Hilfsprojekt bei Wohnungssuche: «3,5 Zimmer – so viel Platz ist echt ein Traum»
Aktualisiert

Hilfsprojekt bei Wohnungssuche«3,5 Zimmer – so viel Platz ist echt ein Traum»

Eine vierköpfige Familie lebte in einem winzigen Zimmer. Caritas half ihr, etwas Grösseres zu finden. Das Hilfswerk unterstützt auch andere Working Poor bei der Wohnungssuche.

von
som

Die Familie spricht über ihr Glück, mehr Platz zu haben.

«3,5 Zimmer! Wir fühlen uns wieder wie Menschen», sagt K. L.* (47). Er sitzt mit seiner Frau A. L. (37)* in seinem Wohnzimmer – es ist spärlich mit einem Sofa und einem Sessel möbliert. Auf dem Tischchen steht ein arabisches Teeservice.

Bevor sie mit ihren beiden Töchtern (1 und 4) im Mai in diese Wohnung im Zürcher Kreis 8 einziehen konnten, hatten sie in einem 14 Quadratmeter grossen Zimmer gelebt. Darin gab es zwei Herdplatten, ein Lavabo und einen Kühlschrank, das Bad teilten sie sich mit den anderen Bewohnern im Haus.

70 Bewerbungen und nur Absagen

«Wir hatten schnell Streit, weil wir so eng aufeinander hockten – auch unsere Kinder waren unruhig», so A. L. Prekär sei es vor allem gewesen, als ihr Mann eine Zeit lang nachts als Fahrer gearbeitet habe. «Er konnte sich ja tagsüber nirgends zum Schlafen zurückziehen.» Sie habe deshalb die Wohnung so oft wie möglich verlassen und sei stundenlang durch die Stadt spaziert.

Für sicher 70 Wohnungen in der ganzen Region hätten sie sich beworben – doch es hagelte nur Absagen.«So genau kann ich nicht sagen, woran es gescheitert ist», so K. L, der vor 16 Jahren aus Algerien in die Schweiz kam.

Wohnungssuche für Working Poor besonders schwer

Schliesslich meldeten sie sich bei Caritas Zürich, aber nicht mit der Absicht, eine Wohnung zu finden. Ein Freiwilliger sollte sie vielmehr beim Schuleintritt ihrer Kinder unterstützen, da die Algerierin ihrem Mann erst vor eineinhalb Jahren in die Schweiz folgte und sich mit dem hiesigen Schulsystem kaum auskennt. «Als sie unser Zimmer sah, fand sie jedoch, dass Handlungsbedarf besteht.»

Das sei nicht die einzige Familie, die in Zürich in prekären Verhältnissen wohne, sagt Sophie Fürst, Sprecherin von Caritas Zürich: «Betroffen sind oft Working Poor – also Leute, die arbeiten, aber nicht genug verdienen, um zu leben.» Deshalb hat Caritas Zürich letztes Jahr das Pilotprojekt WohnFit lanciert, in dem freiwillige Mentoren insgesamt 18 Familien bei der Wohnungssuche unterstützen – alle Teilnehmer beziehen keine Sozialhilfe und haben einen Migrationshintergrund.

Oft helfen Beziehungen der Mentoren

Ende Jahr läuft das Projekt aus, die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wertet es dann aus. «Bis jetzt sind wir sehr zufrieden – bereits für neun Familien haben wir innerhalb und ausserhalb des Kantons Zürich etwas gefunden – sieben Tandems laufen zurzeit noch.»

Doch ist es nicht schon für Mittelstandsfamilien schwierig genug, eine Bleibe zu finden? «Natürlich. Aber Workings Poor brauchen oft mehr Unterstützung beim Bewerben oder Ausfüllen von Formularen, da ihnen das nötige Wissen fehlt», so Fürst. Zudem isoliere Armut auch: «Oft helfen ihnen deshalb die Beziehungen unserer Mentoren.»

«So viel Platz ist echt ein Traum»

Auch die vierköpfige Familie L. fanden letztlich dank dem Umfeld ihres Mentors eine Bleibe. «Eine Freundin von ihm wusste, dass in ihrem Haus etwas frei wird», sagt K. L. Einen Wermutstropfen gibt es aber, denn die beiden leben hier nur zur Untermiete: «Es besteht das Risiko, dass wir nach einem Jahr wieder rausmüssen.»

Auch wenn ihnen das manchmal Kopfzerbrechen bereite, seien sie doch sehr glücklich zurzeit, sagt A. L: «Manchmal wache ich morgens auf und frage meinen Mann, ob das alles real sei. So viel Platz ist echt ein Traum.»

*Namen der Redaktion bekannt

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