Kansas City – 43 Jahre unschuldig im Gefängnis – jetzt will Kevin Strickland das Meer sehen
Aktualisiert

Kansas City 43 Jahre unschuldig im Gefängnis – jetzt will Kevin Strickland das Meer sehen

Der unschuldig verurteilte Kevin Strickland hat das Gefängnis im Rollstuhl verlassen. Als Erstes besuchte er das Grab seiner kürzlich verstorbenen Mutter.

Darum gehts

  • Stricklands Fall ist eine der längsten unrechtmässigen Inhaftierungen der US-Justizgeschichte.

  • Von seiner Freilassung erfuhr Strickland, als er im TV eigentlich eine Seifenopfer schauen wollte.

  • Eine Gesetzesänderung im US-Bundesstaat Missouri ermöglichte ihm schliesslich die Freilassung.

Kevin Strickland sass rund 43 Jahre lang unschuldig hinter Gittern – bis ein Berufungsgericht am Dienstag die Verurteilung aufhob. Richter James Welsh ordnete die Freilassung des Mannes an. Nun hat sich Strickland im US-Fernsehen zu seiner Zukunft geäussert. «Jeder, der lebt, möchte das Meer sehen, bevor er stirbt», sagte der 62-Jährige gegenüber «CNN». «Ich will es nicht nur sehen, ich will reingehen.»

Als Jugendlicher sei er ein guter Schwimmer gewesen. Jetzt wolle er die «Macht des Wassers» spüren und surfen. «Ich glaube, mit 62 Jahren kann ich surfen, wenn sie mich aus diesem Rollstuhl herausbekommen.»

«Ich kann es noch nicht glauben»

Stricklands Fall ist eine der längsten unrechtmässigen Inhaftierungen der US-Justizgeschichte. Der Afroamerikaner hatte 1979 wegen einer Gewalttat mit drei Toten eine lebenslange Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung kassiert. Beweise dafür, dass er tatsächlich am Tatort gewesen sei, gebe es keine, erklärte nun der Richter. Und die damalige Hauptzeugin habe ihre Aussage widerrufen. Unter diesen Umständen sei das Vertrauen des Gerichts in Stricklands Verurteilung so erschüttert, dass es sie nicht aufrechterhalten könne.

1 / 3
Kevin Strickland sass über 40 Jahre lang für ein Verbrechen im Gefängnis, das er nicht begangen hatte. Als er frei kam, besuchte er als Erstes das Grab seiner Mutter, die vor kurzem starb.

Kevin Strickland sass über 40 Jahre lang für ein Verbrechen im Gefängnis, das er nicht begangen hatte. Als er frei kam, besuchte er als Erstes das Grab seiner Mutter, die vor kurzem starb.

Imago Images/Zuma Wire
Mithäftlinge hätten gegen die Wände geschlagen, als er von der Entscheidung des Richters erfuhr, sagte Strickland nach seiner Freilassung.

Mithäftlinge hätten gegen die Wände geschlagen, als er von der Entscheidung des Richters erfuhr, sagte Strickland nach seiner Freilassung.

Kansas City Missouri Police Department
Jetzt will der 62-Jährige das Meer sehen. Das Foto zeigt die Bucht von San Francisco.

Jetzt will der 62-Jährige das Meer sehen. Das Foto zeigt die Bucht von San Francisco.

Wikipedia/Doc Searl/CC BY 2.0

Am Dienstag verliess Strickland das Gefängnis in einem Rollstuhl. Davor habe er beim Fernsehen sein Foto auf dem Bildschirm gesehen, als er eigentlich gerade eine Seifenoper schaute. Mithäftlinge hätten dann gerufen und gegen die Wände geschlagen, schilderte er den Moment, als er von der Entscheidung des Richters erfuhr. Der 62-Jährige hatte stets seine Unschuld beteuert. «Ich kann es noch nicht glauben. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag kommen würde.» Wütend sei er nicht unbedingt, aber es gebe nun viel zu verarbeiten.

Die Jury bestand nur aus Weissen

Eine nur aus Weissen bestehende Jury hatte Strickland 1979 verurteilt. Sie legte ihm zur Last, 1978 als 18-Jähriger an einer Gewalttat in Kansas City beteiligt gewesen zu sein. Die einzige Überlebende widerrief ihre Aussage und setzte sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2015 für Stricklands Freilassung ein. Sie gab an, dass sie ein Polizist unter Druck gesetzt habe. Auch zwei als Täter verurteilte Männer sagten, er sei nicht beteiligt gewesen.

«Wir heissen Kevin Strickland willkommen zurück in Kansas City», twitterte nun Quinton Lucas, der Bürgermeister von Kansas City. «Unsere Gemeinschaft verdankt ihm mehr, als wir uns vorstellen können, und wir verpflichten uns, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um ihn zu unterstützen.»

«Ich war ein leichtes Ziel»

«Ich war ein leichtes Ziel», sagte Strickland nach seiner Freilassung. Die Polizei habe vom ersten Tag an gewusst, dass er dieses Verbrechen nicht begangen habe. Gegen die Frau, die damals gegen ihn ausgesagt hatte, hege er keinen Groll. Auch sie sei ein Opfer gewesen.

Dass es so lange gedauert hat, Strickland aus dem Gefängnis zu bekommen, lag auch an den speziellen gesetzlichen Regelungen im Bundesstaat Missouri – erst eine Gesetzesänderung in diesem Jahr erleichterte die Freilassung. Sogar die Staatsanwaltschaft hatte in der Vergangenheit Stricklands Entlassung aus dem Gefängnis gefordert.

Übrigens: Nach seiner Entlassung führte es Strickland nicht zuerst ans Meer. Er liess sich stattdessen zum Grab seiner Mutter bringen, die kürzlich verstorben war. «Ich habe geweint wie an dem Tag, an dem sie mich wegen Verbrechen schuldig gesprochen haben, die ich nicht begangen habe», sagte Strickland zum Nachrichtensender «CNN». «Zu wissen, dass meine Mutter unter dieser Erde liegt, und ich keine Möglichkeit hatte, sie in den letzten Jahren zu besuchen.» Er habe zu ihr gesprochen und sei überzeugt, dass sie ihn fühlen und hören könne.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

(DPA/AFP/mur)

Deine Meinung

29 Kommentare