Aktualisiert 21.05.2019 09:40

Schweizer Studie

400'000 Frauen hatten Sex gegen ihren Willen

Von Anstarren über anzügliche Witze bis hin zu ungewolltem Geschlechtsverkehr: Eine neue Studie zeigt, wie stark Frauen in der Schweiz von sexueller Belästigung und Gewalt betroffen sind.

von
bz
1 / 13
Acht Prozent der Frauen stimmten sexuellen Aktivitäten aus Angst vor Konsequenzen zu, sieben Prozent wurden durch Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Acht Prozent der Frauen stimmten sexuellen Aktivitäten aus Angst vor Konsequenzen zu, sieben Prozent wurden durch Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Praetorianphoto
kein Anbieter
kein Anbieter

Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen sind in der Schweiz weit verbreitet. Zu diesem Schluss kommt das Forschungsinstitut GFS Bern in seiner neuen Studie im Auftrag von Amnesty International. 55 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Gewalt an Frauen in der Schweiz verbreitet ist. 44 Prozent der befragten Frauen halten Gewalt hingegen lediglich für wenig oder überhaupt nicht verbreitet. Befragt wurden zwischen März und April 2019 rund 4400 in der Schweiz wohnhafte Frauen ab 16 Jahren.

Hatten Sie schon Sex gegen Ihren Willen? Erzählen Sie uns davon hier (wir behandeln ihre Angaben vertraulich):

Sex gegen den eigenen Willen

Zwölf Prozent der Frauen erlebten Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen. Hochgerechnet auf die gesamte weibliche Bevölkerung der Schweiz entspricht dies rund 430'000 Frauen ab 16 Jahren. Acht Prozent der Frauen stimmten sexuellen Aktivitäten aus Angst vor Konsequenzen zu, sieben Prozent wurden durch Gewalt zum Geschlechtsverkehr (Festhalten oder Zufügen von Schmerzen) gezwungen. Bei den Tätern handelte es sich oft um Bekannte (68 Prozent).

Reaktionen der Opfer

Äusserst selten meldeten die Betroffenen den Vorfall über das unmittelbar vertraute Umfeld hinaus. Lediglich elf Prozent nahmen die Hilfe einer Beratungsstelle in Anspruch. Nur zehn Prozent meldeten den Vorfall der Polizei und nur acht Prozent erstatteten schlussendlich Strafanzeige. Die Zurückhaltung begründeten sie mit Scham (64 Prozent), dem Gefühl, chancenlos zu sein (62 Prozent) und der Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird (58 Prozent). Weitere über 50 Prozent sind überzeugt, dass eine Anzeige die Situation nur verschlimmert hätte. Knapp über die Hälfte war sich nicht sicher, überhaupt das Recht zu einer Anzeige zu haben.

Sexuelle Belästigung

Über 73 Prozent der befragten Frauen erachten verschiedene Formen der sexuellen Belästigung als sehr oder eher verbreitet. Dabei empfinden insbesondere jüngere Frauen sexuelle Belästigung als stärker verbreitet. Mit steigendem Alter nehmen die Befragten dagegen Gewalt als verbreiteter wahr. So beurteilen bei den 16- bis 39-Jährigen 18 Prozent sexuelle Belästigung als sehr verbreitet, während sich bei den über 65-Jährigen nur acht Prozent dieser Meinung anschliessen.

Zwei von drei Befragten geben an, persönlich andere Frauen zu kennen, die Opfer sexueller Belästigung wurden. Jede vierte Frau berichtet von Situationen, in denen sie sich mindestens ab und zu Sorgen macht, sexuell belästigt zu werden. Dabei handelt es sich etwa um Situationen am Arbeitsplatz, unterwegs oder zu Hause.

Formen der Belästigung

Unerwünschte Berührungen, Umarmungen oder Küsse zählen zu den häufigsten Formen sexueller Belästigung. Über die Hälfte der Befragten (59) Prozent machten diese Erfahrungen. Mehrheitlich wurden die Betroffenen mit sexuell suggestiven Kommentaren und Witzen (56 Prozent), mit einschüchterndem Anstarren (54 Prozent), unangenehmen Avancen (50 Prozent) und aufdringlichen Kommentaren über den eigenen Körper (50 Prozent) konfrontiert.

Rund jede vierte Frau in der Schweiz erlebte seit ihrer Jugend zudem aufdringliche Fragen zum Privatleben, unangemessene Einladungen oder auch exhibitionistische Posen. Sexuell eindeutige Bilder, Fotos oder Geschenke sind hingegen am wenigsten verbreitet – nur jede fünfte Frau hat diese Erfahrungen bereits gemacht.

Belästigung online

Belästigungsformen auf neuen Medien sehen sich jüngere Frauen besonders stark ausgesetzt. Rund 60 Prozent der 16- bis 39-Jährigen waren von aufdringlichen Kommentaren über die körperliche Erscheinung, die als beleidigend empfunden werden, betroffen. Rund die Hälfte der Frauen in der jüngsten Altersgruppe erhielt unerwünscht auf Online-Kanälen sexuell eindeutige Nachrichten. Die Frauen bis 29 Jahre standen dabei an der Spitze (57 Prozent).

Orte der Belästigung

Über die Hälfte der Frauen wurde auf der Strasse (56 Prozent), im öffentlichen Verkehr (46 Prozent) oder in Bars und Clubs (42 Prozent) bedrängt. Vor allem die Gruppe der 16- bis 39-Jährigen wurde in Bars und Clubs bedrängt.

Über die Hälfte der Befragten erlebte sexuelle Gewalt zu Hause (52 Prozent). Am zweithäufigsten ereignete sich der Vorfall «anderswo» (47 Prozent). Selten zu sexueller Gewalt kommt es am Arbeitsplatz.

Verantwortung und Forderung

70 Prozent sind der Ansicht, dass Frauen zu oft dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie sexuell belästigt oder angegriffen werden. Eine klare Mehrheit fordert auch, dass Gesellschaft und Politik im Kampf gegen sexuelle Gewalt und Belästigung mehr unternehmen müssen. Eine Minderheit (16 Prozent) findet, es werde bereits genug unternommen. 14 Prozent äusserten sich nicht zum Thema. Über die Hälfte der Schweizer Frauen fordert zudem, dass jede sexuelle Penetration ohne gegenseitiges Einverständnis als Vergewaltigung einzuordnen ist.

Hatten Sie schon Sex gegen Ihren Willen? Erzählen Sie uns davon hier (wir behandeln ihre Angaben vertraulich):

Fehler gefunden?Jetzt melden.