Aktualisiert 09.06.2019 01:45

CO2-Bilanz1h Feuerwerk belastet Klima gleich wie 1h surfen

Konstanz schafft das Feuerwerk am Seenachtsfest aus Klimagründen ab. Experten sind skeptisch, die Klimajugend freuts – und sie fordert Alternativen.

von
rol

Bei welchen Tätigkeiten wird am meisten CO2 ausgestossen? Sehen Sie die eindrücklichen Vergleiche im Video.

CO2, Feinstaub, Lärm: Die Stadt Konstanz will aus Umweltschutzgründen auf das traditionelle Feuerwerk am Seenachtsfest verzichten. Die Stadt habe den Klimanotstand ausgerufen, begründet Oberbürgermeister Uli Burchhardt die Pläne. Daher sei es fraglich, ob das Fest mit dem Feuerwerk als Höhepunkt noch zur heutigen Zeit passe.

Jann Kessler von der Bewegung Klimastreik Schweiz begrüsst den Entscheid. «Konstanz geht als Vorreiterin voran: Schweizer Städte und Veranstalter sollten diesem Beispiel folgen», so der 23-Jährige. Sie müssten sich die Frage stellen, ob solche «kurzfristigen Knall- und Leuchteffekte die enorme Umwelt- und Luftverschmutzung» wert seien (siehe Box).

Feuerwerk ist kein Klimakiller

Doch wie schädlich ist Feuerwerk? «Aus Klimaschutzgründen darauf zu verzichten, macht keinen Sinn», sagte Empa-Luftreinhaltespezialist Dominik Brunner im «St.Galler Tagblatt». Der CO2-Ausstoss von Böllern und Raketen sei vergleichsweise marginal, bestätigt auch ETH-Klimaforscher Reto Knutti.

Laut einer Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu) werden in der Schweiz jährlich 2000 Tonnen Feuerwerkskörper gezündet – und dabei 86 Tonnen CO2 freigesetzt. Ein Viertel davon wird allein am Züri-Fäscht, das in einem Monat stattfindet, in die Luft geschossen: 23 Tonnen CO2 verursachen die drei Fest-Feuerwerke (à 20 bis 30 Minuten) laut einer Studie von Myclimate. Bei rund 2 Millionen Festbesuchern macht das 12 Gramm CO2 pro Person – etwa gleich viel, wie ein laufender Laptop in einer Stunde erzeugt.

Auch im Vergleich zum gesamten CO2-Ausstoss des Züri-Fäschts machen die Feuerwerke nur 0,2 Prozent aus. Der Hauptteil der 12'400 Tonnen CO2, die beim Anlass entstehen, entfällt auf die Anreise der Besucher (5200 Tonnen) sowie auf die Mahlzeiten (5000 Tonnen). Das Festprogramm werde allerdings CO2-kompensiert, betont Mediensprecher Andreas Hugi. «Wir bezahlen dafür 21'500 Franken an Myclimate.»

Ist Gesellschaft bereit für Alternativen?

Auf die Feuerwerke zu verzichten, sei heute unvorstellbar, so Hugi. «Sie sind ein integraler Teil der Festgeschichte.» Auch weitere Schweizer Städte halten am bunten Spektakel bei Grossanlässen fest. So feiert Bern den 1. August auf dem Gurten mit Feuerwerk, die Stadt Basel lässt es tags zuvor (31. Juli) knallen. Auch die Seenachtsfest-Organisationskomitees in Kreuzlingen und Arbon wollen die Feuerwerktradition vorerst nicht aufgeben.

Jann Kessler von Klimastreik Schweiz fordert ein Umdenken: «Es braucht Alternativen, die die Natur nicht zerstören. Das ist eine Chance für Veranstalter.» Statt Feuerwerk und Flugzeugstaffeln seien Laser- und Drohnenshows denkbar – oder Attraktionen, die auf Mitwirkung abzielten. «Wenn Hunderte mit Pedalos und Leuchtstäben auf dem See Figuren kreieren, gäbe das schöne Luftaufnahmen, die übertragen werden könnten», so Kessler.

Solchen Vorschlägen sei man nicht abgeneigt, sagt Züri-Fäscht-Sprecher Hugi. Erstmals gebe es heuer eine Drohnenshow. Die Fluggeräte sollen spektakuläre 3-D-Bilder über dem Zürichsee projizieren. Hugi: «Wenn der gesellschaftliche Wandel weiter voranschreitet, kann ich mir vorstellen, dass solche Shows in einigen Jahren die klassischen Feuerwerke oder Flugzeugstaffeln ablösen können.» Noch sei das aber nicht der Fall.

2 Prozent des Feinstaubs durch Feuerwerk

Dass Feuerwerk der Umwelt schadet, ist unbestritten: Es belastet die Luft und verursacht Lärm. Laut einer Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu) entstehen in der Schweiz rund 320 Tonnen Feinstaub pro Jahr durch das Abbrennen von Feuerwerk. Damit sorgen Böller und Raketen für bis zu zwei Prozent des gesamten Feinstaub-Ausstosses. Wird Feuerwerk gezündet, übersteigt die örtliche Feinstaubbelastung die Grenzwerte kurzzeitig oft massiv. Vor allem Personen, die an Atemwegs- und Kreislauferkrankungen leiden, sollten laut Bafu die Nähe von Feuerwerken meiden. Daneben empfinden viele den Feuerwerk-Lärm als störend. Zudem sind die Knallkörper für Wild- und Haustiere ein erheblicher Stressfaktor.

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