Umstrittene Investition in Grenchen: 4 Millionen für ein Stadion mit 200 Zuschauern
Aktualisiert

Umstrittene Investition in Grenchen4 Millionen für ein Stadion mit 200 Zuschauern

Die Stadt Grenchen plant, für ihr in die Jahre gekommenes Stadion 4,2 Millionen Franken zu investieren. Dabei geht kaum jemand an die Spiele. Nun regt sich politischer Widerstand.

von
sul
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Tribüne des Anstosses: Die einen würden sie gern abreissen, andere sehen in ihr ein wichtiges Grenchner Identifikationsobjekt.

Tribüne des Anstosses: Die einen würden sie gern abreissen, andere sehen in ihr ein wichtiges Grenchner Identifikationsobjekt.

Keystone/Gaetan Bally
4,2 Millionen Franken muss die Stadt in den kommenden Jahren für Sanierungsarbeiten im Stadion investieren.

4,2 Millionen Franken muss die Stadt in den kommenden Jahren für Sanierungsarbeiten im Stadion investieren.

Keystone/Peter Klaunzer
In Anbetracht der Zuschauerzahlen bei den Heimspielen (etwa 200) ist das nicht gerade wenig.

In Anbetracht der Zuschauerzahlen bei den Heimspielen (etwa 200) ist das nicht gerade wenig.

Keystone/Peter Klaunzer

Der FC Grenchen war im Schweizer Fussball einmal eine grosse Nummer. 1959 holte das Team den Cupsieg, 1964 immerhin den Vizemeistertitel. Bis 1995 gehörten die Grenchner immer den zwei höchsten Spielklassen an.

An die ruhmreichen Tage erinnert heute nur noch das 15'000 Zuschauer fassende Stadion Brühl. Auf die Tribüne mit ihrem auffälligen Betonfaltdach sind die Grenchner besonders stolz. Unter anderem für ihren sorgsamen Umgang mit dem architektonischen Bijou erhielt die Stadt 2008 den Wakkerpreis.

Während das Stadion zu den Glanzzeiten rappelvoll war, kommen heute kaum mehr als 200 Zuschauer an die Heimspiele in der 2. Liga inter. Auch der traditionsreiche Uhrencup wurde in den letzten beiden Jahren nicht mehr in Grenchen ausgetragen.

«Können wir uns ein solches Museum leisten?»

Doch auch ein Stadion mit magerer Auslastung hat früher oder später Sanierungsbedarf – und der ist in diesem Fall nicht zu knapp: 4,2 Millionen Franken plant die Stadt in den kommenden Jahren für Renovationsarbeiten zu investieren, wie das SRF-«Regionaljournal» berichtet.

Dagegen regt sich unter Politikern nun Widerstand. «Es stellt sich die Frage, ob wir uns noch ein solches Museum leisten können oder ob wir nicht lieber ein Fussballstadion wollen, das den heutigen Gegebenheiten dienlich ist», sagte FDP-Fraktionschef Robert Gerber an der Gemeinderatssitzung am Dienstag.

Gerber stellte daher den Antrag, dass die städtische Bauverwaltung dem Gemeinderat eine Gesamtschau vorlegt. «Es geht darum, aufzuzeigen, ob wirklich so viel Geld ins Stadion gesteckt werden muss oder ob es da nicht sinnvollere Möglichkeiten gibt», so Gerber zu 20 Minuten. Sein Antrag wurde angenommen.

Fitnessraum oder Treffpunkt für Jugendliche

Zugestimmt hat ihm auch Nicole Hirt (GLP). Ihr Vater spielte zu Nati-A-Zeiten für Grenchen, weshalb ihr der Fussball «nach wie vor am Herzen» liege. Hirt stört sich aber insbesondere an der Tribüne mit ihren über 2000 Sitzplätzen, die – wie auch die 13'000 Stehplätze – an den Fussballspielen weitgehend leer bleiben. «Man könnte die Tribüne auch abreissen und durch etwas Funktionaleres ersetzen», sagt Hirt.

Wenn die Stadt schon einen solch hohen Betrag investiere, dann solle die Infrastruktur möglichst allen zugute kommen. Die Gemeinde- und Kantonsrätin kann sich etwa einen Fitnessraum oder einen Treffpunkt für Jugendliche vorstellen. Wichtig sei nun, dass für den Betrag von 4,2 Millionen Franken verschiedene Varianten für die Zukunft der Anlage präsentiert würden.

«Bedeutsame und beispiellose Baute»

Nicht alle wären allerdings über einen Abriss der Haupttribüne glücklich. «Es handelt sich um eine bedeutsame und in der Schweiz beispiellose Baute», sagt SP-Gemeinderat Daniel Hafner. Als junge, moderne Industriestadt weise Grenchen wenige solcher Identifikationsobjekte auf. «Für die Geschichte der Stadt ist es deshalb wichtig, die Tribüne zu sanieren und zu erhalten.»

Auch in sportlicher Hinsicht wäre ein Abriss kurzsichtig, mahnt Hafner. So hätten in den letzten Jahren immer wieder Schweizer Auswahlmannschaften Spiele in Grenchen ausgetragen. Zudem sei nicht ausgeschlossen, dass der Uhrencup wieder nach Grenchen zurückkehre. «Es ist keineswegs so, dass der FC Grenchen allein die Location nutzt», bilanziert er.

Stadtpräsident geht von Volksabstimmung aus

Stadtpräsident François Scheidegger (FDP) spricht im Zusammenhang mit dem Stadion einerseits von einer «völlig überdimensionierten Infrastruktur», andererseits lasse sich seine architektonische Bedeutung nicht wegdiskutieren. Persönlich sei er der Meinung, dass die Investition tragbar sei und der Bau erhalten bleiben solle. «Für mich war ein Abriss nie ein Thema – und ich glaube auch nicht, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung dafür vorhanden wäre», sagt Scheidegger. Er gehe ohnehin davon aus, dass das Stimmvolk dereinst über die Zukunft des Brühl entscheidet.

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