Lohnungleichheit – 20 Prozent Rabatt nur für Frauen – «bireweich» oder eine «coole Massnahme»?  
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Lohnungleichheit20 Prozent Rabatt nur für Frauen – «bireweich» oder eine «coole Massnahme»?  

Wenn eine Genferin und ein Genfer zusammen in ein städtisches Museum oder Schwimmbad gehen, sollen sie nicht mehr gleich viel Eintritt bezahlen. Der Vorschlag provoziert scharfe Reaktionen.

von
Marcel Urech
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In Genf könnten Frauen bald weniger für den Theatereintritt bezahlen als Männer. So hat es das Stadtparlament beschlossen.

In Genf könnten Frauen bald weniger für den Theatereintritt bezahlen als Männer. So hat es das Stadtparlament beschlossen.

20min/Community
«Das ist doch bireweich», sagt der SVP-Nationalrat Andreas Glarner zur Motion in Genf.

«Das ist doch bireweich», sagt der SVP-Nationalrat Andreas Glarner zur Motion in Genf.

20min/Simon Glauser
Eine Frau hat in der Schweiz einen durchschnittlichen Bruttolohn von 6456 Franken – 1512 Franken weniger als ein Mann. Frauen erhalten rund 19 Prozent weniger Lohn. Fast die Hälfte davon lässt sich nicht erklären. Im Rest der Bildstrecke siehst du, wer wo wie viel verdient (Stand: Februar 2021, Zahlen vom Bundesamt für Statistik).

Eine Frau hat in der Schweiz einen durchschnittlichen Bruttolohn von 6456 Franken – 1512 Franken weniger als ein Mann. Frauen erhalten rund 19 Prozent weniger Lohn. Fast die Hälfte davon lässt sich nicht erklären. Im Rest der Bildstrecke siehst du, wer wo wie viel verdient (Stand: Februar 2021, Zahlen vom Bundesamt für Statistik).

20min/Marco Zangger

Darum gehts

Das Stadtparlament hat beschlossen, dass Frauen, die in Genf wohnen, 20 Prozent weniger für Schwimmbäder und Museen bezahlen sollen als Männer, die in Genf wohnen. Der tiefere Preis für die Freizeiteinrichtungen der Stadt Genf soll die Lohnungleichheit entschärfen. Die Bewohnerinnen sollen eine Karte erhalten, die den Rabatt beim Einlass garantiert.

Die Idee sei während des Frauenstreiks im Jahr 2019 entstanden, nun habe das Genfer Stadtparlament die Motion behandelt. Die Parteien Ensemble à Gauche, SP, Grüne, Mitte sowie eine Vertreterin des «Mouvement citoyens genevois» sprachen sich für den Vorschlag aus, wie Zeitungen von «CH Media» schreiben.

«Das ist doch bireweich»

«Das ist eine klare Diskriminierung von Männern», enerviert sich Andreas Glarner von der SVP im Gespräch mit der Redaktion. Die Idee sei «bireweich». Er geht davon aus, dass die «üblichen Verdächtigen» nun weitere solche Vorstösse lancieren, etwa die Städte Basel, Zürich und Lausanne. «Es braut sich was zusammen.»

Dass Frauen und Männer bei gleicher Leistung und gleicher Qualifikation den gleichen Lohn erhalten sollen, sei unbestritten. Die meisten Lohnunterschiede seien aber nicht auf das Geschlecht zurückzuführen und auch keine Benachteiligung der Frauen. «Der Frauenrabatt ist eine ganz schlechte Idee», sagt Glarner.

Folgen nun weitere Städte?

Andrea Scheck, die Präsidentin der St. Galler SP, sieht das anders. Sie spricht von einer «coolen Massnahme» und hofft, dass nun weitere Orte nachziehen. In vielen Städten sei ein Frauenrabatt wie in Genf aber wohl nicht mehrheitsfähig. Eine Flut solcher Bestimmungen erwartet sie in der Schweiz darum nicht.

«Die Lohnungleichheit zu beheben wäre die noch bessere Alternative», sagt Scheck. Dass Genf mit dem Rabatt im Kampf gegen Ungleichheit selbst eine Ungleichbehandlung einführe, ist für sie kein Argument. Die Motion sei ja nur nötig gewesen, weil es bereits eine Ungleichheit gebe, sagt die Feministin und SP-Politikerin.

Die Schweiz habe das Gleichstellungsgesetz nie umgesetzt, sagt die EàG-Politikerin Brigitte Studer. Sie sieht den Rabatt als «Ausgleichsmassnahme» und kritisiert, dass der Bund die Löhne nur bei Unternehmen mit über 100 Angestellten kontrolliere. Die Linke will die Schweizer Firmen auch darum zu mehr Transparenz zwingen.

«Klar verfassungswidrig»

Gegnerinnen und Gegner des Rabatts sprechen von einer «Provokation». Etwa die FDP-Gemeinderätin Michèle Roullet. Sie sagt, dass die Linke neue Ungerechtigkeiten schaffe. Der Staats- und Verfassungsrechtler Bernhard Waldmann weist auf «SRF» darauf hin, dass die Regelung klar verfassungswidrig sei.

Auch Jean-Daniel Strub sagt, dass es nicht zielführend sei, eine Ungleichbehandlung mit einer anderen Ungleichbehandlung zu bekämpfen. Das Problem mit den Löhnen sei aber real und «absolut stossend», sagt der Präsident von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Vaterorganisationen.

Umsetzung ist eine Knacknuss

Das Gesetz, das verlangt, dass Firmen mit über 100 Beschäftigten die Löhne prüfen müssen, gibt es seit zwei Jahren. Rund 46 Prozent aller Arbeitnehmenden in der Schweiz sind davon betroffen.

Wie geht es nun weiter? Die Genfer Stadtregierung muss dem Parlament als Nächstes vorschlagen, wie es die Massnahme umsetzen will. Wegen der rechtlichen Lage könnte das aber zur Knacknuss werden. Das letzte Wort ist im Streit um den Frauenrabatt in Genf also noch nicht gesprochen.

Streit um transparente Löhne

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