Gefahr durch Strahlung?: 20'000 Franken gegen Angst vor Handyantennen
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Gefahr durch Strahlung?20'000 Franken gegen Angst vor Handyantennen

Der Kanton Zürich will seine Schüler über Handystrahlung informieren. Die Pläne seien «Amtsmissbrauch», sagen Kritiker.

von
Stefan Ehrbar
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Zürcher Schüler sollen in der Schule über Mobilfunk aufgeklärt werden, hat der Regierungsrat beschlossen, denn ein wichtiger Zusammenhang sei in der Bevölkerung wenig bekannt.

Zürcher Schüler sollen in der Schule über Mobilfunk aufgeklärt werden, hat der Regierungsrat beschlossen, denn ein wichtiger Zusammenhang sei in der Bevölkerung wenig bekannt.

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So sei die Strahlenbelastung bei den Handys selbst tiefer, je besser die Abdeckung sei. Das kann aber heissen, dass mehr Antennen besser sind.

So sei die Strahlenbelastung bei den Handys selbst tiefer, je besser die Abdeckung sei. Das kann aber heissen, dass mehr Antennen besser sind.

AP/Frank Augstein
«Gegen neue Antennen gibt es oft viel Widerstand, aber eine gute Abdeckung kann die Strahlenbelastung reduzieren», sagt Valentin Delb von der Kantonalzürcher Baudirektion.

«Gegen neue Antennen gibt es oft viel Widerstand, aber eine gute Abdeckung kann die Strahlenbelastung reduzieren», sagt Valentin Delb von der Kantonalzürcher Baudirektion.

Keystone/Christof Schuerpf

Töten Handystrahlen Hamster und sorgen sie für Kopfschmerzen oder sind sie unbedenklich? Die Frage entzweit Forscher und Skeptiker. Der Kanton Zürich will nun die Einwohner auf seine Seite ziehen. Denn während seine Experten in einem neuen Bericht die Strahlungsquelle Mobilfunk als für die Bevölkerung nicht relevant erachten, werden neue Handyantennen vehement bekämpft.

Die Behörden wollen bei den Jugendlichen ansetzen. In den Schulen der Sekundarstufe I und II soll in Zukunft das Thema Mobilfunk behandelt werden – mit zwei Kernbotschaften: Beim Telefonieren sollen die Schüler ihr Handy nicht an den Kopf halten, und sie sollen erfahren, dass die Strahlenbelastung beim Handy tiefer ist, je besser die Abdeckung ist. «Gegen neue Antennen gibt es oft sehr viel Widerstand, aber eine gute Abdeckung kann die Strahlenbelastung beim Endgerät effektiv reduzieren», sagt Valentin Delb, Leiter der Abteilung Luft bei der Baudirektion des Kantons Zürich.

«Potenzial, der Gesundheit zu schaden»

Der Expertenbericht umschreibt das Grundproblem: Alle Mobilfunkanlagen hielten die gesetzlich vorgegebenen Schutzwerte ein. Trotzdem bestehe in der Bevölkerung teilweise eine hohe Skepsis gegenüber Antennen. Hingegen könnten bei der Handynutzung direkt am Kopf oder Körper und bei schlechtem Empfang Belastungen auftreten, die oft höher seien als jene von Antennen. Das sei in der Bevölkerung allerdings wenig bekannt.

Der Regierungsrat will den Schulen nun Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. Dafür entstehen Kosten von 20'000 Franken. «Es geht vor allem darum, dass Schüler den Zusammenhang zwischen Abdeckung und Strahlung kennen sollen. Je besser die Abdeckung ist, desto weniger muss das Endgerät strahlen und desto tiefer ist die Strahlenbelastung», sagt Delb. In seinem Bericht warnt der Kanton vor Gesundheitsrisiken bei schlechtem Empfang: Dann habe die hohe Sendeleistung von Mobiltelefonen ein «gewisses Potenzial», die Gesundheit zu beeinträchtigen.

«Geht in Richtung Amtsmissbrauch»

SVP-Nationalrätin Yvette Estermann sagt, aus dem Unterricht dürfe kein schlichter Werbespot für Antennen werden. Es sei wichtig, dass auch auf die Strahlenbelastung durch verschiedene elektronische Geräte hingewiesen werde. Zudem wäre es wünschenswert, wenn auch die Bedürfnisse von elektrosensiblen Menschen thematisiert würden, so Estermann. Für diese sei etwa eine strahlungsfreie Zone, wie sie in einer Motion gefordert wird, wichtig.

Nichts von den der Informationsoffensive hält Hans-Ulrich Jakob, Präsident der mobilfunkkritischen IG Gigaherz. «Das geht in Richtung Amtsmissbrauch», sagt er. Dass das Handy, das vielleicht während 15 Minuten am Tag am Ohr sei, gefährlicher sei als Antennen, die ununterbrochen strahlten, sei «die falsche Melodie». «Die Behörden sollen uns nicht vor den Risiken, sondern vor der Strahlung schützen», sagt Jakob. «Es reicht jetzt.»

Wissenschaftlich nicht relevant

Yvonne Gilli, Alt-Nationalrätin der Grünen und Mitglied der Ärzte für Umweltschutz, sagt, die Kampagne sei grundsätzlich in Ordnung. «Sie reicht aber noch nicht. Die Schüler müssen auch lernen, wie man sich sorgfältig verhält im Umgang mit Strahlenquellen.» Die Schulverantwortlichen müssten wissen, wie man ein WLAN geeignet einrichte oder dass mit besonders sensiblen Gruppen wie Kleinkindern besondere Vorsicht gefordert sei.

Mobilfunkstrahlung ist eine von vielen Strahlungsquellen. Zu den aus wissenschaftlicher Sicht gesundheitlich nicht relevanten Strahlungsquellen gehören neben Mobilfunk auch das Magnetfeld der Erde, Radio- und Fernsehsender und kosmische Strahlung. Als für die Bevölkerung relevant werden Radon, das zu Lungenkrebs führen kann, oder die Strahlung der Sonne und von Solarien gezählt. Diese können Hautkrebs auslösen.

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