Funkausstellung: 3D-TV ohne Fernseher oder Brille
Aktualisiert

Funkausstellung3D-TV ohne Fernseher oder Brille

Auf der IFA ist 3D der wichtigste Trend. 20 Minuten Online zeigt, wo es hapert, wirft einen Blick in die Zukunft und zeigt die besten Gadgets.

von
Henning Steier
Berlin

Das Jubiläum wird in einer neuen Dimension begangen: Wenn die Internationale Funkausstellung (IFA) morgen in Berlin fürs allgemeine Publikum geöffnet wird, steht das Thema 3D im Mittelpunkt. «Bei TV-Geräten geht der Trend klar in Richtung 3D», sagt IFA-Chef Jens Heithecker, «weil ein Fernseher für viele Jahre gekauft wird, fragen die Konsumenten beim TV-Kauf in Zukunft nach 3D-Fähigkeit.» Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) wollen sich 41 Prozent der in Deutschland Befragten in den nächsten drei Jahren einen 3D-fähigen Fernseher kaufen. Vergleichbare Prognosen für die Schweiz sucht man bislang vergebens.

Weltweit sollen 2010 etwa 3,4 Millionen 3D-fähige Geräte verkauft werden. Dies prognostizierten die Marktforscher von Display Search Ende Juli. Dabei habe es zum Beispiel in den USA im ersten Halbjahr nur zwei Modelle von Panasonic und Samsung gegeben, sagte Analyst Paul Gagnon unlängst im kalifornischen Santa Clara bei der Vorstellung der Studie. 2014 soll der Absatz bereits 42,9 Millionen erreichen. Der Anteil der 3D-Geräte unter den Flachbildfernsehern soll von heute fünf auf 37 Prozent wachsen. Laut Prognose der Marktforscher wird es vorerst auch weiterhin nur ein bescheidendes Angebot an 3D-Fernsehfilmen geben - von einigen Sportübertragungen abgesehen. In diesem Jahr sei nicht damit zu rechnen, dass Blockbuster wie der Kinofilm «Avatar» in 3D im TV ausgestrahlt werden. Ein weiteres Hindernis für den schnellen Durchbruch von 3D-Geräten sei die vergleichsweise geringe Verbreitung von Blu-ray-Playern. Ausserdem benötigt man spezielle Brillen, die durchschnittlich 200 Franken kosten.

Wedge: 3D-TV ohne Brille - Teil 1

Auf den Blickwinkel kommt es an

Seit Herbst 2009 bietet das Lausanner Unternehmen nvp3D mit seinem FreeD Multimedia-Player ein Gerät an, dank dem sich 3D-Filme ohne Brille anschauen lassen. Zum Weihnachtsgeschäft wird Nintendo den 3DS in die Läden bringen: Der Handheld kommt mit zwei Displays, von denen eines 3D-fähig ist, ohne dass man eine Brille benötigt. Nicht nur das Problem dieser beiden Geräte: Man muss in einem bestimmten Betrachtungswinkel vor dem Bildschirm sitzen, um den Effekt wahrnehmen zu können. Eine Lösung für dieses Problem wollen Forscher des deutschen Fraunhofer Heinrich Hertz Instituts (HHI) in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen. Sie zeigen ihr Display namens Free2C_digital. Grob verkürzt, erkennt eine Kamera den Kopf des Zuschauers und die Position der Augen, so dass der Bildschirm die 3D-Darstellung automatisch anpasst. Die so genannten Autostereoskopie, das 3D-Schauen ohne Brille, soll auch im Multiview Mode, also für mehrere Zuschauer funktionieren. Die Forscher präsentieren auf der IFA ein Display, das mehrere Ansichten einer Szene zeigen kann. Dazu sind mehrere Kameras in den Bildschirm integriert worden, welche die Augen der Zuschauer verfolgen, so dass der jeweilige Blickwinkel analysiert werden kann.

Wedge: 3D-TV ohne Brille - Teil 2

Unlängst war bekannt geworden, dass Toshiba planen soll, erste 3D-Fernseher, für die man keine Brille benötigt, noch in diesem Jahr auf den Markt zu bringen. Auch Konkurrent Sony soll an entsprechenden Geräten arbeiten. Der Hersteller Carl Zeiss ist schon einen Schritt weiter und zeigt auf der IFA eine Weiterentwicklung seiner Videobrille: den Prototypen der cinemizer OLED, der als Display fungiert und mehrdimensionale Inhalte abspielen kann. Noch stärker experimentell ist eine Technologie namens i³Space, die von Forschern des japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology entwickelt wurde. Dank Sensoren an den Fingern kann man mehrdimensionale Objekte im Raum anstossen oder verformen. Wann das Ganze marktreif sein wird, ist noch nicht bekannt. Interessant wäre es unter anderem für Präsentationen oder Games.

Bewegungen der Hand als Befehle verstehen

Anfang Juli war publik geworden, dass Microsofts Applied Sciences Group an eine Technologie arbeitet, dank der man ohne Spezialbrille mehrdimensionale Inhalte schauen können soll, wie in den beiden obigen Videos zu sehen ist. Der Ansatz basiert auf dem Forschungsprojekt Wedge: Ein Display erkennt Bewegungen der Hand und kann sie als Befehle verstehen. Die Wissenschaftler stellen dazu eine Webcam hinter einen durchsichtigen Monitor. Sie zeichnet die Gesten auf. Eine Software errechnet dann die Position der Nutzer im Raum. Darauf basierend könnte das Display nun verschiedene Bilder darstellen, so dass jeder Zuschauer anders positionierte sieht. Dadurch könnte man einen stereoskopischen 3D-Effekt erzeugen, ohne eine polarisierte oder LC-Shutter-Brille zu benötigen. Das Ganze erinnert an die ab Herbst erhältliche Gestensteuerung Kinect für die Xbox 360.

Wesentlicher Wachstumstreiber für den 3D-Markt dürften Fernseher sein. Denn mindestens ein TV-Gerät ist in den meisten Haushalten zu finden. Allerdings befindet sich die Branche in einem Dilemma: Kunden lassen sich erst überzeugen, in solche Geräte zu investieren, wenn es zahlreiche Inhalte gibt. Sender werden erst 3D-Kanäle starten, wenn entsprechende Fernseher in ausreichender Stückzahl verkauft wurden. Hinzu kommt, dass man beispielsweise bei der Filmproduktion nicht einfach die 2D- durch 3D-Kameras ersetzen kann. Auch die entsprechenden Rechner müssen in der Regel ausgetauscht werden, da das Schneiden und Bearbeiten von 3D-Material leistungsfähigere Computer voraussetzt. Ausserdem werden für die Produktion Stereographer benötigt, die für jede Szene Winkel und Abstände der Kameras kontrollieren müssen. Computer können dies bislang noch nicht übernehmen.

Erste Flops seit «Avatar»

Was bei der Fussball-WM in Südafrika wieder einmal deutlich wurde: Sendungen lassen sich nicht gleichzeitig in 2D und 3D produzieren. Denn 3D-Kameras nehmen das Geschehen auf dem Rasen aus flacherer Perspektive auf. Daher kann man auch nicht einfach aus einer 3D-Produktion eine in 2D erstellen. Ausserdem müssen 3D-Inhalte mit weniger Schnitten auskommen, weil sonst Zuschauern schlecht werden könnte. All dies treibt die Kosten für 3D-Inhalte momentan stark in die Höhe. Dass James Camerons 237 Millionen Dollar teures 3D-Epos «Avatar» zum erfolgreichsten Film aller Zeiten wurde, liess die Branche hoffen. Doch unlängst floppten gleich zwei 3D-Filme: »Cats & Dogs - die Rache der Kitty Kahlohr« soll bisher nicht einmal die Hälfte seiner rund 85 Millionen Dollar an Produktionskosten eingespielt haben. Und ein US-Tanzfilm namens »Step Up 3D« blieb ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. «Ist der Reiz des Neuen nämlich erst einmal irgendwann verflogen, verstaubt die 3D-Brille ungenutzt auf dem Couchtisch», kommentierte der Technologie-Blog theinquirer.de kürzlich seine entsprechende Meldung.

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