Aktualisiert 21.08.2014 09:15

Trotz Ärztemangel

3000 Schweizerinnen warten auf Ärztejob

Wegen des Ärztemangels werden Ausländer angestellt. Dabei gibt es in der Schweiz tausende ausgebildete Ärztinnen, die wegen fehlender Teilzeitstellen ihren Beruf nicht ausüben.

von
D. Pomper
«Anstatt zu versuchen in der Schweiz ausgebildete Ärztinnen wieder ins Berufsleben zurückzuholen werden Ärzte aus dem Ausland angestellt. Das ist doch absurd», sagt VSAO-Sprecher Nico van der Heiden. Da bilde die Schweiz für Milliarden Ärztinnen aus und ein Teil von ihnen sitze dann zu Hause.

«Anstatt zu versuchen in der Schweiz ausgebildete Ärztinnen wieder ins Berufsleben zurückzuholen werden Ärzte aus dem Ausland angestellt. Das ist doch absurd», sagt VSAO-Sprecher Nico van der Heiden. Da bilde die Schweiz für Milliarden Ärztinnen aus und ein Teil von ihnen sitze dann zu Hause.

Nach der Matur die Zulassungsprüfung bestanden, nach sechs Jahren das Medizinstudium beendet, mit 32 den Facharzt absolviert: So verläuft eine traditionelle Ärzteausbildung, die den Steuerzahler rund eine halbe Million Franken kostet. Eine solche Karriere stellen sich wohl auch die vielen Frauen vor, wenn sie mit dem Studium beginnen. Inzwischen sind 61,2 Prozent aller Medizinstudenten, die ein Studium beginnen, weiblich.

Doch die Realität sieht oft anders aus. 20,7 Prozent aller Frauen mit den Abschlussjahrgängen 1998 bis 2000 hatten 10 bis 12 Jahre nach dem Diplomerwerb noch keinen Weiterbildungstitel (Facharzt) erworben. Das entspricht 1008 Frauen. Bei den Männern hingegen sind nur 13,6 Prozent ohne Facharzttitel. Das zeigt eine BAG-Studie aus dem Jahr 2011.

Ärztinnen verzichten auf Job oder Kinder

«Wir gehen davon aus, dass die meisten dieser Frauen nicht mehr als Ärztinnen arbeiten. Entweder sind sie als Hausfrauen tätig, oder sie arbeiten Teilzeit in einem anderen Beruf», sagt Nico van der Heiden, stellvertretender Geschäftsführer des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO. Er schätzt, dass aktuell 2000 bis 3000 Ärztinnen nicht ihren Beruf ausüben. Viele wechselten beispielsweise in die Pharmabranche, wo Teilzeitstellen eher verbreitet sind und eine Kinderbetreuung besteht.

«Die Teilzeitstellensituation ist so schlimm, dass ich Dutzende von Ärztinnen kenne, die entweder den Arztberuf komplett an den Nagel gehängt oder den Familienwunsch vollständig begraben haben», so ein Oberarzt eines Schweizer Universitätsspitals gegenüber 20 Minuten. Seine Frau, ebenfalls Ärztin, arbeite wegen fehlender Teilzeitstellen nicht in einem Spital. Wenn man mit Vorgesetzten über Teilzeit spreche, werde man schnell als «nicht interessiert» oder «nicht belastbar» abgestempelt. «Dabei sind doch gerade die, die Familie und Beruf kombinieren, viel belastbarer, weil sie zwei Rollen meistern müssen», so der Arzt.

Mit Ausländern gegen den Ärtzemangel

Tatsächlich gibt es für Ärze kaum Teilzeitstellen. Der durchschnittliche Anstellungsgrad beträgt über 90 Prozent. Laut VSAO-Sprecher van der Heiden besteht aber durchaus die Möglichkeit, Teilzeitstellen zwischen 40 und 80 Prozent für Ärzte zu schaffen. Doch: «Ältere Chefärzte vertreten teilweise immer noch die Meinung, dass man als Arzt mit dem Spital verheiratet sein müsse. Stellen unter hundert Prozent kommen für sie gar nicht in Frage.» Van der Heiden spricht von einem Generationen-Clash: «Für die älteren Ärzte gibt es nur den Beruf, die Jungen aber wünschen sich auch ein Leben neben dem Job.»

Gleichzeitig wird landesweit der Ärztemangel beklagt. «Doch anstatt zu versuchen, in der Schweiz ausgebildete Ärztinnen wieder ins Berufsleben zurückzuholen, werden Ärzte aus dem Ausland angestellt. Das ist doch absurd», sagt van der Heiden. Da bilde die Schweiz für Milliarden Ärztinnen aus und ein Teil von ihnen sitze dann zu Hause. In Schweizer Spitälern liegt der Anteil ausländischer Ärzte inzwischen bei 40 Prozent. 2012 waren 8000 Ärzte Ausländer.

Yvonne Gilli: «Jobsharing hat sich gelohnt»

Die grüne Nationalrätin, dreifache Mutter und Ärztin Yvonne Gilli hatte das Glück Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Als junge Ärztin teilte sie sich in den 90er-Jahren im Spital mit einer Arbeitskollegin eine hundert Prozentstelle. «Es war viel Engagement nötig und die Belastung war trotz Jobsharing hoch. Aber es hat sich gelohnt.»

Dass viele junge Medizinerinnen nicht ihren Beruf ausüben findet Gilli bedenklich: «Das eigene Potenzial sollte maximal genutzt werden.» Es brauche mehr Teilzeitstellen, die Möglichkeit die Ausbildung zum Facharzt in einem einzigen Kanton zu machen und ein Kinderbetreuungsangebot mit flexiblen Betreuungszeiten. Bei etwa zwei Drittel der Regionalspitäler gibt es nämlich keine Kindertagesstätte.

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