Verschleppte Krise: 30-jähriger Griechenland-Bericht ist brandaktuell

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Verschleppte Krise30-jähriger Griechenland-Bericht ist brandaktuell

Ein deutscher Student hat vor 30 Jahren einen Text über sein Praktikum in Athen geschrieben. Die Analyse trifft noch immer zu. 20 Minuten hat mit dem Autor gesprochen.

von
I. Strassheim
Demonstration vor dem Parlament in Athen 2015: Schon 1986 war die Krise absehbar, wie der erneut kursierende Bericht eines Praktikanten zeigt.

Demonstration vor dem Parlament in Athen 2015: Schon 1986 war die Krise absehbar, wie der erneut kursierende Bericht eines Praktikanten zeigt.

Wenn ein 1986 erschienener Zeitungsbericht noch immer als aktuell gilt, kann etwas nicht stimmen. Anders ist es im Fall von Griechenland: Ein deutscher Ökonomiestudent machte vor dreissig Jahren im griechischen Landwirtschaftsministerium ein Praktikum und deckte in einem Beitrag für die Wochenzeitung «Zeit» fundamentale Probleme auf. Er ging etwa der Frage nach, warum der viel gerühmte griechische Ziegenkäse zu grossen Teilen aus Dänemark stammt oder der Kaffeerahm von Kühen in Deutschland.

Die von dem damals 24-jährigen Studenten Bernd Loppow gefundenen Antworten machen in deutschen Wirtschaftsportalen derzeit die Runde. «Nachhilfe vom Praktikanten» titelte das «Handelsblatt», das den alten Bericht ausgegraben hat, der «starke Ähnlichkeit mit dem jüngsten IWF-Bericht zur Schuldentragfähigkeit Griechenlands» habe.

Später Ruhm kam überraschend

«Mit dieser späten Popularität habe ich nicht gerechnet. Es ist erschreckend, dass meine Analyse noch immer zutrifft», sagt Loppow zu 20 Minuten. Was er damals als Student sah, trifft grösstenteils noch immer zu und beantwortet auch gleich die Frage nach dem Ziegenkäse aus Dänemark: «Eine unzureichend mit Maschinen ausgerüstete Landwirtschaft, schlecht ausgebaute Bewässerungssysteme und sehr kleine Betriebe sind die Gründe für die niedrigste Produktivität in der Europäischen Gemeinschaft», schrieb Loppow einst. Und das, obwohl die Landwirtschaft zum wichtigsten Wirtschaftssektor des Landes zählt.

Auch der Schuldenberg kündigte sich Jahrzehnte vorher an: «Um die Staatsfinanzen Griechenlands ist es nicht zum Besten bestellt. Unter Papandreou wuchsen die Ausgaben noch stärker als unter seinem Amtsvorgänger Karamanlis. So wurden zum Beispiel marode Firmen allein wegen der Arbeitsplätze erhalten; um den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu bremsen, sozialisierte die Regierung bisher über vierzig Firmen», lautete das Fazit von 1986.

1986 war Griechenland seit fünf Jahren Mitglied der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG). Und der Praktikant, der für seine später zum Zeitungsbericht in der «Zeit» umgearbeitete Seminararbeit verschiedene Beamte befragten konnte, befand: Die Überweisungen aus Brüssel hätten zwar schon zur Linderung der Finanznöte beigetragen, aber die ursprüngliche Hoffnung, nämlich zunehmende Exporte in die EG, erfüllte sich nicht. Stattdessen «überschwemmten die Waren aus der EG den griechischen Markt».

Vom Praktikanten zum Programmleiter

«Wer die Probleme damals schon hätte erkennen wollen, hätte das können – aber man wollte das nicht», sagt Loppow zu 20 Minuten. Die Aufnahme Griechenlands in die EG sei eine politische Entscheidung gewesen. Inzwischen hat Loppow keine Kontakte mehr zum Athener Landwirtschaftsministerium. Er betont jedoch heute, es sei wichtig, mit der Sparpolitik nicht die griechische Bevölkerung und Wirtschaft zu strangulieren. «Vor allem aber muss Griechenland sich um diejenigen kümmern, die keine Steuern zahlen und ihr Vermögen ins Ausland geschafft haben.»

Und was macht der einstige Praktikant heute? Er arbeitet weiterhin für die «Zeit». Inzwischen allerdings als Programmleiter des angeschlossenen Reiseveranstalters Zeit Reisen. Und sein liebstes Reiseziel in Europa ist Griechenland, genauer die Insel Paros. «Weil ich dort perfekt abschalten kann.»

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