Amt unter Druck: 250 Leute kämpfen beim BAG gegen Corona – warum haperts trotzdem?
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Amt unter Druck250 Leute kämpfen beim BAG gegen Corona – warum haperts trotzdem?

Seit Anfang 2020 hat das Amt 90 Temporäre angestellt. «Das sollte reichen», findet Experte Felix Schneuwly. Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz nimmt das Personal in Schutz.

von
Pascal Michel
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250 Mitarbeitende arbeiten beim Bund für die Bewältigung der Coronakrise.
Foto: 20min/Simon Glauser

250 Mitarbeitende arbeiten beim Bund für die Bewältigung der Coronakrise.
Foto: 20min/Simon Glauser

20min/Simon Glauser
Davon wurden 90 temporär angestellt.

Davon wurden 90 temporär angestellt.

20min/Simon Glauser
Trotzdem sorgt das Amt regelmässig für Negativschlagzeilen – etwa bei der Impfstrategie.

Trotzdem sorgt das Amt regelmässig für Negativschlagzeilen – etwa bei der Impfstrategie.

Lonza Ltd.

Darum gehts

  • 250 Personen arbeiten im BAG in der Krisenorganisation gegen die Corona-Pandemie.

  • Davon sind 90 Temporäre, die das Amt aufgrund der hohen Belastung eingestellt hat.

  • Trotzdem kommt es regelmässig zu Negativschlagzeilen.

  • Felix Schneuwly glaubt, dass die Prioritäten falsch gesetzt werden.

  • Eine BAG-Sprecherin sagt: Nach Ende der Pandemie werde es eine Evaluation geben.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sorgte beim Corona-Krisenmanagement verschiedentlich für Misstöne: Kommuniksationspannen, Gezänk wegen Impfstofflieferungen zwischen Bund und Kantonen sowie ein offensichtlicher Rückstand bei der Digitalisierung. Die neuste Negativschlagzeile: Die Lonza in Visp, die den Moderna-Impfstoff herstellt, hat dem Bund eine eigene Produktionslinie angeboten. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, lehnten die Behörden jedoch ab – weil zuerst das Gesetz hätte geändert werden müssen.

Dabei arbeiten beim Bund seit Anfang 2020 250 Personen für die Krisenbewältigung. Davon stammen 160 aus dem Amt selber, 90 wurden zusätzlich temporär eingestellt. «Um das enorme Arbeitsvolumen zu bewältigen», wie eine Sprecherin zu 20 Minuten sagt. Diese insgesamt 250 Köpfe arbeiten «je nach epidemiologischer Lage und den anstehenden Aufgaben in unterschiedlichem Umfang – zumeist jedoch in Vollzeit». Für das temporäre Personal wendete das BAG letztes Jahr fünf Millionen Franken auf.

Die zusätzlich eingestellten Temporären arbeiten laut BAG in den Bereichen Lagebeurteilung und Analyse, Meldesysteme, Kommunikation/Kampagne/Webinformationen und Internationales – dazu gehört die Impfstrategie.

«250 Leute müssten genug sein»

Gesundheitsexperte Felix Schneuwly von Comparis hat angesichts dieser Personaldecke kein Verständnis dafür, dass sich das Amt bei der Krisenbewältigung immer wieder in Pannen verheddert. «250 Leute müssten wirklich genug sein», sagt er zu 20 Minuten. Es stelle sich die Frage, ob die Ressourcen richtig eingesetzt würden.

Er betont, die BAG-Mitarbeitenden leisteten bestimmt harte Arbeit. «Aber offenbar besteht ein Führungsproblem beim BAG-Direktorium. Es fehlt an Krisenerfahrung», sagt Schneuwly. Konkret hapere es bei der Umsetzung, etwa bei der angekündigten Massentest-Strategie. «Bundesrat Berset verspricht dafür eine Milliarde. Da es für die Umsetzung in den Kantonen kein Konzept gibt, können sie umsetzen, wie es ihnen gerade passt.» So kündigte etwa der Kanton St. Gallen an, keine Massentests durchzuführen. «Dabei wäre genau dies jetzt zentral, um aus der Krise zu kommen», sagt Schneuwly.

Hinzu kommen laut dem Experten die unscharf berechneten Kennwerte wie der R-Wert oder die Positivitätsrate. Oder jüngst die Impfstrategie, die aus verschiedenen Gründen ins Stocken geraten ist.

Nationaler Krisenstab gefordert

«In einer Krise ist rasches, unternehmerisches Handeln gefragt», sagt Schneuwly. Dies sei in einem Bundesamt aber kaum zu finden. «Die Bundesämter sind kleine Königreiche und auf Stabilität, nicht auf Innovation ausgerichtet», sagt Schneuwly.

Er fordert deshalb, dass der Bundesrat einen nationalen Krisenstab ins Leben ruft. «Dieser könnte dann die bundesrätliche Strategie umsetzen, die Bundesämter bei Bedarf auch die Kantone übersteuern und dem Bundesrat rapportieren.»

Mitarbeitende seien sehr motiviert

Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber, die auch als Präsidentin der Gewerkschaft VPOD amtet, nimmt das BAG in Schutz: «Die Angestellten leisten derzeit Übermenschliches. Eine Kollegin hat mir erzählt, man sei faktisch sieben Tage am Arbeiten.»

Dies hänge vor allem damit zusammen, dass jede vom Bundesrat beschlossene oder vom Parlament in Auftrag
gegebene Massnahme in der Verwaltung geprüft und ausgearbeitet werden müsse. «Dass die aktuelle Mitarbeiterbefragung trotz der hohen Belastung sehr gut ausgefallen ist, zeigt, wie motiviert die BAG-Mitarbeitenden sind.»

Den Vorwurf, das Problem liege bei der BAG-Führung, die falsche Prioritäten setze, lässt Prelicz nicht gelten. «Wenn man andere Geschäfte im BAG jetzt liegen lässt, wird das dann auch wieder kritisiert.» Wer alles auf den Kampf gegen die Pandemie setzen wolle, müsse konsequenterweise dann auch mehr Geld für neues Personal bereitstellen, sagt Prelicz.

Und was sagt das BAG? «Kritik gehört zur Bewältigung einer Krise. Bisweilen ist sie konstruktiv und hilft dabei weiter. Die gesamte Krisenbewältigung wird nach Ende der Pandemie auf Bundesebene evaluiert», so Sprecherin Katrin Holenstein.

Impf-Chefin wird Mutter

Nora Kronig, Vizedirektorin beim BAG und Leiterin Internationales, ist für die Impfstrategie der Schweiz verantwortlich. Bald tritt sie jedoch kürzer: Sie erwartet im Juni ein Kind. Wer sie im Impfstoffprojekt vertreten wird, will das BAG zum gegebenen Zeitpunkt mitteilen. Eine Sprecherin hält gegenüber 20 Minuten fest: «Wir sind grundlegend gut organisiert, wenn Frau Kronig abwesend ist. Frau Kronig hat mehrere Stellvertretungen: Eine als Leiterin Internationales sowie eine im Impfstoff-Projekt. Zudem arbeitet sie als Vizedirektorin eng mit der Direktorin Anne Lévy zusammen.»

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