Hochhaus von Benidorm: 47 Stockwerke, 11 Lifte und eine «lächerliche Lüge»
Aktualisiert

Hochhaus von Benidorm47 Stockwerke, 11 Lifte und eine «lächerliche Lüge»

Liftschächte vergessen? In Benidorm in Südspanien entsteht ein Hochhaus ohne Aufzüge, hiess es vor einer Woche. Der Bauherr erklärt gegenüber 20 Minuten, wie es zu der Falschmeldung kam.

von
Karin Leuthold

Eine bizarre Geschichte rund um das höchste Wohnhaus Europas machte weltweit die Runde: Es entstehe in Benidorm, an der südspanischen Küste, gerade ein 210 Meter hohes Haus, bei dem ab dem 20. Stockwerk sämtliche Fahrstühle fehlen würden. Der Architekt habe vergessen, diese in der Struktur mit einzukalkulieren.

Der erste Artikel über das InTempo-Gebäude erschien Ende Juli in der spanischen Zeitung «El País». Darin beschrieb der Journalist ausführlich das finanzielle Chaos rund um das ambitionierte Projekt, das dazu geführt habe, dass nach acht Jahren der Bau noch nicht beendet sei. Unter anderem, so eine dem Journalisten vertraute «Quelle», hätten die Architekten im Mai 2012 gekündigt, nachdem es zwischen den Banken, dem Bauherr, dem Immobilienmakler und den Bauarbeitern mehrmals zu Konflikten und tragischen Vorfällen gekommen sei.

Kurzer Satz – riesiges Chaos

Erst im vorletzten Absatz wird das Thema Aufzüge erwähnt. Die besagte Quelle behauptet, dass im anarchischen Bauprozess die «Aufzugschächte nicht berücksichtigt» worden seien. «Der Schacht war für ein 20-stöckiges Haus geplant», heisst es darin. Mehr ist dazu nicht zu lesen.

Was mit der Geschichte danach geschah, kennt man aus dem Kinderspiel «Flüsterpost». Ein einfacher Satz wird x-mal weitergegeben – und dabei oft falsch verstanden, falsch interpretiert oder fehlerhaft übersetzt. Zunächst griff ihn der US-Blog «Kinja» auf. In der Übersetzung von Blogger Jesus Diaz: «(Das Haus) ist ein perfektes Beispiel für die peinliche Bauplanung in dem Land: Die Hälfte (des Hauses) hat nicht einmal Aufzüge.»

Karriere eines Hoax

Kurz darauf stürzten sich europäische Medien – auch 20 Minuten – auf die saftige Meldung. Hallo, Sommerloch! Dann schlossen sich US-Zeitungen und Blogs an, schliesslich auch Japan und ganz Lateinamerika. Wenn es doch nur bei der Fehlinterpretation dieses einen Satzes geblieben wäre – nein, da musste noch Zuspitzung rein.

Mieter müssten «47 Stockwerke hochlaufen», schrieb eine deutsche Boulevardzeitung. Die Bauarbeiter müssten sogar «das Material zu Fuss hochschleppen». Die Nachricht stand bald auf den Fronten von angesehenen Blättern wie «Spiegel», «NZZ» oder «Die Welt». Dann kam das erste Dementi: Die Aufzüge seien sehr wohl eingeplant, das Haus verfüge gar über 11 von ihnen, meldet der Blog «Barcepundit». Die Geschichte sei eine Ente, ein Hoax.

Verbreiten die Architekten Unwahrheiten?

Für Rafael Ballesta, CEO und Verkaufsleiter bei «InTempo Costablanca», ist der Vorfall «lächerlich und unverständlich, eine schamlose Lüge». Schuld am Ganzen seien die Medien, wütet er gegenüber 20 Minuten. «Hier haben Journalisten ihre Verantwortung nicht wahrgenommen. Einer hat den anderen abgeschrieben, ohne die Information zu verifizieren», sagt Ballesta. Er kann sich nicht erklären, wie es so weit kommen konnte. «Vielleicht waren es die Architekten, mit denen man im Streit auseinandergegangen war.»

In den letzten Wochen habe er im Internet Hunderte falsche Berichte über das InTempo-Gebäude gelesen. «Von all den Schreibern haben sich kaum vier Prozent bei mir gemeldet und nachgefragt, ob die Informationen stimmen.» Ein offizielles Dementi habe er allerdings nicht veröffentlicht. «Das machen wir erst im Oktober, dann wird es grossartige News geben», kündigt Ballesta an.

Das ist verständlich, denn seinem Unternehmen kommt die Gratisberichterstattung sehr gelegen: «Es rufen uns Leute aus allen Ecken der Welt an, aus Paris, Russland, Japan und den USA.» Die Verkäufe würden seither sehr gut laufen. Der Bau soll im Dezember dieses Jahres fertig sein. «Im November werden wir eine riesige Einweihungsparty machen.»

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