Brasilien: 250'000 Menschen müssen WM-Bauten weichen
Aktualisiert

Brasilien250'000 Menschen müssen WM-Bauten weichen

Vor der Fussball-WM in Brasilien wurden Zehntausende Familien zwangsgeräumt und ohne marktübliche Entschädigung enteignet. Betroffen sind vor allem die Armen.

von
K. Leuthold

Das andere Gesicht der WM: In zwölf brasilianischen Städten mussten von 2009 bis 2013 wegen der für Juni/Juli stattfindenden Fussball-Weltmeisterschaft insgesamt etwa 250'000 Menschen ihre Häuser räumen. Allein in Rio de Janeiro seien 20'299 Familien enteignet worden, sagt Renato Cosentino vom «Comite Popular Rio Copa e Olimpiadas», eine Organisation, die die Art der Durchführung sowie die Motivation der Zwangsräumungen stark kritisiert.

Rios Stadtverwaltung beteuerte stets, die Räumungen würden «dem Wohl der Bevölkerung» dienen. Die Familien hätten die Wahl gehabt, in eine Sozialwohnung zu ziehen oder eine finanzielle Entschädigung für ihr Haus in bar zu beziehen. Laut dem Wohnbaubeauftragten der Stadt, Pierre Batista, entschieden sich 9320 der enteigneten Familien dafür, in Sozialwohnungen zu ziehen, ein Viertel habe vorübergehend Mietbeihilfe erhalten, und in 30 Prozent der Fälle habe die Stadtverwaltung die Entschädigungen ausbezahlt.

Bessere Lebensqualität, aber keinen Job mehr

Es gehe in erster Linie um Sicherheit, meinte der Wohnbaubeauftragte Batista gegenüber der Nachrichtenagentur APA. Die Baustellen für die WM und die Olympischen Spiele 2016 seien «in weniger als zehn Prozent der Fälle» der Hintergrund der Räumungen. Die meisten Umsiedlungen seien notwendig geworden, weil sich die Häuser in Risikogebieten wie Flussufern oder Berghängen befanden. «Die Umsiedlungen sind nötig, um den Menschen würdigen Wohnraum zu schaffen», sagte er. «Alle Familien, die städtische Wohnungen bekamen, leben jetzt in einer deutlich besseren Situation», so Batista.

Ganz anders sehen es viele Betroffene wie etwa Dalvaneide Pequeno do Nascimento aus Rio de Janeiro: Ihre Familie ist eine von 230, die aus der Favela Vila Recreio II umgesiedelt wurde. Die 36-Jährige und ihr Mann Jucelio de Souza bezogen eine Wohnung in der im Jahr 2011 erstellten Siedlung Condominio Oiti bei Campo Grande, 60 Kilometer von Rio entfernt.

Bewohner bekommen 20-mal weniger als angemessen

«Wir haben uns für die Wohnung entschieden, weil wir damit zumindest ein Dach über dem Kopf haben. Aber hier gibt es nichts, kein Spital, keine öffentlichen Transportmittel, keine Arbeit, nichts», reklamiert sie gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Früher habe sie als Kindermädchen in Rio gearbeitet. Jetzt hat Dalvaneide zwar ein Zuhause, aber keinen Job mehr.

«Wenn eine Favela abgerissen wird, wird die Gegend enorm aufgewertet», erklärt Cosetino vom Comite Popular. Die Räumungen würden vor allem rund um die touristisch interessanten Gebiete und die Austragungsorte von WM und Olympia erfolgen. Profiteure seien Immobilienunternehmen, Menschen wie Dalvaneide die Opfer: Der Favela-Bewohnerin waren 2300 Dollar als Abfindung für ihr Haus angeboten worden – eine Summe weit unter dem Marktpreis. Ihr Grundstück hat heute einen Wert von 50'000 Dollar.

Wohlhabende Viertel sind kaum betroffen

Das Risiko-Argument der Stadtverwaltung halten viele für vorgeschoben. «Man will den Touristen ein Rio zeigen, das nicht existiert – ein Rio de Janeiro ohne Armut.» Die Architektin und Stadtplanerin Nelma Gusmão de Oliveira von der staatlichen Uni in Bahia UESB benutzt in einem Interview mit der Zeitung «Infobae» dafür den Ausdruck «soziale Säuberung». Besonders auffallend: Favelas gibt es in Rio seit den 1960er Jahren. Erst jetzt will man sich um die Sicherheit der Bewohner kümmern.

Die neuen Bauten für die WM und das olympische Dorf seien ganz absichtlich auf den Grundstücken geplant worden, wo heute die Favelas stehen. Ein grosser Unterschied zu dem Verhalten der Stadtverwaltung gegenüber den wohlhabenderen Wohnvierteln: «Dort haben sie kaum Häuser abgerissen», sagt Oliveira.

Stadtverwaltung sieht «keinen Fehler»

Die Bewohner der Favelas würden schwere Verletzungen ihrer Rechte erleiden, sagt die Hilfsorganisation Articulação Nacional. Die Bauunternehmen kämen nachts mit den Baggern, um ganze Quartiere abzureissen. Und auch Amnesty International spricht von «unnötigen Zwangsräumungen».

Trotz allem sieht die Stadtverwaltung im Umsiedlungsprozess keine Mängel ein. Rios Wohnbaubeauftragter Pierre Batista, meint: «Es gab keinen schwerwiegenden Fehler.» Dennoch «versuchen wir immer, die Abläufe zu verbessern.»

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