Zwangsarbeit: 38 Sklaven schuften für mich

Aktualisiert

Zwangsarbeit38 Sklaven schuften für mich

Mindestens 21 Millionen Menschen arbeiten weltweit unter Zwang und ohne Bezahlung. Eine Internetseite berechnet den «Sklaven-Fussabdruck». Unser Wirtschaftsredaktor hat den Test gemacht.

von
Dino Nodari
Die 7-jährige Thaminah Sadiq bei der Arbeit in einer Ziegelsteinfabrik in Pakistan.

Die 7-jährige Thaminah Sadiq bei der Arbeit in einer Ziegelsteinfabrik in Pakistan.

Ich bin ein übler Sklaventreiber. Das muss ich mir jetzt eingestehen. Noch vor wenigen Minuten hätte ich so einen Satz nicht geschrieben. Nein, ich bin nicht naiv und weiss, dass unser Lebensstil auch auf Kosten von Menschen in der Dritten Welt geführt wird. Und ich habe mich damit abgefunden, dass mein CO2-Fussabdruck durchaus verbesserungswürdig ist. Dass aber bis zu 38 Sklaven ausgebeutet werden, damit ich mein Leben so führen kann, wie ich es gewohnt bin, erschüttert mich dann doch. Sklaverei? Das gibt es doch nicht mehr.

Aufgeklärt werde ich von Slaveryfootprint. Die Webseite wird von der Non-Profit-Organisation Fair Trade Fund aus Kalifornien betrieben und vom US-Aussenministerium finanziell unterstützt. Gemäss der Seite werden Sklaven als Menschen definiert, die gezwungen sind zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden und denen es nicht möglich ist, etwas an dieser Situation zu ändern.

21 Millionen Sklaven weltweit

Die Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery-International geht von mindestens 21 Millionen Menschen aus, die heute als Sklaven bezeichnet werden können. Und 38 davon sollen also für mich arbeiten. Natürlich arbeiten diese Sklaven nicht bei jenen Unternehmen, bei denen ich mein Essen, meine Kleidung oder meine Gadgets kaufe. Die ausgebeuteten Menschen schuften indes bei der Gewinnung von Rohstoffen auf Baumwollfeldern oder Koltan-Minen, werde ich aufgeklärt.

Die Auswertung meines Sklavenbestands funktioniert ähnlich wie der bekannte CO2-Fussabdruck. Elf Fragen zu Wohnsituation, Essen, Kleidung und Gadgets müssen beantwortet werden. Zum Teil können die Antworten mit Detailangaben verfeinert werden. Elf wahrheitsgetreue Antworten und etwa 15 Minuten später kommt die erschütternde Antwort: 38 Sklaven beute ich persönlich aus. Das sitzt. Was hatte ich eigentlich erwartet?

Eine Weltkarte zeigt mir, wo die Sklaven für mich arbeiten. In Usbekistan sind es Kinder, die auf Baumwollfeldern schuften, im Kongo werden Menschen in Kobalt- oder Koltan-Minen zur Arbeit gezwungen und in Indien nötige ich mit meinem Lebensstil Menschen zur Arbeit in Stickerei-Fabriken.

Wirkung nicht verfehlt

Nein, ich kann nicht ausschliessen, dass ich keine Baumwolle aus Usbekistan trage, in meinem Smartphone kein Koltan aus dem Kongo drin ist und die Stickereien auf meinen Shirts nicht in Indien hergestellt wurden. Dennoch - ich bin mir sicher: Der Test ist nicht genau, beleuchtet meine Situation nicht angemessen. Diese Gedanken schiessen mir durch den Kopf. Meine Reaktion zeigt auch, dass die Seite ihre Wirkung nicht verfehlt: Das schlechte Gewissen ist garantiert.

Den Machern von Slaveryfootprint geht es jedoch nicht um das schlechte Gewissen oder um Reue. Nach der Auswertung können die Ergebnisse veröffentlicht werden und es gibt die Möglichkeit, Unternehmen eine Nachricht zu schicken, sie sollen ihre Zuliefererketten untersuchen. Die Aktion will zeigen, dass es einen Markt für Güter gibt, die ohne die Arbeit von Sklaven auskommt.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) geht davon aus, dass weltweit allein 150 Millionen Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren arbeiten. Viele von ihnen schuften unter gefährlichen Bedingungen in Minen, mit Chemikalien oder gefährlichen Maschinen. Am stärksten von Kinderarbeit betroffen sind Regionen in Afrika südlich der Sahara. UNICEF geht davon aus, dass 34 Prozent der Kinder in dieser Region arbeiten müssen.

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