05.10.2019 05:12

Vor 25 Jahren

48 Morde in 24 Stunden erschütterten die Schweiz

Am 5. Oktober 1994 spielten sich in Cheiry FR und Salvan VS die grössten Massenmorde der Schweizer Geschichte ab. Hinter der Tragödie steckte eine geheime Sekte: Die Sonnentempler.

von
rc
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In Cheiry FR fanden die Behörden 23 Leichen, kreisförmig angeordnet, mit Kopfschüssen niedergestreckt.

In Cheiry FR fanden die Behörden 23 Leichen, kreisförmig angeordnet, mit Kopfschüssen niedergestreckt.

Keystone/str
Die Leichen wurden in einem geheimen Keller dieses Hauses gefunden.

Die Leichen wurden in einem geheimen Keller dieses Hauses gefunden.

Keystone/str
Schnell wird klar, dass es sich bei den Leichen um Mitglieder einer geheimen Sekte handelt.

Schnell wird klar, dass es sich bei den Leichen um Mitglieder einer geheimen Sekte handelt.

Keystone/edi Engeler

Ein brutales Drama jährt sich heute zum 25. Mal: Am 5. Oktober 1994 brannte in einem kleinen Dorf im freiburgischen Cheiry ein Bauernhof. Als der Alarm bei der Feuerwehr einging, ahnte noch niemand, dass bald die Augen der ganzen Welt auf das kleine Schweizer Dörfchen gerichtet sein würden. Doch dann der Schock: In den Trümmern des Bauernhofs finden die Behörden 23 Leichen, kreisförmig angeordnet, mit jeweils mehreren Kopfschüssen niedergestreckt.

Die Ermittler tappen vorerst im Dunkeln. Schnell wird jedoch klar, dass es sich bei den Leichen um Mitglieder einer geheimen Sekte handelte: Die Sonnentempler. Ein streng hierarchischer Geheimbund, der weltweit bis zu 400 Mitglieder zählte und vorwiegend in der Schweiz, Frankreich und Kanada aktiv war. «Journalisten aus der ganzen Welt strömten in Scharen in das kleine Dörfchen, um über die Tragödie zu berichten», erzählt ein Reporter, der damals vor Ort war.

Weitere Leichen gefunden

Nur wenige Stunden später gibt es für die Journalisten schon die nächsten Breaking News: In Salvan im Kanton Wallis werden in den frühen Morgenstunden der darauffolgenden Nacht 25 weitere Leichen gefunden. Auch hier ist es zuvor auf mysteriöse Weise zu einem Feuer gekommen. Und auch hier gehen die Behörden von einem Massenmord aus. Eine Analyse ergab: Die Mitglieder wurden im Wallis nicht erschossen, sie wurden allesamt mit einem Medikamenten-Cocktail umgebracht. Schnell erhärtet sich zudem die Annahme, dass zwischen den beiden Vorfällen ein Zusammenhang besteht.

Die Ermittlungen dauerten damals an. Die Untersuchungen erwiesen sich als schwierig. Dies, weil die ganze Führungsgruppe der Sekte beim Massaker umkam und die Gebäude in Flammen gesteckt wurden. Erst ging man von einem Massenselbstmord aus. Doch weitere Untersuchungen zeigten schnell, dass viele der Menschen ermordet worden waren. Wer sich umbringen liess und wer kaltblütig ermordet wurde, bleibt bis heute ein Geheimnis.

Wer waren sie, die Sonnentempler?

Alle Leichen trugen beim Auffinden lange, weisse Gewänder, Orden und Schwerter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch praktisch niemand von den Sonnentemplern gehört. Erst nach diversen Hausdurchsuchungen und sichergestellten Dokumenten und Videomaterial erhielt man Einblicke ins Innere der Sekte.

Die Sonnentempler gingen aus dem 1952 gegründeten Orden des Sonnentempels hervor. Im Jahr 1983 übernahm der belgische Homöopath Luc Jouret die Leitung der Sekte und baute sie nach und nach zu einer Geheimorganisation aus. Zu der Führungsspitze der Sonnentempler gehörten neben Luc Jouret auch Joseph di Mambro, der zusammen mit Jouret eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung der Morde einnahm. Beide gehörten zum Führungsstab der Sekte.

Di Mambro gaukelte den Mitgliedern vor, einen Schlüssel zu einer anderen Welt zu besitzen und seine Befehle von Meistern von einem anderen Stern zu erhalten. Die Anführer verpflichteten die Mitglieder der Sonnentempler, den Orden um jeden Preis geheim zu halten. Der Geheimbund war streng hierarchisch aufgebaut: Die Sektenführer regelten das Sozialleben aller Mitglieder. Anführer wie Jospeh di Mambro trennten Paare und Familien nach Gutdünken und arrangierten neue Ehen. Sie bestimmten sogar über die Namen der Kinder, die aus den Heiraten hervorgingen.

Auftragsmord

Wohlhabende Mitglieder des Ordens wurden systematisch ausgebeutet und waren dazu verpflichtet, bis zu 200 Franken pro Woche an die Sekte abzugeben. Von diesem Geld kaufte sich der Orden Immobilien, der Führungsstab finanzierte sich einen extravaganten Lebensstil. Nach und nach wandten sich immer mehr Menschen von der Sekte ab, als sie erfuhren, welchen Luxus sich die Sektenführer mit ihrem Geld kauften.

Di Mambro hegte gegen Aussteiger einen gewaltigen Hass, betitelte sie als Antichristen und gab sogar den Mord an einer Aussteigerfamilie in Auftrag. Das Ehepaar wurde in Kanada mitsamt Kind von Mitgliedern der Sekte ermordet. Danach wurde das Haus in Flammen gesteckt.

Kindliche Paradiesvorstellungen

Die Mitglieder der Sekte waren getrieben von Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten und kindlichen Paradiesvisionen. Die Anführer des Ordens sahen sich selber als göttliche Meister, vergleichbar mit Jesus oder Moses. Sie glaubten daran, dass die Endzeit nahte. Sie waren überzeugt, dass jene, die spirituell genügend entwickelt seien, die Erde freiwillig verlassen würden.

Denn nur so könnten sie dem Schicksal der verdorbenen Welt entgehen und in eine neue Dimension eintreten. «Ich kann euch nicht sagen, wann dieser Tag kommen wird. Es kann in zehn Minuten, wie auch in zehn Tagen oder drei Wochen sein», sagte Joseph di Mambro in einer sichergestellten Audioaufnahme über die geplanten Morde. Am 5. Oktober 1994 schien der Tag für die Ausführung der brutalen Tat dann da zu sein.

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