Aktualisiert 05.02.2020 17:28

Alkohol in der Schwangerschaft

2000 Kinder sind krank, weil Mutter getrunken hat

Fachleute raten, in der Schwangerschaft die Finger von Alkohol zu lassen. Die Zahl der Betroffenen sei hoch, warnt der Bund.

von
bz
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Alkohol ist für einige schwangere Frauen kein Tabu.

Alkohol ist für einige schwangere Frauen kein Tabu.

Wavebreakmedia
18 Prozent der schwangeren oder stillenden Frauen trinken laut einem Faktenblatt des Bundesamts für Statistik (BAG) von 2018 mindestens jede Woche Alkohol.

18 Prozent der schwangeren oder stillenden Frauen trinken laut einem Faktenblatt des Bundesamts für Statistik (BAG) von 2018 mindestens jede Woche Alkohol.

Franckreporter
Die Schweiz gehört im globalen Vergleich zur Gruppe von Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum und weist entsprechend eine hohe FASD-Quote auf.

Die Schweiz gehört im globalen Vergleich zur Gruppe von Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum und weist entsprechend eine hohe FASD-Quote auf.

Ralf Geithe

Der Kopf ist klein, die Oberlippen sind schmal und die Lidspalten sind kurz. Eine verminderte Intelligenz und starke Verhaltensauffälligkeiten sind weitere Spuren, die der Alkohol im Mutterleib beim Nachwuchs hinterlassen hat. Bis zu 425 Kinder werden pro Jahr mit einem fetalen Alkoholsyndrom (FAS) geboren, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt.

Von den Folgen des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft sind aber noch viel mehr Kinder betroffen. Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit zufolge werden in der Schweiz jedes Jahr rund 1700 Kinder mit einer fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) geboren. Dabei handelt es sich um den Oberbegriff für sämtliche vorgeburtlichen Schädigungen, die durch den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft bedingt sind.

Äusserlich ist FASD-Kindern im Gegensatz zu schweren FAS-Fällen oft nichts anzusehen. Sie haben jedoch Mühe, sich Dinge zu merken, leiden unter Lernschwierigkeiten, können nicht planen, sind hyperaktiv und verhalten sich sozial unangemessen.

Hohe FASD-Quote in der Schweiz

Die Zahl der beeinträchtigten Kinder zeigt es bereits: Alkohol ist für einige schwangere Frauen kein Tabu. 18 Prozent der schwangeren oder stillenden Frauen trinken laut einem Faktenblatt des Bundesamts für Statistik (BAG) von 2018 mindestens jede Woche Alkohol. Sechs Prozent konsumieren vier oder mehr Gläser hintereinander und fallen damit unter einen «punktuell risikoreichen» Konsum. Die Schweiz gehört im globalen Vergleich zur Gruppe von Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum und weist entsprechend eine hohe FASD-Quote auf.

Fachleute raten, während der gesamten Schwangerschaft auf Alkohol zu verzichten. Die Auswirkungen eines geringen Alkoholkonsums auf das ungeborene Kind sind bis heute nicht eindeutig nachgewiesen. Umgekehrt ist keine mit Sicherheit unbedenkliche Menge bekannt. Auch die Stiftung Sucht Schweiz macht darauf aufmerksam, dass gesundheitsschädigende Folgen nicht zwingend auf einen chronisch risikoreichen Konsum oder gar auf eine Alkoholabhängigkeit der Mutter zurückzuführen seien.

Wenig Wissen vorhanden

Das Wissen über alkoholbedingte Geburtsschäden und deren psychosoziale Folgen ist bescheiden, wie eine Studie des Departements für Heil- und Sonderpädagogik der Uni Freiburg zeigt. Die Studienautorin Dagmar Orthmann-Bless vergleicht das Wissen eher mit einem natürlichen Empfinden als tatsächlichem Wissen.

43 Prozent der Befragten wussten nicht, dass FASD sowohl durch regelmässiges Trinken als auch durch gelegentliches Rauschtrinken entstehen kann. Selbst angehenden Fachpersonen aus Medizin und Pädagogik soll es an genauen Kenntnissen mangeln. So hätten diese etwa die Auftretenshäufigkeit von FASD massiv unterschätzt, sagt Orthmann-Bless.

Für Erschütterung sorgte kürzlich eine 44-jährige Frau in Polen, die mit einem Alkoholpegel von über 3,2 Promille ein Kind gebar. Nach der Geburt stellten die Ärzte beim Säugling den gleichen Alkoholwert fest wie bei der Mutter. Dreieinhalb Wochen nach der Geburt starb er jedoch aufgrund von genetischen Defekten, die der Alkoholkonsum der Mutter ausgelöst haben könnte.

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