Neuer Prozess: 28 Jahre unschuldig im Knast — wegen einer Lüge
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Neuer Prozess28 Jahre unschuldig im Knast — wegen einer Lüge

Ein Mann aus North Carolina sitzt angeblich seit 28 Jahren unschuldig hinter Gittern. Ein Zeuge hatte ihn mit einer Falschaussage belastet.

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«Ich schwöre, ich habe diese Tat nicht begangen», sagte der 43 Jahre alte Johnny Small vor einem Gericht am 8. August 2016. Small sitzt hinter Gittern, seit er 16 Jahre alt ist.

«Ich schwöre, ich habe diese Tat nicht begangen», sagte der 43 Jahre alte Johnny Small vor einem Gericht am 8. August 2016. Small sitzt hinter Gittern, seit er 16 Jahre alt ist.

AP/Allen G. Breed
Doch bald könnte er freikommen: Ein Zeuge, der während des ersten Prozesses Small als Täter identifiziert hatte, sagt jetzt, er sei damals von der Polizei gezwungen worden, die belastende Aussage zu erfinden.

Doch bald könnte er freikommen: Ein Zeuge, der während des ersten Prozesses Small als Täter identifiziert hatte, sagt jetzt, er sei damals von der Polizei gezwungen worden, die belastende Aussage zu erfinden.

AP/Allen G. Breed
Der Zeuge hatte 1989 ausgesagt, Small habe Pamela Dreher kaltblütig umgebracht. Dabei sollen die beiden Männer in der Tatnacht nicht einmal zusammen gewesen sein.

Der Zeuge hatte 1989 ausgesagt, Small habe Pamela Dreher kaltblütig umgebracht. Dabei sollen die beiden Männer in der Tatnacht nicht einmal zusammen gewesen sein.

AP/Allen G. Breed

Am Montag stand Johnny Small (43) erneut vor einem Gericht in Wilmington im US-Staat North Carolina. Das letzte Mal, vor 28 Jahren, war er wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Doch diesmal könnte sein Prozess anders ausgehen — diesmal könnte Small freikommen. Denn ein Zeuge, der während des ersten Prozesses Small als Täter identifiziert hatte, sagt jetzt, er habe damals gelogen.

Am 13. Juli 1988 wurde die Leiche von Pamela Dreher (32) vor ihrem Tierladen entdeckt. Sie lag mit dem Gesicht am Boden, am Hinterkopf hatte sie eine Schusswunde. Laut den Forensikern war sie aus nächster Nähe erschossen worden. Aus der Kasse waren 173 Dollar gestohlen worden. Augenzeugen gab es im ersten Moment keine.

Gibts eine Belohnung, hats plötzlich Zeugen

Erst als die Organisation Crimestoppers eine Belohnung von 5000 Dollar ausschrieb, meldete sich eine ehemalige Schulkollegin von Johnny Small bei den Behörden. Sie gab an, gesehen zu haben, wie Small — damals 15 Jahre alt — zum Tatzeitpunkt das Geschäft des Opfers verlassen hatte. Bei weiteren Ermittlungen kam die Polizei auf einen gewissen David Bollinger. Dieser sagte jedoch bei seiner ersten Einvernahme, nichts von der Tat zu wissen.

Später aber erzählte der damals 19-jährige Bollinger eine andere Version: Er habe an jenem Abend Small mit dem Auto zu Drehers Laden gebracht, um die Telefonkabine zu nutzen. Small habe die Frau ausgeraubt und getötet. Dann habe Small ihn mit der Pistole bedroht: Sollte er was sagen, würde er sein nächstes Opfer sein. Diese Aussage brachte Small 1989 für immer hinter Gitter. Er war damals erst 16 Jahre alt.

Die Polizei erfand die Geschichte

2012 traf Bollinger durch Zufall Dwayne Allen Dail, der fünf Jahre zuvor aus der Haft entlassen worden war, nachdem eine DNA-Analyse seine Unschuld bestätigt hatte. Dail sass fälschlicherweise 18 Jahre wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes im Gefängnis.

«Als ich Dail traf, wusste ich, was ich zu tun hatte», erzählt der reumütige Bollinger zur «Washington Post». Er erklärte den Behörden, dass er in der Mordnacht nicht einmal mit Small zusammen gewesen war. Er habe damals die Geschichte erfunden, weil ihn der zuständige Ermittler dazu gezwungen habe. «Sie befragten mich eine ganze Nacht lang und kamen mit dieser Version. In den darauffolgenden Tagen musste ich diese Geschichte richtig einstudieren.»

Die Polizei von Wilmington habe gedroht, ihn als Täter zu beschuldigen, sollte er bei der Lüge nicht mitmachen. Selbst sein Grossvater, ein ehemaliger FBI-Agent, habe ihm geraten, eine Falschaussage zu machen, «da ich sonst selbst in Schwierigkeiten geraten würde. Ausserdem hasste mein Grossvater Johnny», so Bollinger.

Alle Hoffnung aufgegeben

Als Small am Montag Bollingers neue Aussage hörte, begann er zu weinen. «Ich schwöre bei Gott, dass ich das nicht getan habe», versicherte er dem Richter. Die letzten 28 Jahren seien ein Albtraum gewesen und er habe schon jede Hoffnung verloren gehabt, jemals wieder freizukommen. «Ich plante sogar zu flüchten, damit mich die Wächter erschiessen und ich dem hier ein Ende setzen könne.»

Die Anhörungen dauern noch die ganze Woche an.

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