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Genf2500 Bedürftige stehen stundenlang für Öl, Reis und Pasta an

In einer über einen Kilometer langen Warteschlange standen Bedürftige in Genf für Grundnahrungsmittel an. Politiker reagieren schockiert und empört.

von
Bettina Zanni
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Über 2500 Menschen standen vor der Genfer Eishalle für Grundnahrungsmittel wie Öl oder Pasta an, wie die SRF-«Tagesschau» am Sonntagabend berichtete.

Über 2500 Menschen standen vor der Genfer Eishalle für Grundnahrungsmittel wie Öl oder Pasta an, wie die SRF-«Tagesschau» am Sonntagabend berichtete.

keystone-sda.ch
Bereits eine Stunde bevor die Lebensmittel verteilt wurden, war die Warteschlange über einen Kilometer lang.

Bereits eine Stunde bevor die Lebensmittel verteilt wurden, war die Warteschlange über einen Kilometer lang.

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Schon vergangene Woche seien Lebensmittel verteilt worden, aber leider sei für sie nichts übriggeblieben, sagt eine Frau. In der Hoffnung, vielleicht etwas zu erhalten, sei sie heute früher gekommen.

Schon vergangene Woche seien Lebensmittel verteilt worden, aber leider sei für sie nichts übriggeblieben, sagt eine Frau. In der Hoffnung, vielleicht etwas zu erhalten, sei sie heute früher gekommen.

Screenshot SRF

Darum gehts

  • Über 2500 Menschen standen vor der Genfer Eishalle für Grundnahrungsmittel wie Öl oder Pasta an,
  • Viele der Bedürftigen haben keinen legalen Status in der Schweiz.
  • Etwa SP-Präsident Christian Levrat bezeichnet die Situatin als Schock.

Die Schweiz ist das zweitreichste Land der Welt. Laut dem «Global Wealth Report 2019» besitzt in der Schweiz jede Person ein Nettovermögen von rund 191'100 Franken. Die Corona-Krise deckt nun aber auf, dass auch in der reichen Schweiz viele Menschen von Armut betroffen sind. Über 2500 Menschen standen vor der Genfer Eishalle für Grundnahrungsmittel wie Öl oder Pasta an, wie die SRF-«Tagesschau» am Sonntagabend berichtete. Darunter sind vor allem Sans-Papiers, Flüchtlinge ohne geregelten Aufenthalt oder Hausangestellte.

Bereits eine Stunde bevor die Lebensmittel verteilt wurden, war die Warteschlange über einen Kilometer lang. Rund 2500 Personen standen an. Schon vergangene Woche seien Lebensmittel verteilt worden, aber leider sei für sie nichts übrig geblieben, sagt eine Frau. In der Hoffnung, vielleicht etwas zu erhalten, sei sie heute früher gekommen.

«Sind am Ende ihrer Kräfte»

Einige der Anstehenden sind für Produkte des Grundbedürfnisses bereit, drei Stunden zu warten. Helferin Tatiana Lista packt ein Kilo Pasta, zwei Kilo Reis und eine Flasche Öl aus einem der Papiersäcke, die sie an die Bedürftigen verteilt. Zuletzt holt sie eine Birne aus dem Sack. «Und manchmal können wir frische Produkte hinzugeben. Das ist die Grundlage», fügt Lista an.

Seit mehreren Wochen verteilt der Verein Caravane de Solidarité die Taschen an die Bedürftigsten. Viele dieser Menschen hätten keinen legalen Status in der Schweiz, sagt Vereinsmitglied Christophe Jakob. «Seit dem Lockdown können sie nicht mehr in Haushalten, in Restaurants oder im Hotelgewerbe arbeiten.» Sie hätten ein paar Wochen durchgehalten und etwas Geld geliehen. «Aber jetzt sind sie am Ende ihrer Kräfte.»

«Ganze Familien leben von den Taschen»

Laut Jakob erhielten die Betroffenen von ihren Arbeitgebern keine Entschädigungen. «Ganze Familien leben von den Taschen, die einen Wert von 20 Franken haben.»

Viele der Bedürftigen haben auch Angst, zum Arzt zu gehen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen nutzt die Warteschlangen, um mit den Menschen zu sprechen. Dabei versichern sie den Anstehenden, nicht nach Namen oder Wohnort zu fragen. «Wir sind uns gewohnt, diese Arbeit zu tun. Auch wir hätten nie gedacht, das mal in der Schweiz, in Genf, zu machen», sagt Roberta Petrucci, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen.

Kritik an der Schweiz

In den sozialen Medien sorgt das Elend für grosse Aufregung. «In der reichen Flagge der Schweiz : Menschen stehen in Genf für Gratisessen an. Die Schlange ist 1 Kilometer lang. 2500 Personen, die auf Säcke im Wert von 20 Fr. warten», twitterte Arena-Moderator Sandro Brotz. Ein User antwortet darauf: «Beschämend!!! Hätte nie geglaubt, dass wir hier solche Szenen erleben werden...»

SP-Präsident und Ständerat Christian Levrat bezeichnet die Reportage als Schock. «Jetzt ist Solidarität gefragt, mit allen», fordert er.

Auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth trifft die Situation der Bedürftigen. «Über 2000 Menschen stehen in einer kilometerlangen Schlange für Essen an. Am 2. Mai 2020. In der Schweiz», schreibt er auf Facebook.
Für die Grossen habe die Schweiz Corona-Hilfen gefunden, kritisiert er. «Die Armen lässt man offenbar hängen. Ich bin schockiert, verstört, empört, ich schäme mich für diese Schweiz.»

Akute Notsituation

Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) schreibt auf seiner Website, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise viele Sans-Papiers mit besonderer Härte treffe. Die Gesundheitsversorgung für Sans-Papiers des SRK in Bern-Wabern unterstütze die Betroffenen durch medizinische Grundversorgung, Beratung und Informationsvermittlung. Auch kümmere sie sich, wo nötig, um eine sichere Triage ins öffentliche Gesundheitswesen.

Laut dem Hilfswerk Caritas stürzen die Folgen der Corona-Krise auch zahlreiche Menschen, die bereits vorher am Existenzminimum lebten, in eine akute Notsituation. «Genauso wie Kleinbetriebe in Liquiditätsprobleme geraten, fehlt auch vielen armutsgefährdeten Familien das Geld, um ihre Rechnungen auf das bevorstehende Monatsende hin zu bezahlen», wird Hugo Fasel, Direktor von Caritas Schweiz, auf der Website zitiert. Für sie stehe kein vom Finanzdepartement garantierter Kredit zur Verfügung. «Familien und Alleinstehende mit Kleineinkommen und einem Zuverdienst geraten innert kürzester Zeit in die Krise. Die Ärmsten trifft es heftig.»

Entschädigungen

Anrecht auf Entschädigungen für den Erwerbsausfall wegen des Coronavirus haben Eltern mit Kindern, die ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen müssen, weil die Fremdbetreuung der Kinder nicht mehr gewährleistet ist. Müssen Personen wegen einer Quarantänemassnahme ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, können sie ebenfalls Entschädigungen beanspruchen. Vorgesehen sind die finanziellen Leistungen weiter für Selbständigerwerbende und Künstler, die einen Erwerbsausfall erleiden.
Sans-Papiers arbeiten illegal und haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Wenn sie in Not geraten, können sie aber Nothilfe beantragen.

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343 Kommentare
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Mongo

05.05.2020, 12:13

Tja da habt ihr die Berühmten fachkräfte ;)

Amanda

05.05.2020, 11:48

Wow ich bin über die Kommentare hier sehr enttäuscht... Wenn es den Schweizern mal schlecht gehen sollte in naher oder ferner Zukunft, werdet ihr dann auch einen Unterschied machen, ob euch einen Schweizer oder einen Ausländer ein Stück Brot anbietet? Ihr solltet ein wenig weiter schauen können als nur bis zur Hautfarbe oder Herkunft. Wir sind doch alle Menschen und keiner sollte hungern. Es würde allen guttun ein wenig mehr Nächstenliebe zu zeigen.

Martial2

05.05.2020, 11:28

@Charlylena, das ist eine Mischrechnung zusammen mit Multimillionäre und Menschen unter dem Existenz Minimum. - gibt übrigens in der Schweiz über eine Million von Millionäre -. Diese Statistik sagt rein nichts und ärgert nur die Menschen die zum leben zu wenig haben!