Nordirak30 syrische Flüchtlinge teilen sich dieses WC
Über das syrische Flüchtlingslager Domiz bricht der Winter herein. Was bedeutet das für die verzweifelten Menschen? 20 Minuten berichtet aus einer Zeltstadt, so gross wie Lugano.
- von
- Ann Guenter ,
- Dohuk
«Aus der Schweiz? Basel ist toll. Zürich ist nur am Wochenende besser!» Breites Baslerdeutsch im Norden Iraks – ein kleiner Kulturschock. Doch in der autonomen Region Kurdistan leben viele, die zuvor jahrelang in der Schweiz gearbeitet haben. Auch in der 260'000-Einwohner-Stadt Dohuk, die zwischen gewaltigen Bergen und dem Tigris liegt. Hier sind die Menschen dank Erdöl reich: Überall stehen Einfamilienhäuser mit Marmorfassaden und gesicherten Innenhöfen, riesige Shoppingmalls, teure Autos. «Jeder hat hier einen SUV», sagt Fahrer Aram. «Welcome to Petrol Country. Laufen tun hier nur die Flüchtlinge.»
Er hat recht. Nach 40 Minuten Fahrt und dem Passieren eines Checkpoints mit maschinengewehrbehangenen Soldaten erstrecken sich Tausende von Zelten bis an den Horizont. Auf den engen Matschpfaden fahren keine Autos. Willkommen im Flüchtlingslager Domiz.
Domiz, das ist, als ob alle Einwohner von Biel oder Lugano zum Campen gezwungen würden. Gedacht war das Lager eigentlich für 5000 Flüchtlinge, jetzt leben hier über 50'000 Menschen auf 1'142'500 Quadratmetern. Für uns sind das nur Zahlen. Dahinter steckt mühsam gelebter Alltag. Von Menschen, von denen die meisten einmal zur Mittelschicht Syriens gehörten.
Der gefolterte Restaurantbesitzer
Etwa Mohammed, Besitzer einer Restaurantkette in Damaskus. Er trägt auch jetzt einen dunklen Anzug – vielleicht, um sich noch in den Rest seines früheren Lebens zu hüllen. «Wir haben 20 Jahre unseres Lebens zurückgelassen», erzählt sein Sohn auf Englisch. Der 21-Jährige studierte Politologie, seine beiden Schwestern französische Literatur. Dann kam der Krieg, der Studienabschluss rückte in weite Ferne. Sofort kommt die Einladung ins Zelt der Familie: Teppiche auf einem betonierten Boden, ein TV, aufeinandergestapelte Matratzen, alles blitzblank sauber und dank Heizstrahlern warm. Es gibt Tee.
Mit der Gemütlichkeit ist es schnell vorbei, als es um die Flucht aus Syrien geht. Vater Mohammed berichtet von Folterungen. Weil er Mitglied der syrischen Kurdenpartei war, wurde er verhaftet und tagelang misshandelt. Ich sehe: Seine linke Hand ist verstümmelt. Später gelang Mohammed die Flucht mit der Familie. Das war vor über einem Jahr. Der Sohn gibt sich kämpferisch: «Die Hoffnung hält uns am Leben. Ich will nach Europa.» Sein Vater winkt ab. Er will abwarten. Und nach Syrien zurück. Und bis dahin? «Ist Krieg.»
TV wichtiger als Essen
Das nächste Zelt, ein Schock: Eine fünfköpfige Familie lebt auf zehn Quadratmetern in zwei ineinander geschachtelten Zelten. Ohne Betonboden und Blachen ist es feucht und kalt. Bei den dünnen Nylonzelten, welche die UNO verschenkt, läuft im Winter der Schlamm von unten und das Wasser von oben herein. «Wir haben von den Hilfswerken diesen Heizofen gekriegt», sagt Delal, «aber das Öl dafür können wir uns nicht leisten.»
Ihr Ehemann, einst Angestellter eines Elektrizitätswerks in Damaskus, berichtet von der Flucht vor eineinhalb Jahren: «Wir flohen in der Nacht, weil unser Haus bombardiert wurde. Das ist die schlechteste Zeit, denn die Scharfschützen mit ihren Nachtsichtgeräten schiessen auf alles.» Jetzt ist die Familie zwar in der Sicherheit des Lagers, doch es mangelt ihr an fast allem. «Die Regionalregierung erlaubt, dass wir Flüchtlinge in Dohuk arbeiten dürfen», sagt Delal. «Doch wir sind so viele – es gibt kaum mehr offene Stellen. Wir suchen seit Monaten nach Arbeit.» Delal erzählt, dass die Lebensmittelmarken, die alle Flüchtlinge erhalten, nicht immer reichen. Auch hier steht ein kleiner Fernseher. «Den haben wir gegen Essencoupons eingetauscht. Die Nachrichten von zuhause sind wichtiger als Essen», sagt Delal und bietet Tee an.
Das gelähmte Mädchen und der schizophrene 18-Jährige
Fünf weitere Familien laden in ihre Zelte ein. In einem liegt ein gelähmtes 13-jähriges Mädchen apathisch auf dünnen Matratzen. Auf der Flucht aus Qamischli im Nordosten Syriens fiel es aus seinem Rollstuhl und brach sich die Hüfte. In einem anderen wird von einem psychisch kranken 18-Jährigen erzählt, der seinen kleinen Bruder tötete, weil es im Camp keine Medikamente zur Unterdrückung seiner schizophrenen Schübe gab. Er musste mit einer Fussfessel im Zelt angebunden werden, bis Ärzte von Médecins Sans Frontières ihn in einer Klinik im drei Stunden entfernten Erbil unterbringen konnten.
Ein Vater von vier Töchtern klagt, dass die Schulen im Lager überfüllt seien und keine Kinder mehr aufnehmen könnten. «Gerade die Teenager bräuchten Beschäftigung, eine Ausbildung!» Eine Frau klagt, dass der Sektorverantwortliche korrupt sei und Wasser sowie neue Zelte unter den eigenen Verwandten aufteile. Eine 80-Jährige humpelt, schwer auf einen Stock gestützt, aus einem Zelt. Die Flucht muss für sie eine Tortur gewesen sein. «Sie sollte dringend zum Arzt, aber sie kann die 800 Meter zu einer der Gratis-Kliniken im Camp nicht laufen und wir können den Transport dorthin derzeit nicht zahlen», sagt ihre Schwiegertochter. Überall wird sofort starker, schwarzer Tee serviert. Und das, obwohl es in manchen Bereichen täglich gerade mal vier Liter Wasser pro Person gibt.
Die grösste Angst: der Winter
Es geht nur schwer in den Kopf: Die Menschen in dieser Zeltwüste hatten einmal einen Lebensstandard wie du und ich. Mit Haus, Auto, Computer, Fernsehen, mit Hobbys, Freunden und Ferien. Ihr Alltag heute: Lebensmittelmarken einteilen, um Trinkwasser kämpfen, Arbeit suchen, versuchen, im überfüllten Lager nicht krank zu werden. Hygiene? 30 Personen teilen sich jeweils ein WC. Latrinensysteme durchziehen das ganze Camp. Im Sommer drohen bei Temperaturen von 40 Grad Seuchen, die grösste Angst der hiesigen Hilfswerke.
Jetzt aber ist der Winter da. Vor Minustemperaturen und Matsch kann man sich in keinem Zelt schützen, egal, wie man es anstellt. Die 50'000 Menschen, die nicht wissen, wie lange sie in Domiz noch werden leben müssen – Monate, Jahre, für immer? – sehen dem Schnee mit grosser Angst entgegen, die Kälte ist überall Thema. «Mit ihr kommen auch immer die Krankheiten», sagt eine Frau. Und eine andere ergänzt: «Letzten Winter zerriss der Wind unser Zelt. Matratzen, Teppich, Kleider, einfach alles wurde nass und trocknete nicht mehr.»
So viel wie in Schweiz und EU zusammen
Zurück im gut geheizten Hotelzimmer in Dohuk. Die meisten Einwohner der Kurden-Stadt waren zu Zeiten von Saddam Hussein selbst einmal Flüchtlinge. Sicher auch ein Grund, dass die Stadt 70'000 Flüchtlingen aus Syrien die Tore geöffnet hat – zusätzlich zu den 50'000 Menschen im nahen Camp. Diese Stadt mit ihren 260'00 Einwohnern hat damit mehr Flüchtlinge aus Syrien willkommen geheissen als ganz Europa bislang zusammen.
Camp Domiz auf Googelmaps
Seit über zwei Jahren leistet Médecins Sans Frontièrs (MSF) in Jordanien, im Libanon und Irak Hilfe für die syrischen Flüchtlinge. Im Lager Domiz ist MSF die wichtigste Gesundheitseinrichtung mit zwei Kliniken für 50'000 Menschen. Die Organisation ist auf Spenden angewiesen, umso mehr, als dass gerade das Flüchtlingslager Domiz im toten Winkel der internationalen Hilfe liegt:
Seit über zwei Jahren leistet Médecins Sans Frontièrs (MSF) in Jordanien, im Libanon und Irak Hilfe für die syrischen Flüchtlinge. Im Lager Domiz ist MSF die wichtigste Gesundheitseinrichtung mit zwei Kliniken für 50'000 Menschen. Die Organisation ist auf Spenden angewiesen, umso mehr, als dass gerade das Flüchtlingslager Domiz im toten Winkel der internationalen Hilfe liegt: