Aktualisiert 11.01.2010 14:34

Drogenpolitik

20 Jahre «St. Galler Weg» in der Suchthilfe

1990 wurde in St. Gallen die Stiftung «Hilfe für Dorgenabhängige» gegründet, um gegen das drückende Drogenelend vorzugehen. Der «St. Galler Weg» fand in der Schweiz und im Ausland grosse Beachtung.

Zwei Jahrzehnte später sind längst nicht alle Drogenprobleme gelöst. Bienenhüsli, Schellenacker, MSH1, MSH2, Gassenküche und Blauer Engel sind untrennbar mit der St. Galler Drogenarbeit verbunden; seit 1998 bekannt als Stiftung Suchthilfe.

Ende der 80er-Jahre verschlimmerte sich das Drogenelend in der Stadt St.Gallen durch die Verbreitung der Immunschwächekrankheit Aids. Die Abgabe von sauberen Spritzen und von Kondomen und deren Entsorgung wurde plötzlich vordringlich.

Deshalb beschlossen Stadt und Kanton St. Gallen, unterstützt von den städtischen Kirchgemeinden sowie der Pro Juventute St. Gallen, zusammenzuarbeiten. Gemeinsam gründeten sie 1990 die Stiftung «Hilfe für Drogenabhängige».

Der «St.Galler Weg» sei der erfolgreiche Versuch, das Drogenproblem in einer gut funktionierenden Zweckgemeinschaft von sozialer Arbeit und Polizei zu lösen, sagt Jürg Niggli, Geschäftsführer der Stiftung Suchthilfe, auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Dieses Modell habe sich bewährt und werde heute auch beim Alkoholkonzept angewandt.

Vor dem Nichts

Seit August 1989 existierte in St. Gallen mit dem Bienenhüsli eine Anlaufstelle für Drogenabhängige, die jeweils einige Stunden pro Tag geöffnet war. Im selben Jahr wurde der Versuch mit einem Fixerraum gestartet.

Der Grosse Gemeinderat (Stadtparlament) bewilligte einen Kredit für die Weiterführung von Tagesstruktur und Fixerraum. Dagegen wurde das Referendum ergriffen. Die Mehrheit der Stimmenden sprach sich gegen die Weiterführung des Projekts aus.

Damit stand die St. Galler Drogenpolitik vor dem Nichts. Bienenhüsli und Fixerraum wurden geschlossen. Sofort bildete sich unter dem Waaghaus erneut eine offene Drogenszene, die den Unmut der Bevölkerung erregte und deshalb auf den Schellenacker verlegt wurde.

Die Stiftung Hilfe für Drogenabhängige erarbeitete daraufhin ein Vier-Säulen-Modell. Ab Januar 1993 brachte die Methadonabgabe im Sinn eines Notprojekts eine gewisse Entschärfung der Beschaffungskriminalität und -prostitution. 1994 wurde das Nothilfeprojekt durch die Medizinisch-Soziale Hilfsstelle (MSH2) abgelöst und der Schellenacker geschlossen.

«Modell hat sich bewährt»

Nach der Schliessung der offenen Drogenszene war die HIV- Prävention nicht mehr gewährleistet. Die MSH1 stellte die Spritzenversorgung sicher. 1995 startete die Stiftung mit der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe im Rahmen des Bundesprogrammes ein neues Projekt mit 40 Plätzen in der MSH1.

1996 wurde die HIV- und Hepatitis-Prävention in St. Gallen reorganisiert. Das Team des «Blauen Engels» versorgt seither die Drogenabhängigen mit sterilen Spritzen, überwacht ihren Gesundheitszustand und koordiniert die Spritzenversorgung.

Weniger Drogentote, keine offene Drogenszene, massiv weniger Beschäffungskriminalität und eine geringere Verwahrlosung der Abhängigen, das sind die Erfolgsmeldungen aus 20 Jahren Drogenarbeit.

Die Zielsetzung habe jedoch angepasst werden müssen, sagt Niggli. «Es gibt chronisch Abhängige, die den Ausstieg trotz heroingestützter Behandlung nicht so rasch schaffen.» Der Abstinenzgedanke sei trotzdem nicht aufgegeben worden.

Breite Akzeptanz

Die Drogenprobleme seien in den letzten Jahren komplexer geworden, sagt Niggli. Drogen- und Alkoholszene hätten sich vermischt. Es gebe immer häufiger Mehrfachkonsumenten, die auf Alkohol und Medikamente ausweichen.

Die drogenpolitische Zitrone sei ausgepresst, das Verhältnis zu den Behörden und der Bevölkerung habe sich entspannt. «Die Akzeptanz der Drogenhilfe macht Mut», sagt Niggli. Die kontrollierte Heroinabgabe (MSH1) verfügt inzwischen über 75 Behandlungsplätze. Bei der MSH2 können 100 Klienten von einer methadongestützten Therapie profitieren.

Beschäftigungsprogramme und Arbeitsprojekte zur sozialen Reintegration der Anhängigen, der Ausbau der Gassenküche und der Suchtfachstelle sowie ein eigener Psychiatrischer Dienst sind weitere Angebote der Stiftung Suchthilfe, die mit rund 50 Festangestellten arbeitet.

Die Wohngemeinschaft Arche (seit 2001) ist das jüngste Kind der Stiftung Suchthilfe. Die «Arche» bietet maximal sechs Menschen mit Suchtproblemen einen zeitlich unbefristeten Wohnraum.

Das Angebot sei ausreichend, dürfe aber keinenfalls abgebaut werden. Ansonsten könne das Anwachsen einer offenen Drogenszene nicht verhindert werden, sagt Jürg Niggli abschliessend. (sda)

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