Pro Jahr: 33'000 Tote wegen resistenter Bakterien
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Pro Jahr33'000 Tote wegen resistenter Bakterien

Bakterien werden zunehmend immun gegen Antibiotika. Die Folgen sind laut einer Studie so schlimm wie die von Grippe, Tuberkulose und HIV zusammen.

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In Europa sterben jedes Jahr etwa 33'000 Menschen aufgrund einer Infektion mit resistenten Bakterien. Zu diesem Schluss kommen Forscher des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

In Europa sterben jedes Jahr etwa 33'000 Menschen aufgrund einer Infektion mit resistenten Bakterien. Zu diesem Schluss kommen Forscher des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

Flickr.com/Uwe Brodrecht/CC BY-SA 2.0
Viele Erkrankungen mit antibiotikaresistenten Keimen wurden in Spitälern und anderen Einrichtungen des Gesundheitssystems festgestellt. Wie die Keime in die Spitäler kommen und wie sie sich dort ausbreiten, hatten US-Forscher bereits vor einiger Zeit untersucht. Die Analyse wurde im neu eröffneten Center for Care and Discovery der Universität Chicago durchgeführt.

Viele Erkrankungen mit antibiotikaresistenten Keimen wurden in Spitälern und anderen Einrichtungen des Gesundheitssystems festgestellt. Wie die Keime in die Spitäler kommen und wie sie sich dort ausbreiten, hatten US-Forscher bereits vor einiger Zeit untersucht. Die Analyse wurde im neu eröffneten Center for Care and Discovery der Universität Chicago durchgeführt.

Center for Care and Discovery
Dort fanden die Forscher ideale Bedingungen für ihre Arbeit vor: Sie konnten schon zwei Monate vor Aufnahme des Spitalbetriebs mit ihren Untersuchungen beginnen. Insgesamt nahmen sie während  zwölf Monaten mehr als 10'000 Proben.

Dort fanden die Forscher ideale Bedingungen für ihre Arbeit vor: Sie konnten schon zwei Monate vor Aufnahme des Spitalbetriebs mit ihren Untersuchungen beginnen. Insgesamt nahmen sie während zwölf Monaten mehr als 10'000 Proben.

Center for Care and Discovery

Etwa 33'000 Menschen sterben europaweit jährlich infolge von Antibiotika-Resistenzen. Gegen die Bakterien, mit denen sie infiziert sind, gibt es kein wirksames Antibiotikum mehr.

Die Zahl solcher Todesfälle steige seit 2007, zwischen einzelnen Ländern gebe es teils erhebliche Unterschiede, berichtet eine internationale Forschergruppe im Fachblatt «The Lancet Infectious Diseases». Sie beziehen sich auf Daten eines europäischen Netzwerks zur Beobachtung antimikrobieller Resistenzen (EARS-Net, siehe Box).

Bei Patienten, die sich mit resistenten Keimen infizieren, schlagen die entsprechenden Antibiotika nicht an. Teils werden noch wirksame Antibiotika auch zu spät verabreicht, weil die Resistenzen nicht frühzeitig genug erkannt werden. Auch an sich harmlose Infektionen können dann schwer, schlimmstenfalls tödlich verlaufen.

Auch Reserveantibiotika versagen

Laut der Studie traten im Jahr 2015 knapp 672'000 Infektionen mit den untersuchten Bakterien auf, 33'110 Menschen starben daran. Etwa drei Viertel der Erkrankungen mit antibiotikaresistenten Keimen wurden in Spitälern und anderen Einrichtungen des Gesundheitssystems festgestellt, wie die Forscher berichten. In 39 Prozent der betrachteten Fälle seien die Patienten mit einem Keim infiziert gewesen, gegen den auch Reserveantibiotika nichts mehr ausrichten können. Die Behandlung einer Infektion ist dann nur noch sehr schwer, teils gar nicht mehr möglich.

«Die Zahlen entsprechen etwa dem, was wir erwartet haben», sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité. «Die Forscher haben das solide und sorgfältig berechnet, aber grundsätzlich sind solche Modellierungen natürlich mit einigen Unwägbarkeiten behaftet.» So seien die Meldesysteme für auftretende Resistenzen in einzelnen Ländern unterschiedlich repräsentativ, auch die Studiendaten variierten in Qualität und Verfügbarkeit.

Gehäuft in Griechenland und Italien

Grundsätzlich ist die Situation in den skandinavischen Ländern besser, in den Ländern Süd- und Südosteuropas eher problematisch, wie die Analyse belegte. Besonders viele Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern gibt es demnach in Griechenland und Italien.

Grundsätzlich seien alle Altersgruppen von Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen betroffen, schreiben die Forscher in dem Fachmagazin weiter. Besonders häufig seien sie aber bei Kleinkindern unter einem Jahr sowie bei älteren Menschen über 65 Jahren.

Gemeinsame Anstrengungen nötig

Um die Situation zu verbessern, seien gemeinsame Anstrengungen nötig. Antibiotika sollten nur dann verschrieben und eingenommen werden, wenn sie wirklich nötig sind. Zudem müssten bestehende Hygienevorschriften, vor allem in Spitälern, eingehalten werden. Schliesslich brauche es mehr Forschung, um neue antibiotisch wirkende Substanzen zu entwickeln.

Auch die Schweiz kämpft gegen die multiresistenten Keime im Zuge der Nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen. So wird das Bundesamt für Umwelt am kommenden Freitag über den Stand der Umsetzung und die Lancierung einer Bevölkerungskampagne informieren. (fee/20 Minuten)

Das wurde untersucht

Das Team um Alessandro Cassini von der EU-Gesundheitsbehörde ECDC in Solna (Schweden) hatte Angaben aus 30 Ländern der Europäischen Union und des europäischen Wirtschaftsraumes ausgewertet. Die Schweiz wurde dabei nicht einbezogen.

Die Forscher konzentrierten sich dabei auf acht verschiedene Bakterienarten, die Resistenzen gegen einzelne oder Kombinationen von Antibiotika aufweisen. Diese verursachen etwa Harn- und Atemwegsinfekte, Infektionen der Blutbahn und an Operationswunden.

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