Aktualisiert 19.10.2012 11:42

TV-Geschichte48 Nationalräte wetterten gegen «Emmanuelle»

1984 wollte das welsche Fernsehen «Emmanuelle» senden. Nach einem Proteststurm knickte die TSR ein – der Softporno mit Sylvia Kristel flimmerte dennoch über die Bildschirme.

von
Daniel Huber

Im Dezember 1984 schreckte Jean Dumur, der Programmdirektor des Westschweizer Fernsehens, das christliche und konservative Milieu in der Schweiz auf. Seine Ankündigung, in der Silvesternacht werde die TSR den berühmten Erotikfilm «Emmanuelle» ausstrahlen, brachte die Sittenwächter vom Genfer- bis zum Bodensee auf die Barrikaden.

Neben traditionalistischen Katholiken und der erzkatholischen Vereinigung «Pro Veritate» des Moralapostels Bonaventur Meyer – der 1987 auch gegen die «Stop Aids!»-Kampagne Sturm lief – protestierten auch etablierte Politiker gegen das sündige Vorhaben der welschen TV-Macher. An ihre Spitze setzte sich der freisinnige Waadtländer Nationalrat Philippe Pidoux, damals 41 Jahre alt, der mit 47 Ratskollegen – darunter auch die Zürcher Freisinnige Vreni Spoerry – einen Beschwerdebrief an SRG-Generaldirektor Leo Schürmann schickte. Ein grosser Teil der Bevölkerung würde in seinen moralischen Überzeugungen verletzt, schrieb Pidoux.

Bischof ruft zu Gebührenboykott auf

SRG-Chef Schürmann aber blieb hart. Mitte Dezember versuchte der ehemalige Preisüberwacher und CVP-Nationalrat die Gemüter mit dem Hinweis zu beruhigen, der vorgesehene Zeitpunkt der Ausstrahlung ausserhalb des üblichen Programms um zwei Uhr nachts sowie ein Warnhinweis vor Sendebeginn, dass der Film für Jugendliche nicht geeignet sei, würden «hinreichende Gewähr dafür bieten, dass die Eltern ihre erzieherische Verantwortung wahrnehmen können».

Nun hagelte es Kritik für Schürmann. Der Bischof von Sitten und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Monsignore Henri Schwery, zeigte sich «schockiert» darüber, dass ein solch gottloser Film über die Weihnachtszeit ausgestrahlt werde. Der Gottesmann liess es nicht bei dieser Kritik bewenden, sondern rief seine Schäfchen zur TV-Abstinenz und sogar zum Gebührenboykott auf.

Der Proteststurm zeigt Wirkung

In ungewohnter Allianz mit dem katholischen Klerus bezog auch die «Neue Zürcher Zeitung» gegen Schürmann Stellung und stellte der SRG ein «Armutszeugnis» aus. Das freisinnige Blatt bezeichnete «Emmanuelle» als «in seiner pseudoerotischen Herrenmagazinästhetik» nur auf den kommerziellen Erfolg ausgerichtetes «Machwerk», das von «jeder modernen Frau als Provokation empfunden werden» müsse. Schürmann, so mutmasste die NZZ, sei womöglich der «Beifall des sich zum Schirmherrn der Freizügigkeit erklärenden ‹Blicks› wichtiger» als die «ethischen Überzeugungen» vieler Zuschauer.

Der Proteststurm zeigte Wirkung: Am 21. Dezember knickte Jean Dumur ein und gab bekannt, dass der Erotikstreifen aus dem Programm geworfen werde. Man habe aber keinen Druckversuchen nachgegeben, liess die TSR wenig glaubwürdig verlauten, sondern «einen Beitrag zur Beruhigung leisten» wollen. Nationalrat Pidoux war erfreut. «Ich bin gegen jede Zensur», sagte der welsche Sittenwächter, «aber es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung, und ich glaube, dass es dem Fernsehen an Verantwortung gefehlt hätte, wenn es ‹Emmanuelle› an Silvester ausgestrahlt hätte.»

Ein Piratensender macht's möglich

«Emmanuelle-Video: Alle Kassetten vermietet», titelte der «Blick» am 29. Dezember. In der Tat hatte der Medienhype dem berühmt-berüchtigten Softporno massive Gratiswerbung verschafft. Doch nun schaute das Fernsehpublikum in der Romandie in die Röhre. Nicht aber in der Deutschschweiz: Der Zürcher Piratensender «Züri-Welle» strahlte den Streifen aus und speiste ihn in das Kabelnetz der Rediffusion ein. Dort lief er wie vorgesehen um zwei Uhr nachts, aber nicht über den TSR-Kanal, sondern über die Wellen des ersten österreichischen Fernsehens (damals FS 1, heute ORF 1). Möglich sei dieser infame Akt der Piraterie nur deshalb gewesen, weil FS 1 den Sendebetrieb um 1:30 Uhr einstellte und der Kanal daher frei war, berichtete der «Tages-Anzeiger» am 3. Januar 1985.

Wie viele Zuschauer in dieser Silvesternacht tatsächlich in Genuss des umstrittenen «Machwerks» kamen, lässt sich nicht mehr eruieren.

Der Trailer von «Emmanuelle» (Quelle: YouTube/aldymarzio)

«Emmanuelle»

Der berühmte Erotikfilm war zum Zeitpunkt der Kontroverse über die Ausstrahlung im welschen Fernsehen schon einigermassen angejahrt: Der französische Regisseur Just Jaeckin hatte den Streifen 1974 mit der am 17. Oktober 2012 verstorbenen niederländischen Schauspielerin Sylvia Kristel in der Hauptrolle gedreht. Literarische Vorlage war der 1963 erschienene gleichnamige Roman von Emmanuelle Arsan. «Emmanuelle» wurde ein Welterfolg; er war die erfolgreichste französische Film-Produktion der 70er-Jahre. Mehrere Fortsetzungen folgten.

Obwohl der Softerotikfilm nie unter die Bestimmungen über Pornostreifen fiel, belegte ihn die Walliser Zensur in den ersten zehn Jahren mit einem Aufführungsverbot. Mittlerweile gilt das «Produkt einer korrupten Männerfantasie» («Frauen und Film», 1974) im Vergleich mit gewagteren Produktionen als harmlos.

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