Impf-Tourismus - «Wenn jetzt alle Zürcher nach Bern kommen, wird es schwierig»

Impf-Tourismus«Wenn jetzt alle Zürcher nach Bern kommen, wird es schwierig»

Am Mittwochnachmittag informieren die Experten des Bundes an einer Medienkonferenz zur aktuellen epidemiologischen Lage.

von
Newsdesk

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Mittwoch, 05.05.2021

Das Wichtigste in Kürze

Die Medienkonferenz ist beendet. Hier noch einmal die wichtigsten Punkte in Kürze:

  • Linda Nartey, Kantonsärztin Bern, Vizepräsidentin der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, rät vom Impfen in anderen Kantonen ab. Das sei gegenüber Risikogruppen nicht fair. Erlaubt sei es aber.

  • Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, Bundesamt für Gesundheit BAG, sagt «Es gibt weiterhin guten Grund, verhalten optimistisch zu bleiben, was die epidemiologische Lage angeht. Wir sind inzwischen auf einem Niveau von ca. 2000 angelangt. Auch der R-Wert ist auf einem tiefen Niveau.» Das Ziel sei, im Juni ein Impfzertifikat bereitzustellen.

  • Urs Karrer sagt: «Vier neue Betten auf der Intensivstation benötigen zwölf bis 16 neue Pflegekräfte.» Das Personal sei seit Oktober im Dauerstress.

  • Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst KSD, sagt, der Anteil der Covid-Patienten auf den Intensivstationen sei zurzeit bei 31 Prozent. Der Grossraum Zürich sei in den Intensivstationen besonders ausgelastet.

Muss man sich im Wohn- oder Arbeitskanton impfen lassen?

«Es ist grundsätzlich vorgesehen, dass man sich in einem anderen Kanton impfen lassen kann, zum Beispiel am Arbeitsort», sagt Nartey. Das werde so bereits praktiziert. «Die Zuteilung des Impfstoffes an die Kantone ist nach Bevölkerung. Wenn jetzt alle Zürcher nach Bern kommen, wird es schwierig. Vor allem wenn dann alle Zürcher noch schneller wählen, als die Berner. Allerdings haben wir heute gesehen, wie schnell die Berner sein können.» Impftourismus mache keinen Sinn, so Nartey.

Gesundheitspersonal

Das Personal im Gesundheitswesen sei sehr motiviert und wolle für die Patienten da sein. Doch auch das Personal brauche Entlastung, die über lange Zeit hoch ist, sagt Andreas Stettbacher. Deshalb müssten wir dafür sorgen, dass die Intensivstationen entlastet werden, indem wir die Fallzahlen tief halten.

Impfzertifikat

«Unser Ziel ist es im Juni ein Impfzertifikat bereitstellen zu können», sagt Patrick Mathys. Das Ziel sei, auch international kompatibel zu sein.

Die EU werde bis im Mai gewisse Standards festlegen.

Grundsätzlich sei es auch möglich, dass es mehr als ein Zertifikat auf nationaler Ebene gibt.

Die Impfung könne man sich heute schon ins Impfbüechli eintragen lassen und allenfalls damit verreisen. Sollte ein Land einen Nachweis verlangen bei der Einreise.

Fallzahlen

Urs Karrer sagt, das Testverhalten sei relativ stabil. «Die Fallzahlen müssten deutlich tiefer sein, als sie jetzt sind», sagt er. «Wenn wir jetzt hohe Fallzahlen haben, beziehen sich diese auf die kleiner werdende Zahl der Ungeimpften.»

Termine schnell weg

Das durchschnittliche Alter von Risikopatienten hat sich nach unten verschoben. Deshalb sei es wichtig, dass sich die über 50-Jährigen impfen lassen. «Deshalb müssen diese Gruppen auch schnell geimpft werden», sagt Urs Karrer.

Impfen in der Arbeitszeit

Ob Impfen als Arbeitszeit gilt, ist dem Arbeitgeber zu überlassen, sagt Mathys.

Kinder

Hätte es genügend Impfstoff, um Kinder zu impfen? «Bis im Juni würde der Impfstoff für Kinder nicht ausreichen», sagt Mathys. Bei den Kindern unter sechs Jahren sei sowieso nicht zu erwarten, dass diese dieses Jahr geimpft werden können, sagt Karrer. Dies, weil die Studien dazu noch nicht ausreichen.

Indische Variante

Die britische Variante verbreitet sich leichter als die anderen Varianten in der Schweiz. Es kann auch wieder eine Variante geben, die Nischen in der nichtimmunen Bevölkerung ausnutzt und sich verbreitet, sagt Mathys. Die indische Variante könnte so ein Fall sein.

Gibt es ein Impfzertifikat?

Es sei rechtlich möglich, dass es ein Impfzertifikat gibt, das auch Reisen erlauben könnte, doch dies müsse international anerkannt sein. Man arbeite derzeit an einer gemeinsamen Lösung, sagt Patrick Mathys.

Risiko bei Kindern

«Wie gross ist das Impfrisiko bei Kindern?» Aus medizinischer Sicht sei es sinnvoll auch Kinder zu impfen, sagt Karrer. Dies gelte auch aus epidemiologischer Sicht, ergänzt Mathys.

Fragerunde

Nun bekommen die anwesenden Medienschaffenden Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Durchimpfung von 80 Prozent nötig

Es spricht Linda Nartey, Kantonsärztin Bern, Vizepräsidentin der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte. Sie rechnet damit, dass in den nächsten Wochen alle Kantone das Impfen für alle freigeben werden.

Die Taskforce geht davon aus, dass es eine ca. 80-prozentige Durchimpfung brauchen werde, um B.1.1.7 in den Griff zu kriegen.

Auch Junge sollen impfen

Es sei wichtig, dass sich auch Jüngere impfen lassen, sagt Karrer. Immer mehr seien es auch Menschen zwischen 40 und 60 Jahren, die in den Spitälern wegen Covid behandelt werden, sagt Karrer.

50 bis 60 Jährige sollten bereits als Risikopatienten gelten, sagt er.

Personalaufwand für Intensivpatienten

Urs Karrer sagt: «Vier neue Betten auf der Intensivstation benötigen zwölf bis 16 neue Pflegekräfte.» Das Personal sei seit Oktober im Dauerstress. «Gleichzeitig ist mit den Impfungen eine Lösung in Griffnähe», sagt Karrer. «Die Impfkampagne ist der einzige realistische Ausweg aus der Pandemie.»

B.1.1.7 hat sich durchgesetzt

Es spricht Urs Karrer, Vizepräsident, National COVID-19 Science Task Force. Er ist zuständig für Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind. «Aufgrund der höheren Übertragbarkeit hat sich die Virusvariante B.1.1.7 durchgesetzt.» Die Variante würde auch schwere Erkrankungen verursachen, sagt Karrer.

Die Grafik zeigt den Verlauf der Belastung der Intensivstationen in Schweizer Regionen

Intensivstationen stark ausgelastet

Die Intensivstationen seien heute stark ausgelastet, sagt Andreas Stettbacher. Die Belastung des Personals sei hoch.