Preise, Kirchenglocken, Baustellen: 25 Dinge, die Schweizer und Ausländer an unserem Land hassen 
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Preise, Kirchenglocken, Baustellen25 Dinge, die Schweizer und Ausländer an unserem Land hassen 

In über 1100 Kommentaren wird in einem Reddit-Thread über die Schweiz hergezogen. Soziologin Katja Rost erklärt, weshalb Schweizerinnen und Schweizer den Ruf haben, viel zu meckern. 

von
Daniel Graf
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In einem Reddit-Thread sind innert weniger Tage über 1100 Kommentare zusammengekommen, was an der Schweiz nervt. «Müssen die Kirchenglocken echt auch in der Nacht, wenn ich schlafen will, alle 15 Minuten läuten?», fragt etwa ein User. 20 Minuten fasst die besten Kommentare zusammen. 

In einem Reddit-Thread sind innert weniger Tage über 1100 Kommentare zusammengekommen, was an der Schweiz nervt. «Müssen die Kirchenglocken echt auch in der Nacht, wenn ich schlafen will, alle 15 Minuten läuten?», fragt etwa ein User. 20 Minuten fasst die besten Kommentare zusammen. 

Tagesanzeiger
«Die Work-Life-Balance ist eigentlich inexistent.» 

«Die Work-Life-Balance ist eigentlich inexistent.» 

20min/Michael Scherrer
In Richtung Work-Life-Balance geht auch dieser Kommentar: «Vor ein paar Jahren konnten wir über eine zusätzliche Woche bezahlte Ferien abstimmen – und es wurde abgelehnt!»

In Richtung Work-Life-Balance geht auch dieser Kommentar: «Vor ein paar Jahren konnten wir über eine zusätzliche Woche bezahlte Ferien abstimmen – und es wurde abgelehnt!»

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Über der Schweiz ist ein Shitstorm ausgebrochen, könnte man sagen: 1100 negative Kommentare haben sich in wenigen Tagen im Internetforum Reddit gesammelt. 

  • Die ursprüngliche Frage war, ob es etwas gebe, das einen an der Schweiz störe.

  • Soziologin Katja Rost erklärt die Gründe für den Ruf der Schweizer, nie wirklich zufrieden zu sein und viel zu meckern. 

«Gibt es etwas, das du an der Schweiz nicht magst?» Mit dieser Frage traf ein User des Diskussionsforums Reddit ins Schwarze: Über 1100 Kommentare generierte sein Post innerhalb von wenigen Tagen. Die Unzufriedenheit scheint in der Schweiz gross zu sein. Ob Baustellen auf der Autobahn, die Verschlossenheit der Schweizer, das schlechte Wetter, die hohen Preise für Sushi oder die Kirchenglocken – die User hatten allerhand zu meckern. In der Bildstrecke oben kannst du nachlesen, über was sich Schweizer und Ausländer in der Schweiz aufregen. 

Ein paar Beispiele aus den Kommentaren

«Die Kirchenglocken läuten alle 15 Minuten. Ich muss doch nicht wissen, dass es 02.15 Uhr in der Nacht ist, wenn ich schlafen will!» – «Es gibt hier zu viele Raucher und gefühlt jeder und jede ist von Kopf bis Fuss tätowiert.» – «Wenn sich dein Leben nicht um Ski- und Velofahren dreht, wird es ganz schön langweilig.» – «Die Leute beginnen im jungen Alter zu feiern und machen das bis 21. Danach gibt es nur noch das Hamsterrad. Eine verrückte Nacht ist dann, wenn zwei Freunde bis um 21 Uhr zum Abendessen kommen.» – «Die eifersüchtigen Bünzlis, die so ziemlich alles, was auch nur entfernt Spass machen könnte, bekämpfen.» – «Zürcher.» 

Katja Rost, Soziologin an der Universität Zürich, muss lachen, als sie einige der Beispiele hört. «Es ist tatsächlich so, dass die Schweizerinnen und Schweizer gerade bei Expats den Ruf haben, nie wirklich zufrieden zu sein und viel zu meckern», sagt sie. Dafür gebe es durchaus Gründe: «Untersuchungen zeigen, dass in der Schweiz sehr direkt kommuniziert wird. Da druckst man nicht herum und das Gegenüber muss dann herausfinden, was wohl gestört haben könnte. Diese Direktheit wird von einigen dann als Meckern interpretiert.»

«Schweizer können schlecht mit Unsicherheiten umgehen»

Die Schweiz sei ausserdem eines der leistungsorientiertesten Länder der Welt. «Vieles wird hier der Arbeit untergeordnet und Pünktlichkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften. Das kann, wie man auch in den Kommentaren sieht, für einige befremdlich wirken.» Auch, dass die Schweizerinnen und Schweizer eher kühl und distanziert sind, sei bei weitem nicht nur ein Vorurteil: «In der Schweiz brauchen die Menschen verhältnismässig viel Distanz, um sich wohl zu fühlen. Dass man im Café beinahe aufeinander sitzt wie in Frankreich oder an einem Fussballspiel eine Traube wildfremder Menschen umarmt, sieht man hier eher selten.»

Einige der geschilderten negativen Eigenschaften von Schweizerinnen und Schweizern rühren laut Rost auch daher, dass wir schlecht mit Unsicherheiten umgehen können: «In der Schweiz drehen viele am Rad, wenn sie nicht wissen, wie die Zukunft in einem Jahr aussieht. In vielen andern Ländern, am extremsten in Russland, geht es den Leuten gut damit, kaum bis morgen geplant zu haben.»

«Gerade Deutsche haben oft Mühe, sich zu integrieren»

Ausländern und Expats falle es oft schwer, in der Schweiz Anschluss zu finden. «Auch das hat mit der Leistungskultur zu tun», sagt Rost: «Am Arbeitsplatz wird zwar alles für die Integration getan, die Schweizer sprechen etwa bereitwillig Englisch, wenn das gewünscht wird.» Im Privaten jedoch haben gerade Deutsche laut Rost oft Mühe, sich zu integrieren und Freunde zu finden. Auch dafür gibt es eine Erklärung: «Deutsche sind Schweizern ähnlich und kommen mit der Erwartung, da die Kultur ja sehr ähnlich sei, falle die Integration leicht. Wenn sie dann bemerken, dass es eben doch kulturelle Unterschiede gibt, fällt ihnen die Integration oft schwerer als jemandem aus einem südamerikanischen Land, der sich von Anfang an auf eine komplett andere Kultur einstellt.»

Das viele Meckern hat laut Rost aber durchaus auch etwas Positives: «Frust abzulassen, kann – zumindest kurzfristig – gut sein für die Psychohygiene.» Langfristig müssen die meisten Menschen aber gar nicht meckern: Sie wechselten einfach die soziale Gruppe, mit der sie sich identifizierten. «Wenn mich die ‹Zetteli› der spiessigen Nachbarn im Waschraum aufregen, ziehe ich an einen toleranteren Ort. Basta.»

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