Vier Aufsehende angeklagt - 29-Jährige wurde nach Suizidversuch nackt am Boden in Zelle liegen gelassen
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Vier Aufsehende angeklagt29-Jährige wurde nach Suizidversuch nackt am Boden in Zelle liegen gelassen

Die Frau starb im Spital an den Folgen der Verletzungen, die sie sich zwei Tage zuvor in der Zelle zugefügt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft den Aufsichtspersonen fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor.

von
Steve Last
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Am 12. Juni 2018 fügte sich eine im Untersuchungsgefängnis Waaghof in Basel untergebrachte 29-jährige Frau schwere Verletzungen zu.

Am 12. Juni 2018 fügte sich eine im Untersuchungsgefängnis Waaghof in Basel untergebrachte 29-jährige Frau schwere Verletzungen zu.

Lukas Hausendorf
Die Sri-Lankerin sollte abgeschoben werden und wurde zu ihrer Sicherheit in eine videoüberwachte Zelle gebracht. Dort versuchte sich die Frau mit ihrem Oberteil zu strangulieren.

Die Sri-Lankerin sollte abgeschoben werden und wurde zu ihrer Sicherheit in eine videoüberwachte Zelle gebracht. Dort versuchte sich die Frau mit ihrem Oberteil zu strangulieren.

Lukas Hausendorf
Gemäss Anklage dauerte es über vier Minuten, bis die Kommandozentrale, wohin die Videoüberwachung der Zelle übertragen wurde, auf die Situation aufmerksam wurde und das Aufsichtpersonal alarmierte.

Gemäss Anklage dauerte es über vier Minuten, bis die Kommandozentrale, wohin die Videoüberwachung der Zelle übertragen wurde, auf die Situation aufmerksam wurde und das Aufsichtpersonal alarmierte.

Lukas Hausendorf

Darum gehts

  • Am 14. Juni 2018 starb eine 29-jährige Frau im Universitätsspital Basel.

  • Sie hatte sich zwei Tage zuvor im Untersuchungsgefängnis Waaghof Verletzungen zugefügt, denen sie später erlag.

  • Im Zusammenhang mit dem Tod der Frau müssen sich vier Aufsehende wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten.

Am 14. Juni 2018 erlag eine 29-jährige Frau im Universitätsspital Basel ihren schweren Verletzungen. Diese hatte sie sich laut der Staatsanwaltschaft in einer Zelle des Untersuchungsgefängnisses Waaghof zugefügt. Die Sri-Lankerin hätte gemäss Dublin-Verfahren nach Malta gebracht werden sollen, da der Inselstaat für ihr Asylverfahren zuständig war. Im Zusammenhang müssen sich vier Aufsehende, drei Männer und eine Frau im Alter von 36 bis 60 Jahren, wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen ab Dienstag vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten.

Noch am Morgen des 12. Juni wurde die Frau «zu ihrer eigenen Sicherheit und zur Überwachung des Gesundheitszustandes» in eine Zelle mit Kamera verlegt, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist. Sie habe sich bereits in der Nacht auffällig verhalten. Die Frau versuchte sich mit ihrem Oberteil zu strangulieren. Gemäss Anklage dauerte es über vier Minuten, bis die Kommandozentrale, wohin die Videoüberwachung der Zelle übertragen wurde, auf die Situation aufmerksam wurde und Aufsichtpersonal alarmierte.

Ausgezogen und auf dem Bauch liegen gelassen

Zwei Aufseher schnitten die Frau los und benetzten sie mit Wasser. «In Unterlassung dringend angezeigter Rettungsmassnahmen verliessen alle drei Aufseher die Zelle: Weder prüften sie Vitalzeichen noch brachten sie die Frau in die jedermann bekannte Seitenlagerung», hält die Anklage fest. Stattdessen liessen sie sie in «auch für medizinische Laien widernatürlichen, sichtlich die Atmung schwer beeinträchtigenden Lage» liegen und holten eine weibliche Aufseherin hinzu.

Diese entkleidete die Insassin vollständig, dabei sei sie nach unten gerutscht und in Bauchlage mit dem Gesicht nach unten am Boden zu liegen gekommen. Ohne Vitalzeichen zu prüfen, verliessen und schlossen sie die Zelle und liessen sie zehn Minuten so liegen, bis die Kommandozentrale die Rettungssanität alarmierte. Insgesamt 18 Minuten dauerte es, bis Reanimationsmassnahmen eingeleitet wurden. Zwei Tage später starb die Frau an den Spätfolgen der durch lange andauernden Sauerstoffmangel erlittenen Hirnschädigung.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

«Tod hätte abgewendet werden können»

Laut der Staatsanwaltschaft wäre das Leisten erster Hilfe den «berufserfahrenen und ausgebildeten» Aufsehenden zumutbar gewesen. Zudem verweist sie auf ein rechtsmedizinisches Gutachten, laut dem eine erfolgreiche Rettung durchaus noch möglich gewesen sei, hätten die Beschuldigten richtig reagiert. Oder wie es die Staatsanwaltschaft formuliert: «Der Tod hätte bei pflichtgemässem Verhalten aller Wahrscheinlichkeit nach abgewendet werden können».

Zwar hätten die Beschuldigten den Tod der Frau nicht aktiv durch ihr Handeln herbeigeführt, so die Anklage weiter – schon gar nicht mit Vorsatz. Jedoch hätten sie die Todesfolge durch «pflichtwidriges Untätigbleiben» nicht verhindert, ja «durch Unterlassen fahrlässig verursacht». Als Mitarbeitende des Strafvollzugs seien sie zur Hilfe verpflichtet gewesen. Deshalb lautet die Anklage auf fahrlässige Tötung durch Unterlassen.

Verteidiger klagt gegen Gefängnis

Anwalt Andreas Noll verteidigt einen der Aufseher. Zunächst halte er es für fraglich, ob in dem Fall wegen fahrlässiger Tötung geklagt werden könne. Er sieht die Beschuldigten zudem als Bauernopfer, die für «systematisches Versagen» beim Gefängnis herhalten sollen, wie er der «bz Basel» sagt. Er habe bereits Strafanzeige gegen den Leiter des Untersuchungsgefängnisses erstattet und fordere weitere Abklärungen.

Als Beweisstück führt er etwa einen Leitfaden des Gefängnisses an, der suizidalem Verhalten «erpresserischen Charakter» zuschreibt und das Eintreten des Todes als «sehr unwahrscheinlich» einstuft. «Man nimmt diese Todesfälle einfach hin als Kollateralschäden des Haftvollzugs. Dabei liesse sich viel vermeiden», wird Noll zitiert.

Dem widerspricht Toprak Yerguz, Sprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements. Zunächst hält er gegenüber der «bz Basel» fest: «Wir bedauern den Tod der Insassin zutiefst: Für eine Justizvollzugsbehörde gibt es nichts Schlimmeres, als den Tod einer in ihre Obhut anvertrauten Person». Zudem relativiert er die Reichweite des von Noll kritisierten Leitfadens: Dieser sei «keine Handlungsanweisung», sondern eine «Arbeitshilfe». Für medizinische Notfälle gebe es zudem ein Merkblatt für die korrekte Vorgehensweise.

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