Aktualisiert 09.02.2010 18:16

Der Erste Weltkrieg20 Millionen Tote für einen brüchigen Frieden

Vor 91 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Millionen von Soldaten waren in den Schützengräben verheizt worden; in der «Blutpumpe» von Verdun, im Trommelfeuer und den Gas-Angriffen hatte die Technisierung des Tötens bis dahin ungekannte Höhepunkte erreicht.

von
Daniel Huber

Als am 11. November 1918 um 11 Uhr die Waffen schwiegen, war der schlimmste und blutigste Krieg zu Ende, den die Menschheit bisher erlebt hatte: Gegen zehn Millionen Soldaten waren seit dem August 1914 gefallen, 20 Millionen waren verwundet worden. Dazu hatte der Krieg rund zehn Millionen zivile Todesopfer gefordert.

Für die Zeitgenossen war dieses nie dagewesene vierjährige Schlachten der «Grosse Krieg», und so wird der Erste Weltkrieg in Grossbritannien und Frankreich auch heute noch genannt. Für manche Historiker ist er die «Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts» (George F. Kennan); das prägende Ereignis am Beginn des neuen Jahrhunderts, aus dem die Russische Revolution, das Dritte Reich und schliesslich der Zweite Weltkrieg hervorgingen.

Die Schüsse von Sarajevo

Als am 28. Juni 1914 der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau bei einem Besuch der bosnischen Hauptstadt Sarajevo einem Attentat zum Opfer fielen, setzte sich eine unheilvolle Ereigniskette in Gang, die schnell in eine nahezu unkontrollierbare Eskalation mündete. Die Schüsse des jungen serbischen Nationalisten fielen in einer angespannten und nervösen Atmosphäre, als in Europa jeder jederzeit mit einem Krieg rechnete. Nur ein Waffengang, so ein allgemein verbreitetes Gefühl, werde die angestauten nationalen und sozialen Probleme lösen.

Für den österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat, der durch den Separatismus seiner grossen slawischen Minderheit bereits stark bedroht war, war Sarajevo eine Provokation und eine Gelegenheit zugleich. Jetzt oder nie galt es, den serbischen Nationalismus in die Schranken zu weisen. In Wien dachte man an einen schnellen und energischen Militärschlag gegen Serbien, der vollendete Tatsachen schaffen sollte, bevor Russland — die serbische Schutzmacht — eingreifen konnte.

Verhängnisvolle Automatik der Bündnisse

Als verhängnisvoll erwies sich nun die deutsche Rückendeckung für die Donaumonarchie: Das Deutsche Reich bekräftigte seine Treue gegenüber dem einzigen verbliebenen Bündnispartner und trieb Wien damit noch an. Mit der stärksten Militärmacht Europas im Rücken konnte sich Österreich-Ungarn eine Konfrontation mit Russland leisten.

Damit aber kam eine unheilvolle Bündnisautomatik in Gang: Als die Doppelmonarchie Serbien am 28. Juli den Krieg erklärte, ordnete der russische Zar die Generalmobilmachung an, worauf Deutschland als Bündnispartner von Österreich-Ungarn dem Russischen Reich den Krieg erklärte. Da aber Russland mit Frankreich und Grossbritannien in der sogenannten «Triple Entente» verbündet war, erklärte das Deutsche Reich auch Frankreich den Krieg. Grund dafür war vor allem der Schlieffenplan des deutschen Generalstabs, der in einem schnellen Sieg im Westen die einzige Möglichkeit sah, einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland zu gewinnen.

Der — im Schlieffenplan vorgesehene — deutsche Einmarsch in Belgien und damit die Verletzung der belgischen Neutralität führte schliesslich zum Kriegseintritt Grossbritanniens.

Begeisterung und Ernüchterung

Allenthalben glaubte man, der Krieg werde bald entschieden sein. Die ausrückenden Truppen wurden — besonders in Deutschland — von begeisterten Massen verabschiedet; in intellektuellen Kreisen herrschte die Ansicht vor, der «männliche» Krieg sei ein Ausstieg aus der «satten Friedenswelt» (Thomas Mann).

Diesem sogenannten «Augusterlebnis» folgte die Ernüchterung auf dem Fuss. Sehr schnell zeigte sich die blutige, unromantische Realität des Krieges.

Obwohl sich bereits in vorangegangenen Kriegen gezeigt hatte, dass neu entwickelte Waffen wie das Maschinengewehr die Defensive begünstigten, gingen die meisten Militärplaner vom Primat der Offensive aus — mit verheerenden Folgen. Die Verluste waren ungeheuerlich.

Der Grabenkrieg

Der Vormarsch des deutschen Heeres endete Anfang September 1914 in der Schlacht an der Marne. Somit war der in einer modifizierten Form ausgeführte Schlieffenplan gescheitert, der einen schnellen Erfolg im Westen voraussetzte, damit sich das Heer danach gegen die russischen Truppen im Osten wenden konnte.

Nun erstarrte die Westfront in einem Stellungskrieg. Von der Schweizer Grenze bis zur belgischen Küste entstand ein System von Schützengräben.

Frontverlauf 1914

In mörderischen Kämpfen wurden Tausende verheizt; für ein paar Meter Geländegewinn. Gewaltige Materialschlachten, insbesondere so genannte Trommelfeuer der Artillerie, bestimmten das Kriegsgeschehen. Die physischen und psychischen Strapazen der Soldaten waren unbeschreiblich.

Der Gaskrieg

Besonders grausamen Ausdruck fand die Technisierung des Tötens im Gaskrieg. Nachdem sich das Patt an der Westfront mit konventionellen Waffen nicht auflösen liess, suchten die Militärs nach neuen Kampfmitteln. Und sie wurden fündig: Am 22. April 1915 liessen deutsche Truppen bei Ypern 150 Tonnen Chlorgas aus Flaschen entweichen. Der Kampfstoff sank in die französischen Schützengräben und tötete rund 5000 Menschen. Dazu kamen zahlreiche Verletzte.

Frontverlauf 1915

Die Entente-Mächte reagierten rasch und setzten ebenfalls Gas ein. Fortan gehörte die Gasmaske zur Ausrüstung der Soldaten. Die Rüstungsspirale drehte sich schnell: Bald wurde dem Chlorgas das ungleich tödlichere Phosgen beigemischt, und 1917 setzten die Deutschen bei Ypern zum ersten Mal Senfgas (Yperit) ein. Senfgas verursacht entstellende Verletzungen und entwickelte sich im letzten Kriegsjahr zu einer der gefürchtetsten Waffen.

Teil 2: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Gedenkfeiern zur Unterzeichnung des Waffenstillstands

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