Einfalt statt Vielfalt: 34 000 Arten stehen vor dem Aussterben
Aktualisiert

Einfalt statt Vielfalt34 000 Arten stehen vor dem Aussterben

2010 ist das Internationale Jahr der Biodiversität. Der sperrige Begriff meint etwas Grundlegendes: Leben ist Vielfalt; Vielfalt an Genen, Arten und Lebensräumen. Doch der Mensch schafft Einfalt: Noch immer wird allein in der Schweiz jede Sekunde fast ein Quadratmeter Kulturland zubetoniert.

von
Daniel Huber
Auch sie zählen zu den 34 000 vom Aussterben bedrohten Arten: Meeresschildkröten. (Bild: Keystone)

Auch sie zählen zu den 34 000 vom Aussterben bedrohten Arten: Meeresschildkröten. (Bild: Keystone)

«Biodiversität ist Leben» lautet die Devise des Internationalen Jahres der Biodiversität. Zu Recht: Biodiversität ist die wichtigste Grundlage unseres Lebens; ihre Abnahme bedoht letztlich unsere Existenz. Am augenfälligsten zeigt sich die Biodiversität in der Vielfalt der Arten: Zwischen drei und hundert Millionen Arten — so weit auseinander gehen die Schätzungen — dürften zusammen mit uns diesen Planeten bewohnen; bisher sind erst etwa 1,6 Millionen davon bekannt. Nur schon in der Schweiz gibt es 49 000 bekannte Arten. Geschätzt wird ihre Gesamtzahl sogar auf 70 000.

Doch die Artenvielfalt ist nur eine Facette der Biodiversität: Der Vielfalt der Arten entspricht auf einer anderen Ebene die Vielfalt der Gene. Kleine Abweichungen in der Erbsubstanz unterscheiden jedes Lebewesen von seinen Artgenossen. Verändert sich nun die Umwelt, beispielsweise durch die Klimaerwärmung, so stellt die Breite der genetischen Vielfalt eine Art Versicherung für das Überleben der Art dar. Denn je vielfältiger die genetischen Vatrianten sind, desto eher finden sich darunter solche, die mit den erschwerten Lebensbedingungen zurechtkommen.

Wieder auf einer anderen Ebene meint Biodiversität die Vielfalt der Lebensräume. Die Schweiz mit ihren vielfältigen Landschaften verfügt über eine grosse Fülle verschiedenster Ökosysteme oder Biotope, die von den ökologischen Wechselwirkungen der darin lebenden Organismen untereinander und mit ihrer Umwelt geprägt sind.

Bedrohung auf allen Ebenen

Alle drei Ebenen der Biodiversivität sind bedroht. Die Biotopvielfalt wird durch die Desertifikation, also die Ausbreitung der Wüsten, durch die Umweltverschmutzung und durch den Flächenverbrauch der Menschen eingeschränkt. So verschwanden allein in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts jeden Tag elf Hektare Kulturland; knapp 1,3 Quadratmeter pro Sekunde. Mittlerweile hat sich diese Tendenz leicht abgeschwächt, doch nach wie vor wird jede Sekunde 0,8 Quadratmeter Kulturland zubetoniert. Zudem haben die Trockenwiesen und –weiden seit den Siebzigerjahren 30-40% ihrer Fläche eingebüsst. Auf den Zeitraum von 1900 bis 2010 bezogen sind es gar 90%.

Mit dem Artensterben ist auch die Vielfalt der Arten bedroht. Laut Schätzungen des WWF stehen derzeit rund 34 000 Arten vor dem Aussterben. Zwischen 1970 und 2005 soll die Artenvielfalt auf der Erde gemäss dem «Living Planet Index» des WWF um 27 Prozent abgenommen haben. 12% der Vogelarten, 20% der Säugetierarten und 29% der Amphibien gelten derzeit als bedroht. In der Schweiz stehen ein Drittel der Pflanzen-, Tier- und Pilzarten, für die der Gefährdungszustand beurteilt werden konnte, als gefährdet auf den Roten Listen. Reptilien (79%) und Amphibien (70%) sind dabei besonders stark bedroht.

«Biodiversität sichert unseren Wohlstand»

Die genetische Vielfalt hat insbesondere bei den vom Menschen gezüchteten Nutztierrassen und Nutzpflanzen enorm abgenommen. Besonders eindrücklich ist dieser Verlust beim Reis: Zwar sind nicht weniger als etwa 5000 Reissorten bekannt, aber drei Viertel der weltweit angebauten Reispflanzen bestehen aus einer einzigen Sorte. Auf Sri Lanka wurden 1959 noch 2000 verschiedene Reissorten angebaut — 2002 waren es nur noch fünf. In Indonesien sollen in den letzten 20 Jahren rund 1500 an lokale Gegebenheiten angepasste Reissorten ausgestorben sein.

Konferenz soll Artensterben stoppen

Monokulturen — und dies gilt nicht nur für Reis — benötigen jedoch aufwändigen Schutz vor Schädlingen und sind viel anfälliger für Krankheiten. Wie gefährlich genetische Armut ist, zeigte sich besonders drastisch in den Siebzigerjahren, als eine Viruserkrankung ein Viertel der asiatischen Reisproduktion vernichtete. Spätestens hier ist dann auch der Geldbeutel betroffen: Neben dem nicht bezifferbaren ästhetischen Wert der Biodiversität ist nämlich ihr wirtschaftlicher Wert nicht zu vernachlässigen. Schätzungen zufolge beläuft er sich weltweit auf 16 bis 54 Billionen Dollar.

Das weiss auch Umweltminister Moritz Leuenberger: «Die Biodiversität sichert unseren Wohlstand», sagte er am 12. Januar in Bern zum Auftakt des Internationalen Jahres der Biodiversität.

Internationale Biodiversitätskonvention

Am Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro wurde die Internationale Biodiversitätskonvention beschlossen. In der Schweiz ist sie seit 1995 in Kraft. 2002 in Johannesburg verpflichteten sich die Staatschefs, den Verlust an Landschaften, Arten und genetischer Vielfalt weltweit signifikant zu verringern. Die europäischen Staaten vereinbarten darüber hinaus, diesen Verlust zu stoppen.

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