Aktualisiert 06.11.2018 15:50

Starbucks erntet Kritik

20 Mio an Kaffeebauern – «Spende ist lächerlich»

Starbucks spendet 20 Millionen Dollar an Kaffeebauern und erntet Kritik. Was ist los?

von
Isabel Strassheim
1 / 9
Der US-Konzern Starbucks betreibt weltweit fast 30'000 Kaffeehäuser. In den USA hatte die Kette ihre Preise für frisch gebrühten Kaffee diesen Juni ohne Ankündigung um 10 bis 20 US-Cent erhöht. Dabei spielten nicht nur die Rohkaffeepreise eine Rolle, die waren ja gesunken, so Starbucks. Sondern auch Miete oder Personalkosten.

Der US-Konzern Starbucks betreibt weltweit fast 30'000 Kaffeehäuser. In den USA hatte die Kette ihre Preise für frisch gebrühten Kaffee diesen Juni ohne Ankündigung um 10 bis 20 US-Cent erhöht. Dabei spielten nicht nur die Rohkaffeepreise eine Rolle, die waren ja gesunken, so Starbucks. Sondern auch Miete oder Personalkosten.

AP/Elaine Thompson
Starbucks-Chef  Kevin Johnson hat den Kaffeebauern in Mittelamerika nun 20 Millionen Dollar an Unterstützung zugesagt. Damit will er sie über Wasser halten, denn wegen der niedrigen Kaffeepreise bekommen sie zum Teil noch nicht mal ihre Anbaukosten herein.

Starbucks-Chef Kevin Johnson hat den Kaffeebauern in Mittelamerika nun 20 Millionen Dollar an Unterstützung zugesagt. Damit will er sie über Wasser halten, denn wegen der niedrigen Kaffeepreise bekommen sie zum Teil noch nicht mal ihre Anbaukosten herein.

AP/Richard Drew
Die Massenflucht aus Mittelamerika seit Oktober ist auch eine Folge der rekordtiefen Rohkaffeepreise. Migranten stehen am 1. November 2018 in Mexiko an einer Essensausgabe Schlange. Sie sind auf dem Weg Richtung USA.

Die Massenflucht aus Mittelamerika seit Oktober ist auch eine Folge der rekordtiefen Rohkaffeepreise. Migranten stehen am 1. November 2018 in Mexiko an einer Essensausgabe Schlange. Sie sind auf dem Weg Richtung USA.

Luis Villalobos

Starbucks wirbt diesen November in seinen Cafes mit dem Slogan «Geniesse eine Tasse voller Magie». In der Tat passiert gerade Erstaunliches in der Kaffeewelt: Die US-Kette spendet bis zu 20 Millionen Dollar an die Kaffeebauern in Mittelamerika. Denn die verdienen im Moment nichts und legen sogar drauf. Der Bohnenpreis liegt unter den Produktionskosten der Bauern von 1.40 Dollar pro Pfund.

Obwohl Kaffee ein Trendgetränk ist und der Konsum steigt, notiert der Rohstoffpreis wegen der guten Ernte in Brasilien auf einem historischen Tief. Die Anbauorganisationen von Brasilien und Kolumbien warnen, die Existenz der weltweit 25 Millionen Kaffeebauern-Familien sei bedroht.

Schweiz ist weltweites Hub

Viele Kaffeebauern, von denen Starbucks den Rohkaffee bezieht, sind betroffen. Es sei das erste Mal, dass eine Firma eine Spende in solcher Höhe und mit solcher Wirkung mache, so Starbucks zu 20 Minuten.

Der weltweite Handel läuft über Firmen in der Schweiz – auch bei Starbucks. Die Schweiz ist bei Kaffee wie bei anderen Rohstoffen auch die grösste globale Drehscheibe. Zwischen 50 und 70 Prozent der Bohnen werden hier gedealt. Grund sind die niedrigen Steuern sowie der Bankenplatz für die nötige Finanzierung und die politische Stabilität.

«Lächerliche Summe»

Die Einkaufs-/Handelsfirma von Starbucks sitzt in Lausanne. Sie bezieht Berichten zufolge jährlich Rohkaffee im Wert von rund 1,5 Milliarden Dollar. Einen Teil der Bohnen kauft sie zu Fairtrade-Preisen, von denen die Bauern leben können. Für die Cafés in Europa sind das die Espressobohnen und damit vom Capuccino bis zur Pumpkin Spice Latte die für fast alle Kaffees. Weltweit verwendet Starbucks allerdings auch Nicht-Fairtradebohnen.

Die 20-Millionenspende für die Bauern soll nun die harten Auswirkungen der tiefen Rohkaffeepreise abfedern, «bis der Kaffeepreis von allein korrigiert und wieder über die Produktionskosten steigt», so Starbucks.

«Diese Summe ist lächerlich», sagt Fernando Morales de la Cruz von der sozial orientierten Kaffeefirma Café for Change. «Statt Minispenden ist ein transparentes Entlohnungssystem nötig.»

Milliardär kauft Röster

Der Rohkaffeepreis schwankt generell nach oben oder unten: «Kaffeepreise haben sich schon immer zyklisch bewegt, bei hohen Preisen weiten die Bauern die Produktion aus, bei tiefen Preisen kommen Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht», sagt Michael von Luehrte, designierter Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Kaffee Schweiz. Die jetzigen Tiefpreise hängen auch an der erhöhten Kaffeeproduktion in Brasilien, Vietnam oder Honduras.

Anbauorganisationen kritisieren jedoch dass auch die Konzentration bei den Röstern die Preise drückt. Es gibt nur noch wenige weltweite Abnehmer für Kaffeebohnen. Die grössten sind Nestlé und JDE, ein jüngst von einem deutschen Milliardär zusammengekauftes Imperium mit den Marken Tassimo, Senseo, Jacobs oder Kaffee Hag.

Neue Vorschläge

«Die Händler und Röster entscheiden, ob Kaffeebauern, Feldarbeiter und ihre Kinder drei oder nur eine Mahlzeit pro Tag essen können», sagt Morales von Café for Change. Im Moment gebe es Hunger und Kinderarbeit. Er fordert einen Aufpreis von mindestens 10 US-Cent pro Tasse Kaffee, die direkt an die Bauern gehe.

Fairtrade Max Havelaar ist für einen generellen Mindestpreis, der über den Anbauosten liegt. «Die Unternehmen und Konsumenten müssen generell mehr Verantwortung übernehmen», fordert Simon Aebi von Max Havelaar.

Neue Wege

Dank Plattformen wie algrano.ch können Kaffeebauern auch direkt an kleine Röstereien oder Privatkunden verkaufen. Ohne Händler. Der Produzent macht einen Verkaufspreis - es wird nicht ein Preis vom Handel gemacht oder auch kein Mindestpreis von einer Fairtradeorganisation. "Unsere Vision ist, dass der Produzent als Unternehmer agiert", sagt Raphael Studer von Algrano. Röster und Privatkunden seien bereit, höhere Preise zu zahlen, weil sie in direkter Verbindung zum Bauern stehen und an seiner Geschichte teilhaben. (ish)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.