Gebrandmarkte Inderin: 40 Tage lang von 40 Männern vergewaltigt
Aktualisiert

Gebrandmarkte Inderin40 Tage lang von 40 Männern vergewaltigt

Nach einem unglaublichen Martyrium kämpft eine Inderin seit 17 Jahren um Gerechtigkeit. Als sie 16 war, wurde sie brutal vergewaltigt. Während die Täter frei sind, ist das Leben des Opfers ein Scherbenhaufen.

von
Muneeza Naqvi
AP
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Wenn sie morgens das Haus verlässt, wirkt sie wie eine normale Inderin auf dem Weg zur Arbeit. Doch der Blick der Frau aus Suryanelli geht starr nach unten. Aus Furcht, man könne in ihr die Frau erkennen, die 1996 als 16-Jährige 40 Tage lang von über 40 Männern vergewaltigt wurde.

Wenn sie morgens das Haus verlässt, wirkt sie wie eine normale Inderin auf dem Weg zur Arbeit. Doch der Blick der Frau aus Suryanelli geht starr nach unten. Aus Furcht, man könne in ihr die Frau erkennen, die 1996 als 16-Jährige 40 Tage lang von über 40 Männern vergewaltigt wurde.

Keystone/AP/Aijaz Rahi
Am 16. Januar 1996 traf sie sich mit Raju an der Bushaltestelle, wo er zwei Fahrkarten für sie kaufte und sich in den hinteren Teil des Busses zu den anderen Männern setzte, so, wie es in den ländlichen Gebieten Keralas üblich ist.

Am 16. Januar 1996 traf sie sich mit Raju an der Bushaltestelle, wo er zwei Fahrkarten für sie kaufte und sich in den hinteren Teil des Busses zu den anderen Männern setzte, so, wie es in den ländlichen Gebieten Keralas üblich ist.

Keystone/AP/Aijaz Rahi
Als sie an ihrem Zielort ausstieg, war Raju nicht da. Panikerfüllt fuhr die Frau per Bus zum Wohnort ihrer Tante, wo sie kurz vor Mitternacht eintraf.

Als sie an ihrem Zielort ausstieg, war Raju nicht da. Panikerfüllt fuhr die Frau per Bus zum Wohnort ihrer Tante, wo sie kurz vor Mitternacht eintraf.

Keystone/AP/Aijaz Rahi

Für Indiens Frauen gehört sexuelle Belästigung zum Alltag. Und Vergewaltigungsopfer werden auch von der Gesellschaft nicht selten härter bestraft als die Täter. Eine Inderin kämpft nach einem unglaublichen Martyrium seit 17 Jahren um Gerechtigkeit. Ihr Leben ist ein Trümmerhaufen.

Wenn sie morgens das Haus verlässt, wirkt sie wie eine normale Inderin auf dem Weg zur Arbeit. Doch der Blick der Frau aus Suryanelli geht starr nach unten. Aus Furcht, man könne in ihr die Frau erkennen, die 1996 als 16-Jährige 40 Tage lang von über 40 Männern vergewaltigt wurde. Aus Furcht, sie könne den Blick heben und einen ihrer Peiniger wiedersehen. Denn bis auf einen der Angreifer sind alle noch auf freiem Fuss, während die Frau aus Suryanelli in ihrem eigenen Gefängnis steckt.

24'206 Vergewaltigungen wurden 2011 in Indien gemeldet, aber die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Vergewaltigung gilt dort oftmals weniger als Verbrechen, sondern als etwas, das Schande über die Frau bringt. Viele Opfer verstecken sich, entweder aus eigener Scham oder auf Druck der Familie.

Sexuelle Belästigung Teil des Alltags

Nicht so die Frau aus Suryanelli, die über sich sagt, ihr Kampf für Gerechtigkeit habe sie als «schamlose Frau» gebrandmarkt. Ihre Strafe besteht darin, wieder und wieder zum Opfer gemacht zu werden - von der Polizei, Gerichten, Behörden und der Gesellschaft. «Ich habe nichts verkehrt gemacht, aber ich bin die einzige, die noch leidet», sagt sie. Nach indischem Recht dürfen bei laufenden Gerichtsverfahren Vergewaltigungsopfer nicht identifiziert werden, deswegen trägt die Frau aus Suryanelli nur den Namen ihres ehemaligen Heimatdorfs im südindischen Staat Kerala. Seit vor acht Jahren Gaffer ihr Haus belagerten, leben sie und ihre Familie dort nicht mehr.

Sexuelle Belästigung ist für fast alle Frauen in Indien Teil des Alltags. Früh lernen sie, die Beine zu bedecken, nichts zu Enges oder zu Aufreizendes zu tragen. Im Dunkeln gehen sie meist nicht aus, die ständigen anzüglichen Bemerkungen auf der Strasse werden überhört. Es bedurfte einer Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi, damit das Stillschweigen ein Ende fand. Zehntausende Inder gingen auf die Strasse und beklagten dort den Tod der jungen Studentin, die so brutal vergewaltigt wurde, dass sie ihren Verletzungen erlag. Auch der Fall der Frau aus Suryanelli wurde daraufhin aus dem Archiv gezogen, wo er acht Jahre lang gelegen hatte. Das Oberste Gericht ordnete an, dass der Fall binnen sechs Monaten neu verhandelt werden müsse.

Als 16-Jährige hatte sich die Frau in den zehn Jahre älteren Busschaffner Raju verliebt und wollte für den chronisch klammen Mann sogar Goldschmuck versetzen. Er wiederum erpresste sie: Sie müsse mit ihm fortlaufen, dann würde er sie heiraten. Ansonsten würde er ihren Kopf auf Fotos nackter Frauen montieren und die Bilder in ihrer Schule verteilen. Die Frau war nervös und unsicher, willigte aber letztlich ein.

Anwalt unter den Tätern

Am 16. Januar 1996 traf sie sich mit Raju an der Bushaltestelle, wo er zwei Fahrkarten für sie kaufte und sich in den hinteren Teil des Busses zu den anderen Männern setzte, so, wie es in den ländlichen Gebieten Keralas üblich ist. Als sie an ihrem Zielort ausstieg, war Raju nicht da. Panikerfüllt fuhr die Frau per Bus zum Wohnort ihrer Tante, wo sie kurz vor Mitternacht eintraf. Ein Mann erbot sich, die Frau aus Suryanelli nach Hause zu begleiten. Stattdessen brachte er sie in eine Pension und vergewaltigte sie dort. Die nächsten 42 Tage waren eine Abfolge von Prügeln und Fremden, die sie vergewaltigten. Mit Pillen versetzter Alkohol stellte die Frau ruhig. Zu ihren Angreifern zählten ein pensionierter Professor, Anwälte, Geschäftsleute und Beamte. Wenn sie sich wehre, werde er ihre Familie töten, drohte der erste Vergewaltiger: «Ich bin Anwalt, mich erwischen die nie.»

Irgendwann wurde sie mit ein wenig Geld an einer Busstation ausgesetzt. Was das Ende ihrer Tortur hätte sein sollen, war jedoch erst der Anfang. Ihr Vater ging mit ihr zur örtlichen Polizeiwache, wo man versuchte, sie von einer Anzeige abzubringen. Dann mussten die Frau und ihr Vater wie Verbrecher in einen Polizeiwagen gesperrt überall hinfahren, wo die Frau gewesen war - mit einigen der Verdächtigen dabei. Jeder Tag brachte eine neue Erniedrigung. Die Polizisten und die Täter schienen vorzüglich miteinander auszukommen, lachten und machten Witze. Der Frauenarzt, der sie untersuchte, sagte, ihre Vagina sei für reguläre Untersuchungen zu stark zerstört.

Täter wurden zuerst verurteilt, aber ...

Drei Jahre dauerte es, bis sich Indiens chronisch überlastetes Rechtssystem überhaupt mit dem Fall befasste und dann standen nicht die Männer auf dem Prüfstand, sondern der Charakter der Frau. Im Kreuzverhör überzog die Verteidigung die Frau mit Fragen, die offenbar nur dazu dienten, sie in Verlegenheit zu bringen. Und die Angeklagten sagten entweder aus, sie würden die Frau gar nicht kennen oder dass sie in den Sex eingewilligt habe. Der Richter befand dennoch alle 35 Angeklagten für schuldig und verurteilte sie zu Haftstrafen von bis zu 14 Jahren. Nur weil sich eine Frau nicht wehrte, sei das nicht als Einverständnis aufzufassen, meinte er.

Video: Bericht über das «Suryanelli Girl» (YouTube/NDTV)

Einen Moment lang schien es, als habe die Frau aus Suryanelli gewonnen, doch keiner der Verurteilten musste ins Gefängnis. Alle legten Berufung ein und wurden auf Kaution freigelassen. Neun Jahre später kam der Fall endlich vor die nächsthöhere Instanz, wo sich die beiden Richter ganz klar positionierten. Die Frau sei kein normales junges Mädchen gewesen, sondern habe instabilen Charakter bewiesen, indem sie Schmuck für ihren Freund versetzte und ihm Geld gab. Und warum hatte sie nicht versucht zu fliehen? Ihren Aussagen sei nicht zu trauen. 35 der 36 Angeklagten wurden freigesprochen, nur der Mann, der die Frau aus Suryanelli als Erster vergewaltigte, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Leben der inzwischen 33-jährigen Frau ist ein Scherbenhaufen. Freunde wandten sich ab, Verwandte ebenso. Es wurde getuschelt, ihr Vater habe seine Tochter zum Anschaffen geschickt und sich von dem Geld ein Haus gebaut. Sie habe über die Frau nachgedacht, die in Neu-Delhi nach ihrer Gruppenvergewaltigung gestorben sei, sagt die Frau aus Suryanelli: «Gott hat es gut mit ihr gemeint und ihr das Leben genommen. Sie musste nicht erleiden, was ich die vergangenen 17 Jahre durchgemacht habe.»

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