Aktualisiert 23.09.2013 15:07

Mindestlohn-Debatte

3100 Franken - der Lohn reicht kaum zum Leben

Tieflohnarbeit hat viele Gesichter. Eines davon ist das von Anna (29). Als Flugbegleiterin verdient sie monatlich 3100 Franken - klar weniger als von der Mindestlohn-Initiative gefordert.

von
J. Büchi
Anna will eine Familie - dafür reicht ihr Lohn als Flugbegleiterin aber nicht.

Anna will eine Familie - dafür reicht ihr Lohn als Flugbegleiterin aber nicht.

Anna* arbeitet auf ihrem Traumberuf. Und sie lebt am Existenzminimum. Die 29-Jährige ist Flugbegleiterin bei der Swiss. «Aus Leidenschaft», wie sie sagt. «Ich nehme es in Kauf, nur knapp über die Runden zu kommen.» Auf ihrem Lohnausweis stehen Ende Monat rund 3100 Franken, brutto sind es 3600. Leute wie sie haben die Initianten der Mindestlohn-Initiative im Blick (siehe Box).

Bei der Debatte um Tieflohnarbeit und Mindestlöhne werden zwar die wenigsten an Leute wie Anna denken. Die junge Frau hat das KV mit Berufsmatur gemacht, ein Hochschulstudium abgeschlossen und spricht zwei Fremdsprachen fliessend. Trotzdem muss sie im Alltag jeden Rappen zweimal umdrehen und beim Einkaufen Preise vergleichen. Muss sie mal zum Arzt, wird es eng. Gerade zieht sie in eine günstigere Wohnung, um wenigstens dort etwas Geld zu sparen.

Phänomen «Traumjob»

Dass sie nicht dem gängigen Klischee einer Tieflohnarbeiterin entspricht, merkt Anna immer wieder. «Oft hört man: Du kommst weit herum, erlebst viel, dafür musst du halt Lohneinbussen in Kauf nehmen.» Eine Einstellung, die die 29-Jährige nicht akzeptieren will. «Nur weil ich meinen Job gern mache, muss ich dafür ja nicht weniger verdienen.»

Genau das Phänomen «Traumjob» ist es aber, das gemäss der Gewerkschaft des Kabinenpersonals (kapers) für die tiefen Löhne verantwortlich ist. Obwohl die Anforderungen hoch seien - unter anderem Berufsabschluss oder Matura sowie Fremdsprachenkenntnisse - würden die Fluggesellschaften von Bewerbungen geradezu überflutet. «Bei der Swiss beispielsweise gehen teilweise über hundert Bewerbungen pro Monat ein», so Georg Zimmermann, der Geschäftsführer von kapers. Dasselbe Bild zeige sich auch in anderen attraktiven Branchen, wie etwa dem Journalismus. Die Einstiegslöhne seien in diesen Fällen teilweise extrem tief. «Der Markt spielt hier zu Ungunsten des Einzelnen. Es entsteht eine Schicht von Working Poors», kritisiert Zimmermann.

«Viele wohnen noch bei den Eltern»

Die Konsequenzen davon erlebt Anna am eigenen Leib: «Die Fluktuation ist sehr hoch. Jedes Jahr kommen viele Schulabgängerinnen, die den Job vielleicht für ein Jahr machen und danach ein Studium beginnen.» Für die Maturanden und Maturandinnen sei der tiefe Lohn oftmals in Ordnung. «Viele wohnen noch bei den Eltern - aber es kann ja wohl nicht sein, dass das eine Voraussetzung ist, um mit dem Lohn durchzukommen.»

Auch die Spesen, die das Kabinenpersonal bei Auslandaufenthalten zusätzlich erhält, sind für Anna kein Trost: Im Ausland müsse sie sich aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer oft in teuren Hotels verpflegen. «Und meine Wohnung oder die Krankenkasse muss ich zu Hause ja trotzdem bezahlen.» Die Spesen könnten somit nicht als Lohnbestandteil gerechnet werden.

«Das ist das Brutale»

Schon oft hat Anna erlebt, dass Arbeitskolleginnen ihren Job aus finanziellen Gründen an den Nagel gehängt haben. Die 29-Jährige befürchtet, dass auch sie eines Tages nicht mehr darum herumkommen wird. Sie wolle noch möglichst lange fliegen, sagt sie. «Aber ich will irgendwann eine Familie gründen.» Spätestens dann werde es fast unmöglich, mit dem Lohn durchzukommen. «Du kannst es dir nicht mehr leisten zu arbeiten - das ist das Brutale.» Mit den 4000 Franken, die die Mindestlohn-Initiative vorsieht, wäre es schon wesentlich einfacher, den Lebensunterhalt zu bestreiten, ist Anna überzeugt.

Dass sich «Lohnarbeit wieder lohnt», dafür setzt sich auch die Gewerkschaft kapers ein. Sie kämpft an vorderster Front für die Mindestlohn-Initiative des Gewerkschaftsbunds. Der Markt könne das Problem der Tieflöhne nicht lösen, deshalb müsse es auf einer anderen Ebene angegangen werden, ist Geschäftsführer Zimmermann überzeugt. «Mit einem Mindestlohn könnte man die untersten Lohnsegmente anheben und das betroffene Personal gesetzlich schützen.»

«Mit dem Anwaltspatent an die Migroskasse»

Bei der Swiss heisst es, die Einstiegssaläre richteten sich nach den Branchenstandards. Die Saläre des Swiss-Kabinenpersonals seien im europaweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch. Eine Annahme der Mindestlohn-Initiative würde für die Swiss eine Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt bedeuten, warnt Sprecherin Susanne Mühlemann. «Das kann letztlich auch nicht im Sinne der Arbeitnehmenden sein.»

Auch die Gegner der Mindestlohn-Initiative lassen das Beispiel der Tieflohnarbeiterin Anna nicht gelten. Wer mit einem abgeschlossenen Studium als Flugbegleiterin arbeite, sei selber schuld. «Ich setze mich auch nicht mit einem Anwaltspatent an die Migroskasse.» Ein nationaler Mindestlohn sei als «massiver Eingriff in die schweizerischen Lohnstrukturen» klar abzulehnen, so die Position des Arbeitgeberverbands. Bei einer Annahme der Initiative drohe gar eine Auslagerung von Stellen ins Ausland.

*Name von der Redaktion geändert

Mindestlohn-Initiative in Herbstsession im Ständerat

Die Volksinitiative «Für den Schutz fairer Löhne» (Mindestlohn-Initiative) des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds SGB ist im März 2012 zustandegekommen. Am Dienstag behandelt der Ständerat das Geschäft. Danach ist der Nationalrat am Zug, bevor schliesslich das Volk darüber befinden kann.

Die Initiative verlangt einen gesetzlichen Mindestlohn von 4000 Franken pro Monat. Zudem sollen Bund und Kantone verpflichtet werden, Mindestlöhne in Gesamtarbeitsverträgen zu fördern. Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung, da sie den bewährten Lohnfestsetzungsmechanismus in Frage stelle.

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