Aktualisiert 27.01.2011 12:23

Kloster Einsiedeln40 Kinder von Mönchen missbraucht

Der schlimme Verdacht hat sich erhärtet: 15 Mönche des Klosters Einsiedeln haben in den vergangenen Jahrzehnten Minderjährige sexuell missbraucht.

Hinter diesen Mauern wurden Kinder sexuell missbraucht: das Kloster Einsiedeln.

Hinter diesen Mauern wurden Kinder sexuell missbraucht: das Kloster Einsiedeln.

Im Kloster Einsiedeln und den ihm angeschlossenen Institutionen haben sich in den letzten 65 Jahren 15 Mönche eines sexuellen Übergriffes schuldig gemacht. Die Zahl der Opfer dürfte sich auf mindestens 40 belaufen.

Zu diesem Schluss kam die unabhängige Untersuchungskommission, die im Auftrag von Abt Martin Werlen seit dem letzten Frühjahr die Verdachtsfälle aufgearbeitet hat. Neun Mönche vergingen sich an Minderjährigen. Der grösste Teil dieser Übergriffe entfällt auf die 60er- und 70er-Jahre und geht zu Lasten von drei Benediktinern.

Der Leiter der Untersuchungskommission, der ehemalige Zürcher Sonderstaatsanwalt Pius Schmid, sagte, sein Gremium habe sich nicht auf das Kloster in Einsiedeln beschränkt, sondern auch die von ihm betreuten Schulen, Pfarreien und Institutionen im In- und Ausland untersucht.

Die Kommission ging sowohl Hinweisen aus dem Kloster wie auch von Opfern nach, führte Befragungen durch und sichtete Protokolle. Untersucht wurde auch, wie die Klosterleitung jeweils mit Verdachtsfällen umgegangen ist. Alle untersuchten Fälle sind verjährt.

Von den drei Mönchen, die eine grössere Zahl Schüler unsittlich berührten, wurden zwei versetzt, nachdem ihre Verfehlungen bekannt wurden. Beim dritten Mönch kamen die Übergriffe erst im Rahmen der Untersuchungen ans Licht.

Die meisten Übergriffe auf Minderjährige ereigneten sich in den 60er- und 70er-Jahren, die schwersten gehen aber auf die Jahrzehnte zuvor zurück. So wurde etwa ein 14-jähriger Angestellter von einem Mönch ausgezogen. Der Täter konnte von der Kommission nicht ausfindig gemacht werden.

Keine Strafanzeigen

Die Kommission attestiert der Klosterleitung, dass sie jeweils auf die ihr bekannt gewordenen Vorfälle mit Versetzungen, Suspensionen oder Entlassungen reagiert hat. Auf Strafanzeigen wurde aber, wie damals üblich, verzichtet. Sechs Mal machte ein Opfer eine Anzeige.

1998 erliess das Kloster Richtlinien, wie mit sexuellen Übergriffen umzugehen ist. Eine Anlaufstelle wurde eingerichtet. Seither wurde nur noch ein Fall bekannt. Dieser Übergriff auf einen Minderjährigen wurde von einem dementen strafunfähigen Mönch begangen.

Die Kommission rät dem Kloster, künftig die Mönche, die in die externe Seelsorge entlassen werden, gezielt auf das Problem der sexuellen Übergriffe vorzubereiten. Auch sollte nicht auf Strafanzeigen verzichtet werden.

Abt: «Kein Tabu mehr»

Werlen zeigte sich über die grosse Zahl der Fälle erschreckt. Er bedauerte das Vorgefallene und bat die Opfer um Verzeihung. Die Klostergemeinschaft habe sich in den letzten Monaten gezielt mit der Problematik auseinandergesetzt.

Sexuelle Übergriffe zur Sprache zu bringen, sei kein Tabu mehr, sagte der Abt. Opfer würden in der Klostergemeinschaft ein offenes Ohr finden.

Die Aufarbeitung sei weder eine «Pflichtübung» noch eine «Abrechnung» gewesen, sagte Werlen. Die Klostergemeinschaft müsse Verwantwortung übernehmen, wenn sie ihrer Berufung treu bleiben und ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wolle. Aus diesem Grund würden nun die 1998 geschaffenen Richtlinien überarbeitet.

Die katholische Kirche war 2010 von einer Welle von Verdächtigungen erfasst worden, sexuelle Übergriffe von Priestern zu decken. Die Schweizerische Bischofskonferenz beschloss in der Folge, dass der Leumund von Priestern bei der Einstellung konsequenter überprüft und vermehrt der Gang vor ein weltliches Gericht begangen werden soll. (sda)

In der Schweiz seit den Neunzigerjahren ein öffentliches Thema

Die Debatte über sexuellen Missbrauch in der römisch- katholischen Kirche hat vor gut 25 Jahren in Nordamerika und in Irland ihren Anfang genommen. In Grossbritannien und Kontinental- Europa flammte sie vor über 10 Jahren auf.

Auch in der Schweiz wurden damals Missbrauchsfälle ruchbar, die allerdings meist viele Jahre zurücklagen. Mehrere katholische Geistliche wurden verurteilt, so etwa 1998 im Tessin ein ehemaliger Pfarrer von Lumino und Castione und 1999 ein Pfarrer von Chiasso. 2001 wurde ein pädophiler Priester im Kanton Jura wegen Pornographie zu drei Monaten Zuchthaus verurteilt.

Anfang 2003 wurde der frühere katholische Pfarrer von Uznach SG und Walenstadt SG vom Kreisgericht Gaster-See wegen Missbrauchs von Kindern zu einer Zuchthausstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Bei den Untersuchungen kamen auch pädophile Verfehlungen seines Vorgängers heraus.

2010 ins Rollen gekommenn

Die öffentliche Missbrauchs-Debatte kam indes erst 2010 richtig ins Rollen: Ein in Baden AG und in Schübelbach SZ tätiger Priester war 1971 vom zuständigen Bistum Basel angestellt worden, obwohl dieses Kenntnis von seinen früheren sexuellen Übergriffen in Deutschland und Österreich hatte.

Im Frühjahr 2010 erregten zudem Fernseh-Beiträge über Missbräuche an der Stiftsschule Einsiedeln SZ Aufsehen, ferner über sexuellen Missbrauch und Gewalt im ehemaligen Kinderheim Rathausen LU, das von katholischen Geistlichen geführt worden war.

Schon Ende 2002 hatte die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) Richtlinien zum Umgang mit sexuellen Übergriffen in der Seelsorge verabschiedet. Diese sehen unter anderem vor, Beratungs- und Meldestellen einzurichten. Mehrere Bistümer und Klöster folgten den Direktiven. Das Kloster Einsiedeln bestätigte nun die 2010 publik gemachten Vorfälle.

Papst Johannes Paul II. bat 2001 erstmals die Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester um Vergebung und forderte Aufklärung. Auch Papst Benedikt XVI. entschuldigte sich mehrmals bei Missbrauchsopfern - etwa im Frühjahr 2010 bei den irischen Opfern.

(SDA)

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