17 Jahre Haft für «grässliche Quälereien» gefordert
Aktualisiert

17 Jahre Haft für «grässliche Quälereien» gefordert

Die Eltern eines über Monate zu Tode gequälten Babys aus Dietikon ZH sollen für lange Zeit hinter Gitter. Die Staatsanwältin spricht von einer Tötung auf Raten.

Die Staatsanwaltschaft hat vor dem Zürcher Geschworenengericht mit 17 Jahren für den Vater sowie elf Jahren für die Mutter sehr hohe Strafen für die Eltern des getöteten Dietiker Babys gefordert. Die Verteidiger wiesen den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung zurück und setzten sich für erheblich mildere Sanktionen von höchstens fünf und drei Jahren ein.

«Es macht sprachlos, fassungslos und auch wütend», eröffnete die zuständige Staatsanwältin Claudia Wiederkehr am Mittwoch ihr Plädoyer vor dem Zürcher Geschworenengericht. Zunächst rief sie den Geschworenen die «grässlichen Quälereien» der beschuldigten Eltern noch einmal in Erinnerung. So wie der heute 32-jährige Vater das im Juni 2003 geborene Baby würgte, einen Socken in den Mund steckte oder in der Badewanne losliess, um zu sehen, wie lange es seine Tochter unter Wasser aushielt.

Tatenlose Mutter

Auch die 28-jährige Mutter habe ihre Tochter namens Antonia geschlagen, sagte Wiederkehr. Vor allem aber habe sie aber tatenlos zugesehen und nichts unternommen, um ihr Kind zu schützen. Zudem habe sie dem Säugling zu wenig Essen zugeführt. Die Mangelernährung sei Ende Oktober 2003 so weit fortgeschritten, dass der Tod sehr nahe gewesen sei, führte Wiederkehr aus. Schliesslich habe der Vater die Geschädigte derart geschüttelt, dass sie am 29. Oktober 2003 verstorben sei.

Beide Eltern der vorsätzlichen Tötung schuldig

Laut Wiederkehr haben sich beide Eltern der vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht. Allerdings sei ihnen ein direkter Vorsatz nicht nachzuweisen. Hingegen stehe fest, dass die Angeschuldigten alleine schon mit der massiven Unterernährung den Tod ihres Kindes in Kauf genommen hätten, erklärte die Anklägerin. Das Schütteln sei nur noch der letzte Grund für den Todeseintritt gewesen.

Eine Tötung in Raten

Wiederkehr sprach von einem aussergewöhnlich schweren Verschulden der Angeklagten. Sie hätten ihre Tochter nicht spontan, sondern über vier Monate lang gequält. Über 120 Tage lang wäre es ihnen möglich gewesen, ihr Verhalten zu ändern. «Es war eine Tötung in Raten», sagte Wiederkehr, die auch die Tatmotive des Vaters als niederträchtig einstufte. Dieser habe sich genervt gefühlt. Zudem habe er seiner Tochter einen Pinsel in die Scheide eingeführt. Damit sie kein Hure werde. Die Staatsanwältin wies auch darauf hin, dass der in Uganda geborene Angeklagte vor Gericht weder Anstand noch Respekt, geschweige denn Reue und Einsicht gezeigt habe.

Hohe Strafen verlangt

Wiederkehr forderte für die Angeschuldigten hohe Freiheitsstrafen. 17 Jahre für den Vater, elf Jahre für die Mutter. Für den psychisch angeschlagenen Mann verlangte sie die Anordnung einer ambulanten Psychotherapie während des Vollzugs.

Tragischer Tod

Die beiden Verteidiger sprachen von einem tragischen Tod eines Kindes, wiesen aber die Vorwürfe der vorsätzlichen Tötung zurück. Jürg Bettoni ging als Rechtsanwalt des Vaters in seinem Hauptantrag von einer Verletzung der Fürsorgepflicht aus. In einem Eventualantrag gestand er eine schwere Körperverletzung sowie eine fahrlässige Tötung ein. In dem Fall wäre eine Freiheitsstrafe von höchstens fünf Jahren angemessen, plädierte er, zudem die Einweisung seines Klienten in eine stationäre Massnahme. So habe ein Gutachten dem Angeklagten eine im leichten Grade verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Bettoni sprach von einem pauschalen Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die einen Nachweis für eine vorsätzliche Tötung nicht erbracht habe. Der Verteidiger erinnerte auch an andere Fälle von zu Tode geschüttelten Babys. Bei allen sei es zu Schuldsprüchen wegen fahrlässiger Tötung gekommen.

Fatale Abschottung

Die Verteidiger machten auch die mangelnden Kenntnisse der völlig überforderten Eltern bei der Kinderbetreuung für den Tod Antonias verantwortlich. So hätten sie das Baby einseitig ernährt. Ihre Abschottung – laut Bettoni ein eigentümliches, aber kein strafbares Verhalten - habe sich fatal ausgewirkt, da sie die Entwicklung ihres Kindes nicht mit anderen Eltern hätten besprechen und vergleichen können.

Max Bleuler setzte sich als Verteidiger der Mutter im Hauptantrag für eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren ein. Bleuler verwies auf ein Gutachten, dass der Frau eine verminderte Zurechnungsfähigkeit im mittleren Grade attestierte. Im schlimmsten Fall seien wegen schwerer Körperverletzung drei Jahre angebracht. Allerdings unter Aufschub des Strafvollzugs zugunsten einer ambulanten Massnahme.

Prozessunterbruch verlangt

In diesem Zusammenhang verlangte Bleuler sogar einen Prozessunterbruch. Um für seine Mandantin ein Obergutachten einzuholen. Mit dem Ziel, ihre Massnahmebedürftigkeit abzuklären.

Danach zogen sich die Geschworenen zur geheimen Urteilsberatung zurück. Der Entscheid wird auf Montag erwartet.

Attila Szenogrady, 20minuten.ch

Video: Der Angeklagte betritt am ersten Prozesstag das Bezirksgericht

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Video: Debby Galka, 20minuten.ch (sda)

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