten», sagt Nationalrat Barrile. Guy Parmelin als alleiniger Adressat der Petition sei kaum zielführend. Trotzdem rät der SP-Nationalrat, die Petition vorerst weiterlaufen zu lassen – und bietet Unterstützung an: «Ich lade Herrn Krbavac zu einem Treffen mit mir ein. Ich will ihn dabei unterstützen, seine Anliegen ins Parlament zu bringen.»

Die Einladung ins Bundeshaus freut den 17-jährigen Polit-Neuling Raymond Krbavac und bestärkt ihn in seinem Vorhaben. «Ich hatte Glück, dass meine Kollegin mich damals im Wald fand. Andere haben dieses Glück nicht. Ich will, dass es andere Schüler in Zukunft leichter haben!», so das Ziel des 17-Jährigen.

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92 Kommentare
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Coole Lehrer sind Mittäter

22.05.2020, 11:31

Es gibt such die Lehrer, die gerne cool sind und sich dann unausgesprochen mit den coolen Schülern solidarisieren und die schwächeren Kinder genervt unter Lehrern als Heulsusen betiteln, anstatt sie zu stärken. Bei solchen Lehrpersonen haben Kinder, die in der „falschen“ Klasse sind, keine Chance!

Lea

22.05.2020, 11:15

Ich habe meine Tochter 13 gefragt ob sie das für nötig findet. Sie wurde Jahrelang gemoppt und geplagt in der Schule. Ihre Antwort; Nein braucht es nicht ich habe gelernt, mich zu wehren und niemand tut mir mehr etwas an. Stimmt, ich habe sie unterstützt und es lag auch an ihrem Verhalten, dass sie an den Tag legt. Sie hält sich aus allen Streitereien raus und weiss jetzt wie sie sich verhalten soll.

Ehemalige Lehrerin

22.05.2020, 11:15

Vor allem Lehrpersonen sollten bei diesem Thema besonders geschult werden. Häufig greifen sie nicht ein weil sie überfordert sind, nicht weil ihnen das Kind egal ist. Es wäre wichtig, dass Lehrpersonen genaue Anleitungen haben was zu tun ist wenn Mobbing in ihrer Klasse auftritt.