Weg aus der Corona-Krise - «2,5 Millionen Genesene sind ein wichtiger Teil der Lösung»
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Weg aus der Corona-Krise«2,5 Millionen Genesene sind ein wichtiger Teil der Lösung»

Wer schon einmal Covid hatte, ist laut Wissenschaftlern bis zu einem Jahr immun. Jetzt kommt Hoffnung auf, dass der Ausstieg aus der Pandemie dank Genesenen früher gelingt.

von
Bettina Zanni
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Neue Erkenntnisse, gestützt auf eine Studie aus Israel, lassen die Corona-Taskforce des Bundes darauf schliessen, dass bereits Erkrankte länger gegen Corona immun sind als bisher angenommen.

Neue Erkenntnisse, gestützt auf eine Studie aus Israel, lassen die Corona-Taskforce des Bundes darauf schliessen, dass bereits Erkrankte länger gegen Corona immun sind als bisher angenommen.

20min/Taddeo Cerletti
«Es kann durchaus sein, dass Genesene zwölf Monate oder noch länger einen guten Schutz aufweisen», sagt Karrer.

«Es kann durchaus sein, dass Genesene zwölf Monate oder noch länger einen guten Schutz aufweisen», sagt Karrer.

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«Vor diesem Hintergrund könnte man sich überlegen, ob die Zertifikatsdauer für Genesene angepasst werden sollte», sagt Karrer.

«Vor diesem Hintergrund könnte man sich überlegen, ob die Zertifikatsdauer für Genesene angepasst werden sollte», sagt Karrer.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Genesene könnten laut dem Vizepräsidenten der Taskforce zwölf Monate oder noch länger einen Schutz gegen Covid aufweisen.

  • Stimmen aus dem Gesundheitswesen und der Politik fordern, dass die Genesungsquote im Kampf gegen die Pandemie eine entscheidende Rolle spielt.

  • Ihrer Meinung nach wäre dadurch ein schnellerer Ausstieg aus den Massnahmen möglich.

Nach sechs Monaten läuft das Covid-Zertifikat für Genesene ab. Neue Erkenntnisse, gestützt auf eine Studie aus Israel, lassen die Corona-Taskforce des Bundes aber darauf schliessen, dass bereits Erkrankte länger gegen Corona immun sind als bisher angenommen.

Wer sich mit dem Coronavirus angesteckt habe, sei nach sechs Monaten offenbar besser gegen die Delta-Variante geschützt als viele doppelt geimpfte Personen, sagt Urs Karrer, Vizepräsident der Taskforce des Bundes. «Es kann durchaus sein, dass Genesene zwölf Monate oder noch länger einen guten Schutz aufweisen.»

«Vor diesem Hintergrund könnte man sich überlegen, ob die Zertifikatsdauer für Genesene angepasst werden sollte», sagt Karrer. Eine solche Anpassung hänge von vielen behördlichen und politischen Entscheiden ab. «Auch wäre eine längere Gültigkeit nur sinnvoll, wenn auch andere Länder mitziehen würden.»

Klares Gesamtbild fehle

Rund 2,5 Millionen Menschen dürften in der Schweiz laut einer groben Schätzung des Forschungsprogramms Corona Immunitas seit Beginn der Pandemie von einer Corona-Infektion genesen sein. Das «Bündnis Freiheitliches Gesundheitswesen», das aus grossen Verbänden und Unternehmen aus allen Bereichen des schweizerischen Gesundheitswesens besteht, forderte unlängst, dass die Krankenkassen oder der Bund für Genesene einen einzigen Antikörpertest bezahlen. Fällt dieser positiv aus, braucht die getestete Person demnach nur noch eine Impfdosis, um ein Zertifikat zu bekommen.

«Die Genesenen sind auf dem Weg aus der Pandemie ein wichtiger Teil der Lösung, der vernachlässigt wird», sagt Felix Schneuwly, Vizepräsident des Bündnisses und Gesundheitsexperte bei Comparis. In der ganzen Pandemie hätten die Behörden nie über ein Testdesign verfügt, das ein klares Gesamtbild der Pandemie inklusive der Genesenen liefere. Der Bundesrat strebe mit taktischen Massnahmen eine höhere Impfquote an. «Richtig wäre aber, wenn bei den Entscheiden für Massnahmen nicht nur die Impfquote, sondern auch die effektive Genesungsquote berücksichtigt würde.»

«Genesene mit Geimpften gleichstellen»

Auch Politikerinnen und Politiker sehen in den Genesenen einen wichtigen Faktor im Kampf gegen die Pandemie. «Haben Genesene neu einen Immunschutz von bis zu zwölf Monaten, sollte man sie mit den Geimpften als gleichwertig betrachten», sagt FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Auch die FDP forderte kürzlich Gratis-Antikörpertests. «Solche würden uns helfen, die Quote der Genesenen zu erfassen, wiederkehrende kostenpflichtige Tests zu vermeiden und schneller aus der Krise zu kommen.» Demnach könne die Genesungsquote entscheidend sein, um Massnahmen frühzeitig zu lockern.

Auch SP-Nationalrätin Barbara Gysi zeigt sich offen gegenüber kostenlosen Antikörpertests. Interessant sei diese Forderung vor allem in Hinblick auf den Wunsch, den Status der Zertifikatspflicht so schnell wie möglich zu verlassen. «Würde dank der Tests ein markant erhöhter Anteil Genesener registriert, ist es möglich, dass wir aus Massnahmen schneller aussteigen könnten.» Die beste Lösung sei aber nach wie vor eine hohe Impfquote.

«Geht darum, zweiten Teil der Welle zu verhindern»

Urs Karrer warnt hingegen davor, Genesene als Gamechanger in der Pandemie zu betrachten. «Kurzfristig ist es eine grössere Belastung für die Gesellschaft, viele Infizierte zu haben, als sie dann längerfristig als Genesene nützlich für die Immunität der Bevölkerung werden.» Jeder oder jede infizierte Erwachsene habe durchschnittlich ein Risiko von ungefähr zwei Prozent, mit Covid im Spital zu landen, was das Gesundheitssystem belaste.

An der Empfehlung des BAG, dass sich Genesene innerhalb von drei Monaten nach der Infektion impfen lassen sollten, will Karrer festhalten. «Es geht nicht darum, den Immunschutz bis ans Limit auszureizen, sondern den zweiten Teil der vierten Welle zu verhindern.»

Würde die Frist bis zur ersten Impfung für Genesene verlängert, könnten laut Karrer viele Genesene die Impfung hinauszögern. «Genesene, die mit einer einzigen Dosis geimpft wurden, haben den allerbesten Schutz gegen Delta. Das ist dann das bestmögliche immunologische Training vor dem drohenden Corona-Winter.» Damit würden die geimpften Genesenen das Gesundheitssystem am effizientesten entlasten.

Neue Erkenntnisse zum Immunschutz

In einem neuen wissenschaftlichen Update geht die Taskforce davon aus, dass eine früher durchgemachte Sars-Cov-2-Infektion bei jüngeren Personen unter 65 Jahren ohne Hinweise für eine Immunschwäche einen lang anhaltenden, signifikanten Schutz gegen eine Infektion mit Wildtyp Alpha oder Delta vermittelt. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stützen sich dabei auf Daten einer israelischen Studie. Dieser zufolge ist das Risiko für eine Durchbruchsinfektion bei Personen, die doppelt mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft wurden, sechs Monate nach der Impfung höher als das Risiko für eine Reinfektion mit Delta bei Genesenen ohne Impfung.

Auch zeigten Geimpfte mit Pfizer/BionTech im Vergleich zu Genesenen ein höheres Risiko für eine symptomatische Infektion oder eine Hospitalisation. Auch bei einer zwischen sechs und 18 Monaten zurückliegenden Infektion waren Genesene gegen Delta sechs- bis siebenfach besser geschützt als Menschen, die sechs Monate zuvor mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft wurden. Den besten Schutz zeigten jedoch Personen, die nach einer durchgemachten SARS-CoV-2 Infektion mindestens einmal mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech geimpft wurden. Andere Impfstoffe wurden nicht untersucht.

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